Pharmazie

Absolventen entscheiden sich zwischen Apotheke und Industrie

Pharmazie-Absolventen stehen zwei Berufswege offen: Sie stellen Arzneien her oder verkaufen sie. Das praktische Jahr hilft beim Entscheiden.

Dr. Johannes Schulze Wischeler verantwortet die Produktion von Bausch & Lomb am Standort Berlin.

Dr. Johannes Schulze Wischeler verantwortet die Produktion von Bausch & Lomb am Standort Berlin.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Dorthin, wo Arzneimittel hergestellt werden, gelangt man nur in weißer Schutzkleidung. Die Produktionsräume von Bausch & Lomb sind akribisch mit Personalschleusen abgeschirmt. Schnell in seine weiße Montur geschlüpft, die Hände gewaschen und desinfiziert – dann läuft Dr. Johannes Schulze Wischeler aufmerksam an den meterlangen Produktionsanlagen vorbei.

Er wirft einen kontrollierenden Blick auf die fertigen Packungen, die unentwegt auf dem Fließband landen. „Das wird alles automatisch gesteuert“, erklärt er. „Nur das Verpacken in Versandkartons erfolgt an manchen Produktionslinien noch per Hand.“

Mit 35 Jahren ist Johannes Schulze Wischeler schon Leiter von drei Produktionseinheiten und 200 Mitarbeitern. In der Pharmaindustrie ist das nicht so ungewöhnlich. Nach mehrjähriger Erfahrung in der Leitung von verschiedenen Produktionsgruppen übernahm Schulze Wischeler vor einem Jahr die Verantwortung für die gesamte Produktion am Berliner Standort des Unternehmens Bausch & Lomb. Er sorgt als Leiter der Produktion zusammen mit seinen 15 Führungskräften dafür, dass Augentropfen, -gele und -salben reibungslos die zehn Abfülllinien des Herstellers verlassen.

Entscheidung für die Industrie fiel schon im Studium

Produktion in der Pharmaindustrie – nur das kam für den promovierten Pharmazeuten als Karriereweg infrage. Schon während des Studiums entschied er sich dafür. „Mich hat als Student und auch später in der Promotion vor allem interessiert, wie Arzneimittel entwickelt und produziert werden. Das zog sich wie ein roter Faden durch diese Zeit“, erzählt Johannes Schulze Wischeler. Dabei sei die Ausbildung im Pharmaziestudium vor allem auf den klassischen Apotheker-Beruf ausgerichtet.

„Ich habe mir für Praktika, neben dem vorgeschrie­benen Einsatz in der Apotheke, gezielt Plätze in der Industrie gesucht. Das ist eine gute Möglichkeit, um verschiedene Berufsfelder für Pharmazeuten zu erleben“, sagt Schulze Wischeler. „Gleichzeitig lernen sich Praktikanten und Unternehmen gegenseitig kennen.“ So könnten sich Karrieremöglichkeiten ergeben. Ihm gelang dies. Das Tagesgeschäft eines Arzneimittelherstellers, wirtschaftlich und qualitativ hochwertig zu produzieren, ist nun sein Beruf.

Analytisch arbeiten und Probleme lösen

Hat er seine Berufsentscheidung jemals bereut? Der Produktionschef – einer von insgesamt zehn Pharmazeuten im Betrieb – schüttelt energisch den Kopf. „Ich weiß nie, welche Probleme und Fragestellungen auftauchen. Kein Tag ist wie der andere“, sagt er. Obwohl die Promotion im Bereich der Produktion kein Muss ist, hat sie natürlich auch nicht geschadet.

„Wenn man analytisch arbeiten und sich mit komplexen Fragestellungen auseinandersetzen kann, hilft es im Herstellungsprozess, Probleme zu lösen und schnell Entscheidungen zu treffen.“ In Produktion und Entwicklung werde eng zusammengearbeitet.

Auch der Bereich Entwicklung und Qualität liegt bei Bausch & Lomb in der Verantwortung eines Pharmazeuten. Dr. Günther Bellmann, der seit 1981 in dem Unternehmen arbeitet, hat seit zwei Jahren zusätzlich zur Entwicklung auch den Hut für die Abteilung Qualität mit zusammen knapp 100 Mitarbeitern auf. Vorher sammelte er Erfahrungen als klassischer Apotheker. „Ich wollte beides ausprobieren, doch ich finde die Industrie abwechslungsreicher und interessanter“, sagt er.

Promotion ist Voraussetzung für Arbeit in der Forschung

Im Gegensatz zum Produktionsbereich sei die Promotion für den Einsatz in Forschung und Entwicklung wichtig. Günther Bellmann: „Es geht nicht um den Titel, sondern um den Nachweis, wissenschaftlich arbeiten zu können.“ Die Entwicklung sei spannend. Sie könne zur Patentanmeldung und schließlich zu Patenten führen.

Doch das braucht Geduld: Von der Entwicklung der Arzneiform bis zu ihrer Produktionsreife sind schnell einmal drei Jahre verstrichen. Stolz ist Günther Bellmann zum Beispiel auf die neue Arzneiform des Augengels. „Das haben wir als Alternative zu Augentropfen und -salben entwickelt, weil es länger am Auge haften bleibt, ohne Schlieren zu bilden. Es beeinträchtigt nicht die Sehfähigkeit.“

Die Pharmaindustrie ist ein internationales Geschäft, Fremdsprachen sind in der Branche eine Selbstverständlichkeit. „Bei uns wird viel Englisch gesprochen. Wer Spaß an der Zusammenarbeit in internationalen Teams hat, der sollte in die Industrie gehen“, argumentiert der Bausch-&-Lomb-Direktor für Qualität und Entwicklung.

Praxisjahr hilft bei Suche nach dem Berufsweg

Richtung Industrie zieht es auch Paul Schumann, nachdem er beide Einsatzmöglichkeiten ausprobiert hat. Der Pharmazeut ist nach seinem zweiten Staatsexamen an der Freien Universität (FU) noch bis Oktober im praktischen Jahr. Während der ersten Hälfte arbeitete er in einer Apotheke. Seit April verbringt er die anderen sechs Monate nun im schweizerischen Basel. Dort hat das Unternehmen Roche seinen Hauptsitz.

„Die Praktikumsstelle in der Produktion war ausgeschrieben. Ich hatte mich zwar an verschiedenen Stellen beworben und mehrere Zusagen bekommen, mich aber dann für den Auslandsaufenthalt entschieden“, erzählt Paul Schumann. Nach dem Examen habe er noch nicht gewusst, in welche Richtung er gehen solle. Inzwischen sei aber ein Einstieg in die Industrie der Weg, den er sich gut vorstellen könne.

Sein Roche-Praktikum, bei dem er in der wissenschaftlichen Begleitung der Prozessentwicklung und -optimierung eingesetzt sei, habe ihn überzeugt. „Man kann sein Wissen detaillierter einbringen. Hier kommuniziert man nur mit Fachleuten. Man muss nichts erklären – wie etwa in der Apotheke vor dem Patienten“, beschreibt Paul Schumann den Unterschied der Einsatzgebiete. In der Schweiz laufe übrigens vieles anders als in der Heimat – auch für Apotheker. „Je nach Region dürfen sie bestimmte Impfungen vornehmen“, hat er beobachtet.

Heute stehen Beratung und Verkauf im Vordergrund

Auch in Deutschland hat sich der Beruf des Apothekers entwickelt. Waren sie früher vorrangig für die Herstellung auf Rezept verordneter Salben, Zäpfchen oder Kapseln zuständig, stehen heute Beratung und Verkauf im Vordergrund. Hinweise zur Einnahme oder zu Wechselwirkungen von Arzneimitteln gehören ebenso dazu wie die Information zum Umgang mit Pens für Insulininjektionen oder Inhalationshilfen, zu Blutdruck- oder Blutzuckermessung. Das sind Aufgaben, die für Patienten zunehmend eine Rolle spielen.

Nach Angaben des Deutschen Apothekerverbands ist die Zahl der Apotheken dennoch innerhalb der vergangenen zehn Jahre leicht gesunken. 2015 gab es bundesweit noch gut 20.000 Apotheken. Rein rechnerisch werden hier 100.000 Einwohner von 25 Apotheken versorgt (zum Vergleich: In Griechenland sind es 87, in Dänemark allerdings nur sechs).

Apotheker als Berater von Ärzten im Krankenhaus

Ein noch relativ neues Berufsfeld für Pharmazie-Absolventen ist die Arbeit als Krankenhausapotheker. Als solcher berät man die Ärzte und das Pflegepersonal hinsichtlich der angewandten Arzneimittel. Das verbessert die sogenannte Arzneimitteltherapiesicherheit.

Für Juana Walter naht die Zeit, sich beruflich entscheiden zu müssen. Sie legt in diesen Tagen an der Freien Universität ihr zweites Staatsexamen ab. „Ich habe mir Zeit gelassen und durch zusätzliche Lernsemester mehr als die regulären acht Semester gebraucht“, sagt die 25-Jährige. Bei der Famulatur, einem Pflichtpraktikum, hat sie bereits in die Apothekenarbeit hineingeschnuppert und will sich darin in ihrem bevorstehenden Praxisjahr ausprobieren.

Doch auch die Tätigkeit als Lehrerin an einer Schule für pharmazeutisch-technische Assistenten kann sie sich vorstellen. „Ich könnte noch promovieren, um dann in die Forschung zu gehen“, überlegt die 25-Jährige. Aber eigentlich sehe sie sich doch eher in einer Apotheke.

Studium mit einer Mischung aus Chemie, Biologie und Physik

Pharmazie sei genau das, was ihr gefalle, sagt Juana Walter. Obwohl das Studium mit seiner Mischung aus Chemie, Biologie und Physik sehr lernintensiv ist. Was macht der Wirkstoff im Körper? Wie lange bleibt er im Organismus? Wie wird er verstoffwechselt? Gerade der medizinische Aspekt interessiere sie, erzählt Walter.

„Aber Medizin hätte ich nicht machen können, denn ich kann kein Blut sehen“, gesteht die 25-Jährige. Und wie wäre es, Inhaberin ihrer eigenen Apotheke zu sein? Sie winkt ab: „Ich weiß noch nicht, was es heißt, die zu leiten.“ Nach ihrem praktischen Jahr wird sie die Frage beantworten können. Dann trennt sie nur noch das dritte Staatsexamen, eine mündliche Prüfung, vom endgültigen Studienabschluss.