Für Björn Lampe ist der Name seines Arbeitgebers Programm: Der 41-jährige Politologe arbeitet bei betterplace.org. Für ihn ist das gleich in doppelter Hinsicht ein guter Platz: Als größte Spendenplattform Deutschlands trägt das gemeinnützige Berliner Unternehmen seinen Teil dazu bei, die Welt Schritt für Schritt zu einem besseren Ort zu machen.
Darüber hinaus kann Lampe sich auch selbst keinen besseren Platz zum Arbeiten vorstellen. „Ich komme jeden Morgen gerne ins Büro“, sagt er. „Wir alle haben hier gemeinsame Ziele und ein sehr gutes Miteinander.“
Rund 40 Leute arbeiten in dem Großraumbüro im Wasserschloss, einem ehemaligen Gewerbehof an der Spree, Tischtennisplatte und Meditationshütte inklusive, wie auch eine Feelgood-Managerin, die sich ums Wohlbefinden der Mitarbeiter kümmert, und ein Feelgood-Hund, der dasselbe auf seine Weise tut.
Unterstützung bei der Vermarktung der Ideen
Björn Lampe gehört seit 2010 zum Team. Als Leiter Projekte & Organisationen unterstützt er die auf betterplace.org registrierten sozialen Projekte und zeigt ihnen, wie sie mit innovativen Ideen und digitaler Technik mehr Aufmerksamkeit und Spendenbereitschaft auf ihr Anliegen lenken können.
Mit seiner lockeren Start-up-Atmosphäre ist betterplace.org ein Paradebeispiel für einen neuen Typ von Sozialunternehmen, die derzeit in Berlin und anderen europäischen Großstädten unter dem Label „Social Entrepreneurship“ die Gründerszene erobern: jung, hip, innovativ, erfolgreich – und trotzdem gemeinnützig. Hinter dem Spendensammler 2.0 steht keine große, etablierte Organisation wie Kirche, Umwelt- oder Sozialverband. Trotzdem kamen allein im Jahr 2015 zehn Millionen Euro an Spendengeldern zusammen.
Jedes noch so kleine, lokale Projekt hat über die Online-Plattform die Chance, private Spender in aller Welt zu erreichen. Angefangen beim Boxworkshop für Mädchen an Berliner Problemschulen, über Integrationsprojekte für Flüchtlinge bis hin zur Patenschaft für Elefantenwaisen in Kenia sind derzeit fast 18.000 Hilfsprojekte registriert.
Ein anderes Geschäftsmodell entwickelt
Der Clou an dem Konzept: Anders als klassische Wohltätigkeitsorganisationen, die ihre eigene Arbeit weitestgehend aus dem Spendenaufkommen oder staatlichen Zuwendungen finanzieren müssen, hat betterplace.org ein anderes Geschäftsmodell entwickelt.
Hilfsprojekte und Spender nutzen die Plattform vollkommen kostenlos, Spendengelder kommen zu 100 Prozent den jeweiligen Projekten zugute. Doch wer mag, kann seine Spende freiwillig um ein „Trinkgeld“ für den Betterplace-Service aufstocken. Im Geschäftsjahr 2014 kamen so fast 185.000 Euro zusammen.
Den Löwenanteil seiner Einnahmen generiert das Unternehmen jedoch aus Kooperationen, Lizenzverträgen, Forschungs- und Beratungsaufträgen für Unternehmen und Organisationen, die das Know-how und die Technologie von betterplace.org gegen Bezahlung nutzen, um ihr eigenes soziales Engagement sichtbarer zu machen. Die so erzielten Überschüsse fließen in den Betrieb und die Weiterentwicklung der Spendenplattform.
Soziale Ziele mit unternehmerischen Konzepten erreichen, so lautet der Grundgedanke des Social Entrepreneurships. Abgesehen davon, dass sämtliche Einnahmen dem guten Zweck dienen, funktionieren die neuen Weltverbesserer also wie klassische Unternehmen, die ihren Kunden professionellen Service bieten, ihre Leistungen marktgerecht kalkulieren und überzeugend anbieten müssen.
Klassische Aufstiegskarrieren sind auch hier möglich
Typisch ist zudem ein hohes Maß an Innovationskraft sowie die Skalierbarkeit der Konzepte. Auch Karrieren sind möglich: Wer sich neue Aufgaben zutraut, darf bei betterplace.org gern loslegen. Björn Lampe stieg 2015 sogar in den Vorstand auf. „Die Stimmung bei uns ist toll, aber trotzdem herrscht hier keine Kuschelatmosphäre ohne klare Ziele“, stellt er klar.
Studien zufolge ist die Zahl der Sozial-Entrepreneure in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, die Universität Heidelberg schätzt die Zahl bundesweit auf rund 1500 bis 2500 Unternehmen. Unterstützung finden sie beispielsweise bei der internationalen Organisation Ashoka. Das weltweit führende Netzwerk für Social Entrepreneurs fördert aktuell 3000 soziale Gründer in 80 Ländern, darunter 60 in Deutschland.
Auf Messen wird Kontakt zu Arbeitgebern geknüpft
Als Gründerhauptstadt verfügt auch Berlin über eine blühende Social-Entrepreneurship-Szene. Wer einen Job mit Sinn sucht, kann hier auf Branchentreffen wie dem Vision Summit oder dem Vision Forum oder auf Gründer-Messen wie dem „Startup Camp Berlin“ Kontakte knüpfen. Auch spezialisierte Personalberatungen wie Talents4Good mit Büros in Berlin und München helfen beim Einstieg in die Branche.
An vielen Hochschulen hat das Thema Soziale Innovation und Soziales Unternehmertum Einzug in die Lehrpläne von Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gehalten. In Berlin kann man zum Beispiel an der Technischen Universität Nachhaltiges Management mit Bachelorabschluss studieren.
Die Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) bietet Public und Non-Profit Management als Bachelor- und Masterstudium an, die private Hochschule Fresenius einen Master in Sustainable Marketing & Leadership. Die Social Entrepreneurship Akademie (SEA), ein Gemeinschaftsprojekt der vier großen Hochschulen in München, hat einen kostenlosen Online-Kursus (MOOC) in Social Entrepreneurship im Programm.
Ein branchenspezifisches Studium oder Berufserfahrung im Non-Profit-Sektor werden von Arbeitgebern gern gesehen, sind aber kein Muss. Betterplace.org beispielsweise beschäftigt Mitarbeiter mit unterschiedlichsten beruflichen Qualifikationen: angefangen beim Software-Entwickler über Spezialisten für Online-Marketing, Key Account- und Projektmanager, Werbetexter und PR-Profis bis hin zu Vertriebsmitarbeitern und Kundenbetreuern. „Viele unserer Mitarbeiter haben vorher in klassischen Wirtschaftsunternehmen gearbeitet und sich irgendwann die Sinnfrage gestellt“, sagt Björn Lampe.
Gegen Bezahlung fremde Interessen vertreten
Ihm selbst erging es als Kommunikationsberater in der freien Wirtschaft einst ähnlich. Nach seinem Diplom an der Freien Universität heuerte er 2003 bei einer Agentur für Public Affairs an und beriet große Unternehmen bei der Kommunikation mit politischen Entscheidungsträgern. „Das Umfeld und den Einblick in politische Entscheidungen und Gesetzgebungsprozesse fand ich total interessant“, räumt er ein, doch: „Gegen Bezahlung fremde Interessen zu vertreten, hat sich schon bald nicht mehr gut angefühlt.“
Nach gut einem Jahr entschloss sich Lampe zum Absprung und machte sich auf die Suche nach einer beruflichen Aufgabe mit mehr sozialer Tiefenwirkung. Vor seinem Einstieg bei betterplace.org war er unter anderem Kampagnenplaner für das entwicklungspolitische Bündnis Erlassjahr in Düsseldorf und bei „Deine Stimme gegen Armut“, einer mittlerweile ausgelaufenen Kampagne des Verbands Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe Venro in Berlin. „Geld verdienen war bei meinen beruflichen Entscheidungen nicht der zentrale Antrieb, viel mehr bewegen mich soziale Veränderungen und Engagement“, sagt er.
Statt Boni gibt es Anerkennung
Tatsächlich müssen Bewerber beim Gehalt Abstriche machen. „Der soziale Sektor zahlt mit einer anderen Währung, nämlich Anerkennung“, sagt Norbert Kunz, einer der ersten Sozialunternehmer Deutschlands. Mit seinem Social Impact Lab hat der Berliner seit dem Jahr 2011 schon 280 Gründungsteams bei der Umsetzung ihrer Ideen unterstützt.
Dort hat auch Lena Becker ihren Traumjob gefunden. Nach ihrem Masterstudium in Non-Profit-Management kam die 25-jährige Sprach- und Kulturwissenschaftlerin 2015 nach Berlin, um sich einen Job bei einer Nichtregierungsorganisation (NGO) zu suchen.
Fündig wurde sie bei „Restlos Glücklich“, einem sogenannten Not-for-Profit-Restaurant, das mit aussortierten Lebensmitteln kocht und Bildungsprojekte gegen Lebensmittelverschwendung organisiert. „Bisher arbeiten wir alle ehrenamtlich“, sagt Becker, die im Gründungsteam für den Business Plan und die Kalkulation verantwortlich ist.
Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit einer Teilzeitstelle bei der Klimaschutzorganisation atmosfair. Wenn alles klappt, wird sie ab Sommer dieses Jahres die Geschäftsführung von „Restlos Glücklich“ übernehmen. „Mit einer 40-Stunden-Woche kommt im Moment keiner von uns aus, aber uns alle treibt die Überzeugung und der Wille, dieses tolle Projekt voranzubringen“, sagt sie.


