Therapeuten

Logopäden helfen Patienten und beruflichen Vielrednern

Der Arbeitsmarkt für Logopäden ist gut: Fast jeder findet nach der Ausbildung einen Job. Etwa die Hälfte macht sich selbstständig.

Der Berliner Logopäde Thomas Lascheit hat sich 2011 mit eigener Praxis selbstständig gemacht.

Der Berliner Logopäde Thomas Lascheit hat sich 2011 mit eigener Praxis selbstständig gemacht.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  „Ich habe einen Beruf, der mich immer wieder von Neuem begeistert“, sagt Maria Brinkhaus-Lukschy. Und das glaubt man ihr aufs Wort, wenn man die Logopädin und Atemtherapeutin über ihre tägliche Arbeit sprechen hört. „Ist die Stimme erkrankt, kann sie in einer Stimmtherapie gesunden und ihre Klangfülle und Leistungskraft zurückerlangen“, sagt Brinkhaus-Lukschy.

Zu der Logopädin in die Praxis kommen Menschen, die eine Stimmstörung haben. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Funktion der Stimmbänder kann eingeschränkt sein, möglicherweise liegt eine organische Veränderung vor oder eine psychische Ursache ist der Auslöser.

Vielfalt an Diagnosen

Maria Brinkhaus-Lukschy behandelt auch Schlaganfallpatienten und an Parkinson Erkrankte, die Probleme mit der Aussprache haben. Die Therapeutin kann ihnen dabei helfen, ihre Fähigkeit, sich auszudrücken und zu kommunizieren, zurückzugewinnen.

Die Arbeit von Logopäden ist so vielfältig wie die Diagnosen ihrer Patienten. Sie behandeln Menschen mit Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen, arbeiten mit Kindern, die lispeln oder in ihrer Sprachentwicklung gestört sind, und mit Säuglingen, die keine Nahrung aufnehmen können.

Auch Unfallopfer als Patienten

Demenzkranke, die vergessen haben, wie Sprache überhaupt funktioniert, gehören zu ihren Patienten, ebenso wie Unfallopfer, die nach einer Hirnverletzung wieder sprechen lernen müssen. Für jeden Patienten erarbeitet der Logopäde eine individuelle Therapie.

Viele der Patienten, die bei Maria Brinkhaus-Lukschy Hilfe suchen, haben eine sogenannte funktionelle Stimmstörung, weil sie in Berufen arbeiten, in denen sie besonders viel sprechen müssen. Das sind zum Beispiel Lehrer, Moderatoren oder Führungskräfte. „Sie bilden ihre Stimme mit zu viel Anstrengung und Druck im Hals“, erklärt die Logopädin, warum es in diesen Berufsgruppen oft zur Überlastung kommt.

Manchmal ist Fehlhaltung die Ursache

Als Erstes führt Maria Brinkhaus-Lukschy mit ihren neuen Patienten ein längeres Gespräch, um etwas über die Person, ihre Beschwerden und deren Auftreten zu erfahren. „Patienten kommen mit Symptomen wie Heiserkeit oder einer brüchigen Stimme“, erzählt die Logopädin.

Die Gründe dafür können eine Überlastung der Stimmbänder sein. Es kann aber auch an einer Fehlhaltung des Körpers liegen oder eine organische Störung als Ursache haben, erklärt die Expertin. Diesen Beschwerden geht Maria Brinkhaus-Lukschy auf den Grund.

Atemtraining in den Alltag integrieren

Zur Therapie gehören Atem-, Stimm- und Artikulationsübungen. So können beispielsweise Übungen, bei denen der Patient summt, seine Stimme entspannen. Aber auch Bewegungen mit dem ganzen Körper können helfen.

Eine Therapie erstreckt sich stets über mehrere Sitzungen. Jede Stunde muss vom Logopäden vorbereitet und dokumentiert werden. Ziel ist, dass die Patienten lernen, das Stimm- und Atemtraining in ihren Alltag zu integrieren und so zu verhindern, dass die Stimmstörung ein weiteres Mal auftritt.

Stimm-Coaching für Führungskräfte und Sänger

Logopäden müssen sich regelmäßig weiterbilden, um angemessen auf sich ändernde Anforderungen an ihren Beruf reagieren zu können. So wächst beispielsweise der Anteil an älteren Patienten aufgrund der demografischen Entwicklung. Und mit ihm steigt die Häufigkeit von Parkinson, Schlaganfall oder Demenz. Maria Brinkhaus-Lukschy hat unter anderem Weiterbildungen in Stimmbildung, Gesang, Sprecherziehung und Rhetorik absolviert und darüber hinaus am Institut für Atemlehre Berlin über vier Jahre eine berufsbegleitende Ausbildung zur Atemtherapeutin gemacht.

Zusätzlich zu ihrer Tätigkeit als Logopädin mit Kassenzulassung bietet Maria Brinkhaus-Lukschy Stimm-Coaching für Führungskräfte, Schauspieler und Sänger an. Und sie unterrichtet als Gastdozentin Atemtherapie für Logopäden an der Gesundheitsakademie der Charité.

Logopäden-Ausbildung kostet Geld

Drei Jahre dauert dort die Ausbildung. Die Azubis werden unter anderem in Anatomie und Physiologie unterrichtet, in Audiologie (dies untersucht die Vorgänge beim Hören), in Neurologie, Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde sowie in Psychologie. Die Gesundheitsakademie arbeitet eng mit der Klinik für Audiologie und Phonia­trie der Charité zusammen, so dass die Schüler während ihrer Ausbildung praktische Erfahrungen sammeln können.

Wie an vielen anderen Berufsfachschulen für Logopädie kostet die Ausbildung Geld. Da liegt die Gesundheitsakademie der Charité mit 325,50 Euro Schulgeld pro Monat noch am günstigeren Ende der Skala. Der siebensemestrige Bachelorstudiengang Logopädie an der privaten IB-Hochschule in Berlin schlägt mit 595 Euro monatlichen Studiengebühren zu Buche.

Gehalt zu gering für die anspruchsvolle Arbeit

Schwierigkeiten, nach ihrer Ausbildung einen Arbeitsplatz zu finden, haben Logopäden nicht. Laut der Bundesagentur für Arbeit liegt die Arbeitslosenquote in ihrer Branche bei unter drei Prozent. Viele Berufseinsteiger suchen sich erst einmal eine Stelle in einer Logopädiepraxis, um dort Berufserfahrung zu sammeln, bevor sie in die Selbstständigkeit gehen. Andere bleiben aber auch auf Dauer in einem Angestelltenverhältnis. Laut Daten des Deutschen Bundesverbands für Logopädie ist die Gruppe der angestellten und der selbstständig arbeitenden Logopäden etwa gleich groß.

Das Einkommen von Logopäden steht allerdings in keinem Verhältnis zu ihren Ausbildungskosten und auch nicht zu der anspruchsvollen Arbeit, die sie leisten. Maria Brinkhaus-Lukschy spricht sich darum für eine Akademisierung des Berufs aus. Akademisierung bedeutet, dass es ein größeres Angebot an Studiengängen für zukünftige Logopäden geben soll. Die Therapeutin erhofft sich davon eine angemessenere Bezahlung, die weitere Qualifizierung ihres Berufsstands und auch eine höhere Wertschätzung der therapeutischen Arbeit.

Man kann auch seine Nische finden

Thomas Lascheit (33) hat bereits den akademischen Weg in die Logopädie eingeschlagen. Seine Ausbildung absolvierte er an einer Hochschule in den Niederlanden. Seit 2011 leitet der Logopäde mit akademischem Abschluss seine eigene Praxis mit drei Angestellten. Zu seinen Kunden gehören Kinder mit Störungen in der Sprachentwicklung, Patienten nach einem Schlaganfall, mit Erkrankungen wie Parkinson, Demenz oder Multipler Sklerose. Auch Hausbesuche macht der Logopäde.

Er selbst hat seinen Schwerpunkt auf die Stimmbildung von transsexuellen Menschen gelegt, die vom Mann zur Frau werden. „Sie haben eine tiefe Stimme und wollen weiblicher klingen“, erklärt er. Die Behandlung wird in der Regel von den Krankenkassen bezahlt. In seiner Nische ist Lascheit bundesweit bekannt. Aus dem gesamten Bundesgebiet kommen Transsexuelle, auch als Privatkunden, zu dem Berliner Spezialisten.

Erfahrungen aus Gesangspädagogik und Stimmtherapie

Die Therapie hat er gemeinsam mit seiner Kollegin Stephanie A. Kruse entwickelt. Ihr Wissen aus Gesangspädagogik, Sprecherziehung und Stimmtherapie haben sie dafür zusammengeführt. „LaKru-Stimmtransi­tion“ heißt ihre Methode – eine Zusammensetzung aus ihren Nachnamen Lascheit und Kruse. „Kehlkopf hoch, Zunge hoch und Kehldeckel runter, dann kommt schon der weibliche Stimmklang“, beschreibt Thomas Lascheit die Inhalte der Therapie.

Doch was sich so salopp anhört ist tatsächlich ein intensives Muskeltraining, das viel Übung erfordert und dementsprechend lange dauert. „Stimmtransition ist ein Marathonlauf“, sagt der Logopäde.

Therapiehund Jerry hilft mit

Während Thomas Lascheit mit Transsexuellen arbeitet und Fortbildungen für Kollegen gibt, kümmern sich seine Mitarbeiterinnen um die anderen Patienten der Praxis. Mitunter rufen sie ihn zur Hilfe – gemeinsam mit seinem Labrador. Jerry ist ein sogenannter Therapiebegleithund. Zusammen sind Lascheit und Jerry ein Jahr lang bei Bethe – Berliner TherapiebegleithundeTeam ausgebildet worden. „Ich setze Jerry ganz gezielt ein, um Fortschritte schneller erreichen zu können.“

So hatte Thomas Lascheit zum Beispiel einen jungen Patienten mit autistischen Zügen, der kaum Augenkontakt hielt. „Dementsprechend war die Therapie natürlich schwierig, denn man kommuniziert auch non-verbal“, sagt der Therapeut. Durch die Arbeit mit Jerry lernte der Junge Blickkontakt zu halten, denn der Labrador hörte nicht auf ihn, wenn er ihn dabei nicht ansah. Die neu gewonnene Fähigkeit, den Hund direkt anzuschauen, konnte der Junge dann mit Lascheits Hilfe auf den Umgang mit Menschen übertragen.

Erfolgstest mit dem Frisörtrick

Große Fortschritte kann er auch für seine transsexuellen Patienten und Kunden erzielen. „Manchmal lasse ich sie bei einem Frisör anrufen und nach einem Haarschnitt fragen“, erzählt Thomas Lascheit. Haarschnitte für Frauen sind teurer als die für Männer. So könne er anhand des Preises erkennen, ob der Frisör seine Klientin als Frau oder Mann wahrgenommen hat. „Ist der Preis hoch, freue ich mich. Denn dann war unsere Arbeit erfolgreich.“