Studium

Warum sich Sportwissenschaftler früh spezialisieren sollten

Sportwissenschaftler haben viele Berufsmöglichkeiten. Sie können in der Reha arbeiten, im Marketing, als Trainer oder Sportlehrer.

Sportwissenschaftler Alexandre Kirch ist als Reha-Trainer in einer Praxis für Physio- und Sporttherapie angestellt.

Sportwissenschaftler Alexandre Kirch ist als Reha-Trainer in einer Praxis für Physio- und Sporttherapie angestellt.

Foto: Christine Persitzky

Berlin.  Sie beraten Sportvereine zum Thema Integration, helfen nach Verletzungen beim Wieder-fit-Werden, bringen Kindern das Schwimmen bei, sind Volleyballtrainer oder Sportlehrer. Sie befassen sich als Fan-Beauftragter mit gewalttätigen Auseinandersetzungen in Fußballstadien, entwickeln Bewegungsparcours für Patienten mit Depressionen oder sind im Vertrieb von Sportgeräteherstellern tätig. Alle haben eines gemeinsam: Sie haben Sportwissenschaften studiert und aus ihrer Begeisterung für den Sport einen Beruf gemacht.

Ulrike Kühn zum Beispiel. „Irgendwas mit Sport machen“ wollte sie, nachdem ihre Karriere als Eisschnellläuferin aus gesundheitlichen Gründen früh zu Ende war. „Aus meiner Erfahrung als Übungsleiterin wusste ich aber, dass ich erst mal keine Lehrerin werden wollte“, erzählt die 27-Jährige.

Seminare in Pädagogik und Medizin

Im sehr vielfältig angelegten Sportstudium an der Berliner Humboldt-Universität (HU) mit Lehr­veranstaltungen unter anderem in Sportdidaktik, -pädagogik, -medizin und -psychologie sei sie erst etwas orientierungslos gewesen, bis sie studentische Hilfskraft im Bereich Sportsoziologie wurde und ein Praktikum bei der Brandenburgischen Sportjugend machte.

Nach dem Abschluss ihres Masterstudiums ging dann alles ganz schnell: Genau im richtigen Moment gab es eine Stelle beim Landessportbund Berlin im Bereich Integration durch Sport. Kühn war sofort begeistert – und bekam den Job.

Projekte für Migranten und Geflüchtete

Seit April 2016 arbeitet sie nun dort, gleich neben dem Olympiastadion. Ihr Arbeitsplatz ist trotzdem meist der Schreibtisch. Die 27-Jährige unterstützt Sportvereine bei deren Arbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchteten. Sie hilft zum Beispiel, Fördergelder zu beantragen und Projekte zu planen.

Das Thema Bildung liegt ihr besonders am Herzen. Zweimal pro Jahr bietet Ulrike Kühn das Fortbildungsseminar „Fit für die Vielfalt“ an. Es richtet sich an Interessierte aus Sportvereinen, die mit interkulturellen Gruppen arbeiten, und findet im Rahmen des Programms „Integration durch Sport“ des Deutschen Olympischen Sportbunds statt.

Eigeninitiative ist gefragt

„Das breite Spektrum der Studieninhalte fand ich gut, weil man in viele Bereiche hineinschnuppern und so das Passende finden konnte“, sagt Ulrike Kühn im Rückblick. Stefan Hansen, Studienberater und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Sportsoziologie der HU, sieht in der Interdisziplinarität des Studiums aber auch eine Herausforderung: „Die Studierenden müssen sich auf sehr unterschiedliche Wissen­schafts­kulturen einlassen. Einen Bereich wirklich zu vertiefen – das muss jeder in Eigenregie hinbekommen.“

Die Situation der Absolventen hält er für nicht ganz so einfach: „Man muss sich schon während des Studiums intensiv um die spätere Karriere kümmern und sich möglichst etwas ganz Individuelles zulegen.“ Der Berufseinstieg laufe im Bereich der Vereine und Verbände oft zunächst über befristete Projektmitarbeit. „Und im Gesundheitsbereich konkurrieren die Absolventen mit Physiotherapeuten und anderen Gesundheitsberufen“, so Hansen weiter.

Verletzte Sportler als Reha-Trainer betreuen

Alexandre Kirch hat den Einstieg in den Gesundheitsbereich trotzdem gut geschafft. Seit etwa einem halben Jahr arbeitet der 27-jährige Luxemburger als fest angestellter Reha-Trainer in einer Praxis für Physio- und Sporttherapie in Potsdam-Babelsberg. Zu ihm kommen zum Beispiel verletzte Sportler, aber auch Nichtsportler, wenn die Phase der Physiotherapie abgeschlossen ist.

In Einzelbetreuung hilft er ihnen dann beim Muskelaufbau, zeigt kräftigende Übungen, überwacht und korrigiert die Bewegungsabläufe, motiviert weiterzumachen, auch wenn es anstrengend wird. Daneben betreut Kirch mehrere Sport­-mannschaften als Athletiktrainer. Seinen Bachelorabschluss in Sport und angewandter Trainingswissenschaft hat er an der privaten Berliner H:G Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst gemacht – semivirtuell: Es gibt drei einwöchige Präsenzphasen pro Semester, die restliche Zeit wird online gelernt.

Zweite Karriere für Leistungssportler

„Dieses Studienkonzept funktioniert ideal auch berufsbegleitend oder dual, zum Beispiel für Verbandstrainer oder aktive Sportler, die sich eine zweite Karriere aufbauen wollen“, sagt Thomas Gronwald, Dekan der Fakultät Sportwissenschaft an der H:G. Für Alexandre Kirch waren vor allem die Praktika wichtig, die Teil seines Bachelorstudiums waren.

Anschließend stand sein Ziel „Reha- und Athletiktrainer“ fest: „Ich wollte bei der Arbeit selbst in Bewegung sein und nicht den ganzen Tag vor dem Computer sitzen. Und ich wollte auch anderen ermöglichen, sich wieder bewegen zu können.“ Im Masterstudium Sportwissenschaft wählte er dementsprechend den Schwerpunkt Reha und Prävention. Die Chancen, einen Job in diesem Bereich zu finden, hält er für nicht so schlecht. „Man sollte aber flexibel hinsichtlich des Standortes sein“, sagt er.

Fitness muss in Eignungstests bewiesen werden

Natürlich braucht es auch sportliches Talent – für die Eignungstests vor und die Praxiskurse während des Studiums. Julia Borries, die gerade an der HU ihre Masterarbeit schreibt und als Schwimmlehrerin jobbt, hält das für eine besondere Herausforderung: „Wir mussten sechs verschiedene Praxiskurse belegen – Leichtathletik, Schwimmen, Gerätturnen, Gymnastik/Tanz und zwei von vier Ballsportarten.“

In allem gut sein zu wollen, sei fast utopisch, findet sie – aber doch notwendig, wenn man einen exzellenten Abschluss anstrebe. Parallel beschäftigen sich die Studenten auf hohem Niveau mit der Sporttheorie, etwa Bewegungs- und Trainingslehre: „Man darf sich das Studium nicht so vorstellen, dass man im Hörsaal sitzt und zusammen ein Fußballspiel anschaut.“

Vorteilhaft, ein Menschenfreund zu sein

Was braucht ein Sportwissenschaftler? Gutes Zeitmanagement, eine strukturierte Arbeitsweise und die Fähigkeit, empirische Kenntnisse und die wissenschaftliche Perspektive in die Praxis einfließen zu lassen, meint Dekan Gronwald. Außerdem sei es vorteilhaft, ein Menschenfreund zu sein: „Man sollte mit unterschiedlichen Charakteren und Altersstufen umgehen können. Denn die haben alle ihren eigenen Zugang zu Bewegung und zu Interventionen.“

Er empfiehlt: „Einen breiten Horizont haben, überall mal reinschauen – sich dann aber in ein oder zwei Bereichen spezielles Wissen aneignen.“ Zum Beispiel in dem großen Bereich Gesundheit, Sportmedizin, Sporttherapie, Reha und Prävention, zu dem auch sozialpädagogische Aufgaben zählen. Sportwissenschaftler können dort ebenso als Herzsport-Gruppenleiter arbeiten wie in der Krankenhausverwaltung, bei Krankenkassen oder im betrieblichen Gesundheitsmanagement in einem Unternehmen.

Sportmanager arbeiten im Sponsoring oder Marketing

Wer seinen Studienschwerpunkt auf Sportmanagement setzt, erwirbt besonders viel betriebswirtschaftliches Wissen. Das kann dann zum Beispiel in die Sponsoring-Abteilungen von Unternehmen führen, in Marketing und Vertrieb der Sportartikelindustrie, ins Management einzelner (Spitzen-)Sportler und Vereine oder in die Organisation großer Events.

Sportwissenschaftler findet man in Vereinen und Verbänden, aber auch in Sportämtern und Behörden auf Bezirks-, Landes und Bundesebene. Nicht zuletzt arbeiten sie in Forschungsabteilungen von Hochschulen und sportwissenschaftlichen Instituten, im Tourismus, in der Sportpsychologie sowie in Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit.

Die Bezahlung variiert je nach Job. Stellen als Trainer in Vereinen und Verbänden, von denen man halbwegs vernünftig leben könne, seien jedoch eher selten, sagt Söhnke Hinz. Der ehemalige Bundestrainer der Volleyball-Junioren wechselte lieber in den Schuldienst: „Die Arbeitsbelastung im Trainerjob war erheblich“, sagt er. „Arbeitszeit und Verdienst standen in keinem Verhältnis. Im Lehramt ist das jetzt ganz anders.“

Kliniken zahlen bessere Gehälter als Praxen

Dass die Verdienstmöglichkeiten sich sehr unterscheiden, betont Berno Bahro vom Department für Sport- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Potsdam. Es komme auf die konkrete Stelle an. Laut gehalt.de liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen von Sportwissenschaftlern bei 32.000 Euro brutto. Bahro sagt: „Ein Sporttherapeut verdient in einer Physiotherapie-Praxis weniger als in einer großen Klinik. Auch im Sportmanagement ist die Spannbreite sehr groß.“

Wer auf Lehramt studiert, weiß dagegen genau, was er verdienen wird – und findet schnell einen Job: Sportlehrer sind in Berlin und Brandenburg Mangelware. Auch Quereinsteiger sind willkommen. Das sei für so manchen Sportwissenschaftler eine Option. Nicht jedem gelinge der Berufseinstieg sofort, sagt Bahro. „Es gibt auch den Sportwissenschaftler, der als Bademeister jobbt, weil er keine Stelle findet.“