Grundschullehrer

Das Unterrichten von Kindern wird nie zur Routine

Lehrer haben gute Berufsaussichten, aber auch einen fordernden Job. Hier berichten Referendare und Berufseinsteiger aus ihrem Alltag.

Daniela Korch ist seit 2014 Lehrerin an der BIP Kreativitätsgrundschule in Lichtenberg.

Daniela Korch ist seit 2014 Lehrerin an der BIP Kreativitätsgrundschule in Lichtenberg.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  „Berlin braucht 1000 neue Grundschullehrer – hat aber nur 175“, „Senat sucht Grundschullehrer jetzt in Österreich und den Niederlanden“. Schlagzeilen wie diese fanden sich reichlich in den Medien der vergangenen Wochen. Gute Zeiten, um ein Grundschulstudium zu beginnen oder an einen Quereinstieg zu denken? Fragt man Daniela Korch, seit eineinhalb Jahren Lehrerin an der BIP Kreativitätsgrundschule in Lichtenberg, erhält man ein klares Ja. Und nicht nur wegen der guten Jobaussichten.

Zunächst hatte die Berlinerin einige Semester Recht studiert. Dann zog es sie in Richtung Logopädie. Doch schließlich sei sie von Bildung und Erziehung „abgeholt“ worden. „Jetzt kann ich mir nichts anderes mehr vorstellen“, sagt die 32-Jährige, die eine zweite Klasse unterrichtet.

Ganz schön anstrengend sei ein Tag vor der Klasse. „Man ist unter ständiger Anspannung.“ Dafür werde der Job nie Routine, das sei ihr besonders wichtig. Flexibel müsse man sein, spontan, schließlich könne man von keinem Kind verlangen, dass es 45 Minuten still sitzt.

Auch ihr Kollege Daniel Podoll hat seine Berufung gefunden. Der 39-Jährige entschied sich zunächst für die Oberstufe, war dann Lehrer in einer Gesamtschule in Grünau, später in einer Neuköllner Grundschule. „Durch befristete Arbeitsverträge habe ich Einblick in verschiedene Schulformen bekommen“, sagt der Sportlehrer, der schließlich an der Grundschule blieb. „Bei den Kleinen ist es besonders lohnend“, findet er. „Die sind noch nicht fertig.“

86 Prozent der Lehrkräfte sind Frauen

Als Mann in der Grundschule gehört Podoll zu einer Minderheit. Aktuell sind 86 Prozent der Lehrkräfte an Grundschulen Frauen. Für Podoll kein Problem. „Man wird als Exot geschätzt“, sagt er. Eine Einrichtung in privater Trägerschaft habe er gewählt, weil die Arbeitsbedingungen besser seien – kleinere Klassen, bessere Ausstattung. Dafür ist das Gehalt dort meist etwas niedriger.

Aber auch an staatlichen Grundschulen verdienen die Lehrer weniger als ihre Kollegen in der Oberstufe. Das Einstiegsgehalt für Berliner Lehrer, die Kinder von der 1. bis zur 6. Klasse unterrichten, liegt bei 4340 Euro. Studienräte an Gymnasien bekommen 4887 Euro.

Dabei wurde 2014 das Grundschulstudium um ein Jahr verlängert und mit zehn Semestern der Studiendauer der anderen Lehramtsstudiengänge angeglichen. „Ziel der Änderung ist eine höhere Akzeptanz für die Grundschulpädagogen“, erklärt Andreas Stephan von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. „Da wäre eine Angleichung der Gehälter natürlich wünschenswert“, sagt er und verweist auf den Doppelhaushalt 2018/2019.

Studenten kombinieren drei Unterrichtsfächer

Studieren kann man das Lehramt an Grundschulen in Berlin an der Humboldt Universität (HU) und der Freien Universität (FU), wobei für die Fächer Kunst und Musik die Universität der Künste (UdK) besucht werden muss. Gelehrt werden außer Fachwissen auch Bildungswissenschaft und Didaktik. Die Studenten müssen sich für eine Kombination aus drei Fächern entscheiden. Neu ist, dass Mathematik und Deutsch Pflicht sind.

Ein drittes Fach wird dazu gewählt: Englisch, Sachunterricht, Sport, Kunst oder Musik. Studenten, die sich für Sonderpädagogik entscheiden, wählen anstelle eines allgemeinbildenden Fachs zwei sonderpädagogische Fachrichtungen. An das Studium mit dem Abschluss Master of Education schließt sich der 18-monatige Vorbereitungsdienst in einer Schule an. Bislang waren dafür nur zwölf Monate veranschlagt.

Interessant dürfte auch für Berliner das Studium an der Universität Potsdam sein. Dort nennt sich das Studienfach Lehramt für die Primarstufe oder Lehramt für die Primarstufe mit Schwerpunkt Inklusionspädagogik. Studenten wählen als erstes Fach Mathematik, Deutsch oder Englisch, als zweites Fach kommt Sachunterricht, Sport oder Musik dazu. Wird der Schwerpunkt Inklusionspädagogik gewählt, werden die Fächer Mathematik und Deutsch studiert.

„Der Schwerpunkt des Studiums liegt aber in der Grundschulbildung oder Inklusionspädagogik. Da haben Sie dann noch einmal alle Fächer“, sagt Robert Meile, Studienberater an der Universität Potsdam. Das sei sinnvoll, da Klassenlehrer in der Regel alle Fächer unterrichten müssen. Im Gegensatz zu Berlin hat das Land Brandenburg den Vorbereitungsdienst von 18 Monaten auf ein Jahr verkürzt. Da die Referendariats-Plätze aber zentral vergeben werden, könne es passieren, dass man sich in einer kleinen Grundschule kurz vor Cottbus wiederfinde, sagt Meile.

Studiengänge sind zulassungsbeschränkt

Voraussetzung für das Studium in Berlin ist die Allgemeine Hochschulreife. An der Universität Potsdam genügt auch die Fachhochschulreife, erklärt Berater Meile. Die Studiengänge sind zulassungsbeschränkt. Dabei hat jede Hochschule ein eigenes Auswahlverfahren. Ausschlaggebend sind die Durchschnittsnote im Abitur, Wartesemester, aber auch relevante Berufsausbildungen, Praktika oder Leistungskurse in der Oberstufe.

Einen Anhaltspunkt geben die Werte für die jüngste Immatrikulation im Wintersemester 2015/2016. So hat die Universität Potsdam für das Lehramt Primarstufe im Fach Mathematik Studenten mit einem Notendurchschnitt von bis zu 2,2 zugelassen. Für Sachkunde war eine 1,9 nötig. Bei der Humboldt Universität Berlin reichte für Mathematik ein Notendurchschnitt von 2,5. Für Sachkunde musste es mindestens eine 2,1 sein.

Prognosen sind aktuell besonders schwierig, da die Zahl der Studienplätze erhöht werden soll. „Die Gespräche über eine Anhebung der Kapazitäten für das Lehramt an Grundschulen laufen bereits und sollen möglichst bald zum Erfolg gebracht werden“, sagt Thorsten Metter, Leiter der Pressestelle der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Ziel sei eine Verdoppelung der Plätze für Studienanfängerinnen und -anfänger von 300 auf bis zu 600. „Die Hochschulen würden damit eine zusätzliche Leistung erbringen. Diese wird selbstverständlich von uns extra bezahlt.“

Quereinsteiger sind gern gesehen

Der Senat setzt aber auch auf Quereinsteiger. Diese müssen einen Magister-, Master- oder Diplomabschluss haben, aus dem „man ein oder zwei für die Grundschule relevante Fächer herauslesen kann“, sagt Andreas Stephan. Günstig seien Mathe, Germanistik, Englisch und alle naturwissenschaftlichen Fächer sowie Sport und Musik. Dann geht es für 18 Monate ins berufsbegleitende Referendariat.

19 Stunden Unterrichtsverpflichtung hat ein Quereinsteiger in der Woche, verdient aber schon so viel wie ein ausgebildeter Grundschullehrer. „Wenn einer mit einem Fach kommt“, so Stephan, müsse noch ein Jahr lang ein zweites Fach studiert werden. Zum Schluss müssten aber alle, die an der Grundschule unterrichten wollen, den gleichen Abschluss machen. Das sei für Quereinsteiger oft hart.

Um an Berliner Grundschulen zu arbeiten, kann man in jedem Bundesland studiert haben. Wie unproblematisch das ist, konnte Daniela Korch vor einem Jahr erfahren. Sie hatte einen Teil ihres Studiums und ihr Referendariat in Baden-Württemberg absolviert.

Nach der Rückkehr nach Berlin habe sie fünf Bewerbungen geschrieben und fünf Einladungen bekommen. „Ich konnte mir aussuchen, wohin ich gehe.“ Was würde sie anderen raten, die Grundschulpädagogik studieren wollen? „Vorher ein Praktikum an einer Schule machen“, sagt Korch. Das Referendariat sei eine verdammt harte Zeit.

Seminarleiter sitzen hinten und schauen zu

Auch Svenja Richter, seit wenigen Wochen im Vorbereitungsdienst an einer Berliner Grundschule, weiß manchmal nicht, wie sie das Referendariat schaffen soll. Erfahrung mit Kindern hat die gelernte Erzieherin reichlich. Jetzt im Referendariat müsse sie zwar nur sieben Wochenstunden unterrichten, aber die Vorbereitung darauf sei ex­trem umfangreich, sagt die 33-Jährige und zeigt auf ein dickes Bündel Papier.

Viele Seiten umfasst die schriftliche Planung einer einzigen Stunde. Dazu käme der ständige Wechsel zwischen Schule und Seminar. Die Vorbereitung auf die einzelnen Stunden sei deshalb schwierig. Und sechs Mal im Halbjahr würden Referendare bewertet. Dann sitzen die Seminarleiter hinten in der Klasse und schauen zu.

Aber das Arbeiten mit den Kindern, schwärmt sie, das seien die schönen Momente. Sie habe sich für Mathematik, Deutsch und Englisch entschieden, obwohl ihr Vater, selbst Lehrer, ihr vom Lehrerberuf und insbesondere von der Kombination Deutsch und Englisch abgeraten habe. Wegen des hohen Korrekturbedarfs.

Auf ihn gehört hat sie nicht, auch nicht auf die beiden Halbschwestern, die ebenfalls Lehrerinnen sind. Ob sie in Berlin bleiben will, weiß Svenja Richter noch nicht. „Vielleicht gehe ich auch nach Brandenburg. Da werden Lehrer noch verbeamtet.“