Junge Profis

Von der Praktikantin zur Leiterin der Akademie

| Lesedauer: 6 Minuten
Andrea Pawlik
Seit 2012 arbeitet Vera Schlegel für das Akustikunternehmen audibene.

Seit 2012 arbeitet Vera Schlegel für das Akustikunternehmen audibene.

Foto: Sven Lambert

Vera Schlegel arbeitet bei der Akustikfirma audibene. Über Hörgeräte kann man überall reden, findet sie – so auch in der Philharmonie.

Berlin.  Dass irgendetwas „boomt“, liest man ja ständig. Doch selten ist der Begriff so treffend, wie im Fall von Vera Schlegels Arbeitgeber audibene: In fünf Jahren hat sich das Wohnzimmer-Start-up zum internationalen Unternehmen mit 580 Mitarbeitern gemausert.

Vera Schlegel, heute Leiterin der Verkäuferschulungen, war von Anfang an dabei: Damals, im Jahr 2012, saß sie als Praktikantin mit den Gründern Marco Vietor und Paul Crusius in eben jenem Wohnzimmer zusammen.

Audibene berät Menschen, die Probleme beim Hören haben. „Viele Kunden informieren sich erst einmal anonym im Internet“, sagt die 28-Jährige. „Das Thema ist immer noch ein bisschen schambesetzt.“

Wer „Hörgerät“ googelt, landet bei audibene, das Suchmaschinenmarketing des Unternehmens funktioniert. „Auf unserer Seite kann man sich erst einmal informieren und dann für eine telefonische Hörberatung eintragen“, erklärt Vera Schlegel. „Auf Wunsch des Kunden rufen unsere Berater ihn an.“

Erst Telefonberatung, dann ein Vor-Ort-Termin

Wer sich zu einem Hörtest und weiterführender Beratung entschließt, dem wird ein Termin mit einem Hörakustiker vor Ort vermittelt. „Allein in Deutschland arbeiten wir mit rund 800 Partnern zusammen“, sagt Vera Schlegel. „Wir können dem Kunden jedes Hörgerät von jedem der neun führenden Hersteller anbieten – vom Basisgerät, das die Krankenkasse bezahlt, bis zur Oberklasse.“ Audibene vermittelt, eigene Modelle hat das Unternehmen nicht.

Die Leiterin der Sales Academy ist immer wieder verblüfft, wie schnell die Firma wächst. „Gerade war ich in einem Meeting, in dem verkündet wurde, dass im April in Deutschland 36 neue Kollegen angefangen haben.“ Mit ihrem Team aus acht Mitarbeitern, darunter Hörakustiker und Sales-Experten, schult Vera Schlegel die Vertriebler der Firma. „Onboarding“ heißt das Einarbeiten. Sie konzipiert aber auch Trainings, um die Mitarbeiter, die schon an Bord sind, weiterzuentwickeln.

Geschäftsreise nach Malaysia

Telefonkonferenzen mit Regionalleitern in Deutschland und im Ausland sind ebenso Teil ihrer Arbeit wie Geschäftsreisen. Unter anderem war die 28-Jährige für audibene schon in den USA und in Malaysia. „Und an einem Tag pro Woche telefoniere ich selbst mit Kunden“, erzählt sie. Um die Kollegen gut zu schulen, brauche sie den Draht in die Praxis.

Regelmäßig lässt Vera Schlegel ihr eigenes Gehör untersuchen. Zwei Frequenzen seien es, auf denen auch sie schon einen minimalen Hörverlust hat, erzählt sie. „Im Alltag macht sich das aber noch nicht bemerkbar.“ Doch die Tests und ebenso, dass sie immer wieder selbst Hörgeräte zur Probe trägt, verbessert ihr Verständnis für die Kunden, glaubt sie.

Auch Zufallsbekanntschaften helfen dabei. „Neulich habe ich bei einer Einführung in der Philharmonie neben einer Besucherin gesessen, die mich immer wieder fragen musste, was vorn erzählt wurde“, sagt Vera Schlegel, die ein Fan von klassischer Musik ist. „Klar, dass sich daraus ein Gespräch über Schwerhörigkeit entwickelt hat.“

Hören kann man verlernen

Das Durchschnittsalter der audibene-Kunden liege bei 60 Jahren, erzählt Schlegel. „Sich früher mit dem Thema Hören zu beschäftigen ist ein Trend.“ Zum Glück, findet sie: „Es ist anders als bei einer Brille. Die setzt man auf und kann wieder 100-prozentig sehen.“ Beim Hören könne man sich entwöhnen.

Wer erst nach zehn Jahren, die er schon schlecht hört, beginnt, ein Hörgerät zu tragen, dessen Gehirn habe verlernt, die jeweiligen Frequenzen wahrzunehmen. Der Betroffene muss das Hören mit dem Hörgerät neu lernen. Das könne man sich ersparen, wenn man sich zeitig eingesteht, dass man Geräusche oder Tonhöhen nicht mehr richtig wahrnimmt, und Hilfe sucht.

Berlin kennen und schätzen gelernt

Vera Schlegel hat VWL mit Schwerpunkt Behavioral Economics (Verhaltensökonomik) in Heidelberg und Valencia studiert. Während eines Praktikums beim Bundesministerium der Finanzen lernte sie Berlin kennen und schätzen. „Das ist etwas anderes als Überlingen, wo ich herkomme“, sagt sie und lacht. „Hier kann man jeden Tag alles machen – am Bodensee gibt es drei große Feste im Jahr, und das war’s.“

Eine Zeit lang liebäugelte sie damit, in die Forschung zu gehen, und probierte ein Semester Mathe an der Technischen Uni aus. Währenddessen entdeckte sie die Ausschreibung von audibene.

Masterstudium in internationaler Ökonomie

Im Frühjahr 2012 stieg Schlegel als Praktikantin ein, im Herbst begann sie ihr Masterstudium in International Economics in Göttingen – und wurde Werkstudentin bei audibene. Als Beraterin am Telefon konnte sie schließlich von überall aus arbeiten. Nur während ihres Auslandssemesters in Mexiko und der folgenden Examensphase legte sie ihren Job auf Eis – um ab 2015 umso intensiver wieder einzusteigen.

Die Gründer hatten gefragt, ob sie sich um die Ausbildung der Neulinge kümmern würde und trafen damit bei der Master-Absolventin ins Schwarze. „Vielleicht bin ich eine verkappte Lehrerin“, sagt die 28-Jährige lachend. „Obwohl das nie mein Berufswunsch war.“ Dabei zählen Kommunikation und Wissen vermitteln zu ihren Stärken: Schon als Jugendliche hat sie als Touristenführerin in der Bodensee-Region gejobbt.

Ein Faible für Psychologie

Mitarbeiter zu entwickeln liege ihr am Herzen, sagt Vera Schlegel. Die 28-Jährige hat nicht erst seit ihrem Studium ein Faible für Psychologie. „Ich finde es spannend zu hinterfragen, warum ein Mensch wie reagiert“, erzählt sie.

Diese psychologische Komponente findet sie auch in der oft zögerlichen Bereitschaft von Patienten, sich mit ihrem Hörverlust auseinanderzusetzen. Vera Schlegel selbst ist dagegen eine, die anpackt, die immer ein Ziel vor Augen hat. „Ich bin ehrgeizig“, sagt sie. „Wenn ich etwas mache, dann richtig.“