Andere Wege gehen

Ab und zu gegen den Strom schwimmen

Wer sich dem Gruppenzwang entzieht, ist erfolgreicher. Management-Trainer Matthias Kolbusa regt dazu an, sich selbst zu hinterfragen: Folge ich nur der Gruppe oder will ich dies wirklich?

Foto: Ariston Verlag / HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur, Zürich

Auf dem Weg in die Manager-Etagen hat Matthias Kolbusa seine Erfahrungen gemacht: Er war naiv, hat Geld investiert, das er nicht besaß und hatte dann einen beachtlichen Schuldenberg abzutragen. Heute ist der Unternehmer Mitglied des Club of Rome und berät das Top-Management von Dax-30-Unternehmen und ambitionierten Mittelständlern.

Mit Susanne Hörr sprach er über sein neues Buch „Gegen den Schwarm – Aus eigener Kraft erfolgreich werden“ (Ariston-Verlag, 19,99 Euro) – und darüber, warum man ab und zu ein wenig neidisch sein sollte.

Berliner Morgenpost: Wenn man Ihr Buch liest, wird man plötzlich zum Hering, der sich unbewusst in den unterschiedlichsten Schwärmen tummelt – und deshalb beruflich auf der Stelle tritt. Was genau ist so ein Schwarm?

Matthias Kolbusa: Letztlich handelt es sich hierbei um ein Gruppen- und Sozialgefüge – beispielsweise ein Unternehmen mit einem bestimmten Werte- und Anerkennungssystem. Vielleicht ist es in meiner Firma üblich, zum Meeting zu spät zu kommen und dem Gegenüber nicht richtig zuzuhören, um zu zeigen, wie wichtig ich selber bin. Hier kann ich mich dann fragen, ob das meine Art ist oder nicht. Wenn ich am richtigen Hebel sitze, kann ich versuchen, etwas zu verändern – oder ich habe die Möglichkeit, den Schwarm zu verlassen. Auch eine Familie ist ein Schwarm, in der sich bestimmte Gewohnheiten und Rituale entwickelt haben.

Und um erfolgreich zu sein, muss ich den Schwarm verlassen?

Nicht unbedingt, aber wenn ich mich entwickeln will, muss ich mir zumindest darüber im Klaren sein, in welchen Schwärmen ich mich bewege. Ich muss hinterfragen, was ich eigentlich tue, was ich vom Leben erwarte und zu was ich gezwungen werde. Meist wird ja kein aktiver Zwang ausgeübt, sondern eher ein impliziter Gruppen-, Familien- oder Unternehmenszwang. Es geht mir also eher darum, die Menschen zum Reflektieren zu animieren: Mache ich mit, weil dies eben alle tun, oder stehe ich wirklich hinter einer Sache? Ist Letzteres nicht der Fall, sollte ich mich gegen das entscheiden, was ich bisher getan habe.

Was bedeutet Erfolg für Sie?

Erfolg ist ein Wort, das ich nicht sonderlich mag, aber wonach doch jeder irgendwie strebt. Im Grunde geht es darum, in seinem Leben zufrieden zu sein. Das hat mit persönlicher Weiterentwicklung zu tun und natürlich auch – da brauchen wir uns nichts vorzumachen – mit Anerkennung, Wertschätzung oder Status. Einige Schwärme helfen mir dabei, andere behindern mich eher. Bevor ich mir einen Schwarm aussuche, beantworte ich mir also die Frage: Was sind meine Ziele und wie kann ich diese am besten erreichen? Auch wenn es unterschiedlich ausgeprägt ist: Jeder von uns hat ein Gespür dafür, was für ihn richtig und was falsch ist.

Wie genau finde ich heraus, was meine berufliche Bestimmung ist?

Das hat viel mit dem Erkennen, was ich nicht will, zu tun. Allerdings bekomme ich das kaum durch eine rationale Analyse heraus. Ich muss in die Praxis, muss Etliches versuchen. Dabei hilft Risikofreudigkeit. Ich selbst war manchmal ziemlich naiv und habe alles Mögliche ausprobiert. Ich glaube, wir müssen versuchen, die Dinge ein Stück weit auszuhalten, um sie so auszutesten. Und man sollte auf seine Emotionen achten. Ich sage immer: Seien Sie neidisch, haben Sie Angst!

Warum denn das? Es handelt sich hierbei doch um eher negative Emotionen, von denen man sich frei machen will.

Der erste Schritt ist Ehrlichkeit: Das Freimachen funktioniert nicht, denn alle Menschen haben diese Emotionen. Die Angst zum Beispiel ist Hemmschuh oder Antreiber. Dessen sollte ich mir bewusst sein. Wenn ich in einer Gruppenbesprechung aus Angst nicht meinen Arm hebe, kann ich mich fragen: Warum handle ich so? Der intelligente Umgang mit Angst ist unbezahlbar. Sie kann sehr hilfreich sein, wenn es zum Beispiel darum geht, Risiken abzuwägen, damit man nicht blindlings nach vorne stürmt. Neid weist uns oft die Richtung, in die wir eigentlich gehen wollen. Wenn ich erfolgreich sein möchte, dann muss ich mir im ersten Schritt über meine Emotionen Rechenschaft ablegen. Anschließend kann ich darüber schmunzeln und dann bewusster mit Leuten sprechen und agieren.

Sie empfehlen auch, zu lügen, was die Wahrheit hergibt…?

Damit ist gemeint, dass man an sein eigenes Zukunftsbild glauben soll, also ausschließlich an die eigene Wahrheit und nicht an die subjektiven Wertvorstellungen und Ziele anderer. Wir leben in einer Zeit, in der wir sehr viele Optionen haben. Einerseits ist das schön, andererseits ist es ein Fluch, weil man sich immer sagen kann: Vielleicht geht es ja anders besser... Ganz wichtig ist es deshalb, sich davon ein Stück weit frei zu machen, um nicht ständig die Richtung zu wechseln. Wenn ich selbst von etwas nicht überzeugt bin, wird daraus nichts werden. Ein Bekannter beispielsweise hat sich nicht getraut, über die Klippe vom Angestelltensein in die Selbstständigkeit zu springen. Meiner Überzeugung nach hätte er diesen Schritt locker bewältigt, doch er selbst war nicht davon überzeugt. Für ihn war es vielleicht reizvoll, drei bis vier eigene Geschäfte zu haben – und damit mehr Geld zu verdienen. Aber das ist kein Ziel, so erreiche ich nichts. Ich brauche vielmehr einen tiefen Glauben an meine Idee und eine klare Vorstellung davon, wie ich zu einem Ergebnis komme. Ich muss meine Vision wortwörtlich visualisieren – als kleine Filmsequenz vor meinem geistigen Auge.

Das hört sich so leicht an....

Es ist nicht leicht. Es bringt aber auch nichts, dies zu beklagen. Helfen kann einem, stets im Hier und Jetzt zu bleiben: Selbst wenn jemand um 16 Uhr eine ganz wichtige Präsentation hat, vor der ihm graut, dann gibt es um 12 Uhr damit kein wirkliches Problem. Es bringt nichts, sich bereits Stunden oder Tage vorher in Albträumen zu verlieren, was alles schief laufen könnte. In der Zeit kann ich andere, sinnvollere Dinge erledigen. Die Botschaft lautet also: Sich immer auf das gerade Angesagte konzentrieren sowie dabei diszipliniert und schnell sein. Es geht um Erfolg im Sinne von Zufriedenheit, nicht um Perfektion! Die meisten Menschen betreiben eine Übervorbereitung, verplempern zum Beispiel enorm viel Zeit mit dem Erstellen von Power-Point-Präsentationen.Oft ist es viel zielführender, eine Idee anhand eines einfachen Flipcharts zu erklären. Man sollte über die wichtigen Dinge nachdenken, diese nach vorne bringen und Gas geben. Wenn ich andere motiviere, in die Gänge zu kommen, sage ich ihnen oft: Hört auf zu konzeptionieren, zu analysieren und zu planen. Macht es einfach!