Interview

Bildungsexperte: In der Physik ist der Doktor fast ein Muss

Matthias Neis, Bildungsexperte bei Verdi, über die Vor- und Nachteile, die der Doktortitel beim Berufseinstieg mit sich bringen kann.

In Deutschland schließen jedes Jahr 25.000 Doktoranden ihre Promotion ab

In Deutschland schließen jedes Jahr 25.000 Doktoranden ihre Promotion ab

Foto: triloks / Getty Images/iStockphoto

Matthias Neis ist Bildungsexperte bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Kirsten Niemann sprach mit ihm über die Vor- und Nachteile, die eine Promotion beim Berufseinstieg mit sich bringt – auch im Hinblick auf die Gehaltsaussichten im ersten Job.

Herr Neis, wie viele Uni-Absolventen promovieren eigentlich im Anschluss?

Matthias Neis: Wir haben eine Promotionsintensität von zwölf bis 14 Prozent im Jahr. Das ist die Anzahl der Promotionen im Jahr verglichen mit der Gesamtzahl von akademischen Abschlüssen der vier Jahre vorher, also sozusagen dem Pool an Leuten, aus dem der Großteil der Promovenden kommt. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: Jedes Jahr erhalten 25.000 junge Wissenschaftler ihren Doktortitel. Im internationalen Vergleich sind wir damit unter den Top-3-Ländern. Nur die Schweiz und Österreich bewegen sich in ähnlichen Regionen.

Und in welchen Fächern promovieren die Hochschulabsolventen besonders häufig?

Die Naturwissenschaftler und Mathematiker machen rund ein Drittel der Promovierenden aus. Obwohl lediglich 17 Prozent der Studierenden für diese Fächer immatrikuliert sind. Natürlich sind auch viele Mediziner darunter – aber die sind ein Sonderfall. Die Promotion in der Medizin ist von Struktur, Dauer und Umfang her meist nicht mit anderen Fächern vergleichbar.

Für welche Fächer ist der Titel ein Muss?

In der Physik wird der Doktortitel fast als berufsqualifizierender Abschluss betrachtet. Ansonsten kommt es sehr darauf an, wohin man möchte – in welche Etage etwa oder in welchen Bereich. Für Anwälte und andere Juristen ist der Titel kein Muss. Will man aber gleich in eine renommierte Kanzlei, da kann der Titel schon ein Türöffner sein. In den Geisteswissenschaften lohnt es sich eher dann, wenn das Thema mit der beruflichen Tätigkeit, die man anvisiert, zu tun hat. Das Gleiche gilt für Sozialwissenschaftler.

Die Wahl des Themas entscheidet also auch über die beruflichen Erfolgsaussichten nach Abschluss der Dissertation?

Ja, absolut. Um ein Beispiel zu nennen: Ein Politikwissenschaftler, der sich in seiner Dissertation mit Südostasien beschäftigt hat, kann also gute Chancen in einem Unternehmen haben, das dort ein Geschäft aufbauen möchte. Dennoch sollte man Freude an seinem Thema haben, Lust darauf, der Aufgabe auf den Grund zu gehen. Es ist immer wieder festzustellen, dass die intrinsische Motivation sehr wichtig dafür ist, dass eine Promotion zu Ende geführt wird. Sich ein Thema aufdrücken zu lassen führt nicht unbedingt zum Erfolg.

Kann eine Promotion bei der Jobsuche auf irgendeine Art auch hinderlich sein?

Vor allem bei Studienfächern, die nicht zu einem konkreten Beruf führen, kann es zu Problemen kommen, etwa wenn Promovierende für eine bestimmte Stelle überqualifiziert sind. Sie sind damit teurer als andere Bewerber, häufig auch älter. Da halten sich Personaler oft an jüngere, billigere und scheinbar flexiblere Bewerber.

Lohnt sich die Promotion finanziell?

Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung verdienen Promovierte beim Berufseintritt im Schnitt 800 Euro im Monat mehr als die Kollegen ohne Doktortitel. Vor allem Ingenieure profitieren davon. Aber auch Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler beziehen ein höheres Gehalt. Promovierte haben also durchaus berechtigte Hoffnung auf ein höheres Gehalt. Aber man muss auch die Kosten in die Rechnung einbeziehen: Eine Dissertation dauert etwa vier Jahre, manchmal auch länger. Das sind Jahre mit deutlich geringerem Einkommen, als es Akademiker außerhalb der Uni in der gleichen Zeit erzielen. Dieser Einkommensrückstand kann sich über die Jahre durchaus auf einen fünfstelligen Betrag summieren. Das muss man später erst einmal wieder erwirtschaften.

Was können junge Wissenschaftler tun, um sich für den Jobmarkt interessant zu machen?

Es gibt keinen Königsweg. Doch erwirbt ein Promovierender häufig während der Dissertation Zusatzqualifikationen. Zum Beispiel, wenn man in der akademischen Lehre aktiv ist, regelmäßig Seminare abhält. Wenn die Möglichkeit besteht, sich solche Dinge zertifizieren zu lassen, sollte man das dringend tun. Solche Qualifikationen sind auch in der Wirtschaft gefragt. Wer sich seine Qualifikationen zertifizieren lässt, macht potenziellen Arbeitgebern die eigenen Fähigkeiten transparent, die über die wissenschaftliche Arbeit hinausgehen.