Exotenfächer

An der Freien Universität Berlin lernen die Asien-Fans

Sinologie, Japanologie, Koreastudien: Warum eine Medizinstudentin in die Asienwissenschaften wechselt. Berufsziel: Das Auswärtige Amt.

Begeistern sich für Koreastudien an der FU Berlin: Katja Ziegler (v.l.), Sung Jun Chang, Louise Möllenbeck und Gwendolyn Domning

Begeistern sich für Koreastudien an der FU Berlin: Katja Ziegler (v.l.), Sung Jun Chang, Louise Möllenbeck und Gwendolyn Domning

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Nach vier Semestern Medizinstudium war für Gwendolyn Domning Schluss: Die 24-Jährige tauschte den begehrten Studiengang an der Berliner Humboldt-Universität gegen ein sogenanntes Orchideenfach: die Koreastudien. „Ich bin meiner Passion gefolgt“, sagt Domning, die im achten Semester im Bachelorstudium an der Freien Universität (FU) Berlin eingeschrieben ist und ihren Wechsel nie bereut hat.

Seit den 50er-Jahren kann man an der Universität im grünen Berliner Ortsteil Dahlem Ostasienwissenschaften mit dem Schwerpunkt Sinologie und Japanologie studieren. 2005 kamen die Koreastudien hinzu. Schon als Kind habe sie sich für Ostasien interessiert, erzählt die gebürtige Berlinerin Domning. „Ich bin ein Kind der 90er-Jahre.“ In dieser Zeit wurde auch der K-Pop in Europa bekannt – die koreanischsprachige Popmusik mit ihren gecasteten und durchgestylten Girl- und Boygroups.

Auch Gwendolyn Domning liebte K-Pop, genauso wie Mangas. Sie habe die japanischen Bildgeschichten verschlungen, erzählt sie. Noch immer sei sie von der Zeichenkunst und der Art der Asiaten, Geschichten zu erzählen, fasziniert. „Das ist wie Ferien im Kopf.“ Für die Koreastudien habe sie sich auch entschieden, weil sie politisch interessiert sei. Den Konflikt zwischen Nord- und Südkorea finde sie sehr spannend. „Es gibt gerade in Bezug auf Korea noch viel zu erforschen.“

Sprachtalent: Deutsch und fünf Fremdsprachen

Und noch ein Interessenschwerpunkt lässt sich bei der jungen Frau schnell ausmachen: Sprachen lernen. In der Schulzeit hatte Domning schon Japanisch am Japanisch-Deutschen Zentrum in Berlin gelernt. Heute beherrscht sie mehrere Fremdsprachen. Außer Französisch – der Sprache ihrer Mutter – sind das Englisch, Japanisch, ein bisschen Spanisch und seit dem Studium Koreanisch.

„Sprachliches Talent ist Voraussetzung, wenn man an der FU ein Studium der Ostasienwissenschaften beginnen möchte“, sagt Alexander Teinz. Der FU-Student der Japanologie steht kurz vor seiner Bachelorarbeit und gehört zum studentischen Team der Studienberatung „Info-Service Studium“. Vorkenntnisse in Japanisch, Chinesisch oder Koreanisch seien nicht nötig, aber gute Englischkenntnisse. „Der größte Teil der Literatur über die Geschichte der Länder ist in englischer Sprache“, sagt Teinz. Zudem sollte man wissen, dass man sehr viel lesen muss.

Die drei Studiengänge Japanologie, Sinologie und Koreastudien sind im Bachelorstudiengang ähnlich aufgebaut. In Modulen werden die Geschichte, die Kultur und Literatur sowie Politik und Wirtschaft des Landes studiert. Daneben steht das Erlernen der Landessprache auf dem Studienplan. „Der Sprachunterricht macht ungefähr ein Drittel aus“, sagt Dr. Andreas Guder, Leiter des Studienbereichs chinesische Sprache an der FU für den Fachbereich Sinologie.

Wer mit chinesischen Vorkenntnissen komme, sei da im Vorteil. Bei ungefähr jedem fünften Studenten sei das der Fall. „Diese Studenten können nach einer Prüfung die ersten beiden Semester Sprachunterricht an der FU überspringen.“

Sprachwissenschaften kombiniert mit BWL

Bei allen drei Fachrichtungen wird auch allgemeine Ostasienkunde gelehrt. Dieses Modul gibt einen Einblick in die beiden anderen Länder, die nicht schwerpunktmäßig studiert werden. „Hinzu kommt ein kleiner affiner Bereich, der zu belegen ist“, sagt Teinz. Hier könne man auch „harte“ Fächer dazuwählen wie Betriebswirtschaftslehre oder Volkswirtschaftslehre. Beliebt sei auch Kunstgeschichte. Fraglich sei allerdings, ob das für die Karriere viel bringt.

In Bezug auf die Karriereaussichten dämpft Teinz Erwartungen. „Nach dem Bachelorstudium wartet nicht automatisch ein Job. Ich muss mir meine Profession suchen.“ Einsatzgebiete für Absolventen aber gibt es viele: in der Wirtschaft, im Handel, bei Medien, in internationalen Organisationen, im Verlagswesen, bei Bildungsinstitutionen und in der Wissenschaft.

Die spätere Tätigkeit ist auch vom Schwerpunkt abhängig, den der Studierende setzt. Im Japanstudium kann man ab dem vierten Semester zwischen den Richtungen Politik/Wirtschaft sowie Literatur- und Kulturwissenschaften wählen. In der Sinologie entscheidet man sich zwischen dem historischen und dem modernen China.

Interessenten haben gute Chancen auf einen Studienplatz. An der FU stehen etwa 60 Plätze für künftige Sinologen zur Verfügung. Ein bestimmter Notendurchschnitt ist bislang nicht nötig, sagt Studienbereichsleiter Andreas Guder. Ungefähr zwei Drittel seiner Studenten halten das Studium durch.

Abbrecherquote von nur zehn Prozent in der Japanologie

Bei den künftigen Japanologen beträgt die Abbrecherquote hingegen nur zehn Prozent, wie Professorin Elena Giannoulis berichtet. Sie ist stellvertretende Bachelorbeauftragte der Japanologie. Im vergangenen Semester habe die FU 87 Bewerber für ein Japanstudium zugelassen.

Wer eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, sollte einen Masterstudiengang anschließen. Und danach möglichst noch promovieren. „Das ist dann schon ein kleiner Kreis an Fachleuten, die sich alle beim Namen kennen“, sagt Alexander Teinz. Darunter sind Professoren, Diplomaten oder auch Spezialisten, wie zum Beispiel solche für die Traumabewältigung nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima.

Relativ neu ist die Möglichkeit, einen integrierten Bachelorstudiengang zu wählen. Dieser umfasst acht Semester. Zwei davon verbringen die Studenten an einer Universität des jeweiligen Landes. Im dritten Semester können sich Studenten bewerben. Um im Auswahlverfahren zu bestehen und zu den wenigen Studenten zu gehören, die ein Stipendium bekommen, sind gute Noten nötig. „Unter 2,0 ist schon ein guter Einstieg“, sagt Alexander Teinz. „In der Bewerbung sollte stehen, dass man wissenschaftlich arbeiten will, nicht nur Sake trinken.“

Die beiden Auslandssemester werden in der Regel vom Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) gefördert. Die Studenten bekommen außer den Studiengebühren den Hin- und Rückflug bezahlt, eine Krankenversicherung und monatlich Taschengeld von einigen Hundert Euro.

Ein Jahr an der Sogang-Universität in Seoul

Auch Gwendolyn Domning hat es geschafft. Für ein Jahr hat sie an der Sogang-Universität in Seoul studiert. Mit ihrer Freundin und Kommilitonin Louise Möllenbeck hat sie sich ein winziges Zimmer im Wohnheim der koreanischen Universität geteilt. Ein Neubau, fünfter Stock, keine Küche, dafür zwei Mikrowellengeräte. „Wir hätten schon gerne mal etwas gekocht“, sagt Domning. Aber so blieb es bei Mikrowellenkost.

Dafür lag der kleine Campus mitten im Jugendviertel. „Man konnte ausgehen und shoppen“, erzählt Möllenbeck. Kosmetik ist in Korea sehr gut und preiswert, sagt die 21-Jährige und zeigt ihr kussechtes koreanisches Lipgloss. Mitgebracht haben die beiden Freundinnen auch sehr gute Sprachkenntnisse und jede Menge Erfahrung. „Wir wissen jetzt, wie Koreaner ticken“, sagt Domning.

Für Sinologe Andreas Guder ist ein Chinesischstudium ohne Auslandsaufenthalt „nicht besonders sinnvoll“. Das gelte sicher auch für die anderen Ostasienwissenschaften. Nach seinen Erfahrungen absolvieren zwei Drittel der Studenten Auslandssemester. Die FU kooperiert mit der Universität im chinesischen Hangzhou, einer alten Kaiserstadt südlich von Shanghai, und der Universität in Peking. Man könne aber auch nach Taiwan, sagt Guder.

Professorin ermutigt alle zum Auslandssemester

Fördermöglichkeiten für einen Auslandsaufenthalt in China bietet beispielsweise das Konfuzius-Institut Berlin, mit dem die FU kooperiert. Das Zentrum für chinesische Sprache und Kultur vergibt Stipendien, die von der chinesischen Regierung finanziert werden. Bei den Japanologen ist es unter anderem das Goethe-Institut dort vor Ort, das deutschen Studenten einen Aufenthalt in Japan ermöglicht.

Juniorprofessorin Elena Giannoulis ermutigt alle ihre Studenten, für eine Zeit nach Japan zu gehen. „Wir haben mehrere Partneruniversitäten in Tokio, aber auch in Kyoto und Okayama.“ Die extrem hohen Lebenshaltungskosten in Japan seien ein Klischee, gibt Giannoulis Entwarnung. Nur das Wohnen dort sei wirklich sehr teuer. „Die Universitäten bieten den Studenten deshalb günstige Unterkünfte in Wohnheimen an.“

Gwendolyn Domning ist mit ihrem Stipendium des DAAD und dem Auslands-Bafög in Seoul gut ausgekommen, wie sie sagt. Aktuell stehe bei ihr die Bachelorprüfung an, danach gehe es in Richtung Masterabschluss. Weil sie den integrierten Bachelorabschluss absolviert, muss Gwendolyn Domning dafür nur noch zwei weitere Semester studieren. Schon jetzt ist klar, dass sie im Anschluss promovieren möchte. „Und dann ins Auswärtige Amt.“