Die Unternehmerin

Konferenzen, Kundenbesuche, Mitarbeitergespräche – dabei hat der Arbeitstag doch nur acht Stunden. Alexandra Knauer zu erreichen ist schwierig. Vor 13 Jahren übernahm sie als Alleineigentümerin das Familienunternehmen Seitdem hat sie zwei Kinder bekommen und die Firma, die Labormessgeräte herstellt und weltweit vertreibt, komplett umgekrempelt, moderner und zeitgemäßer aufgestellt.

Und dafür hat Alexandra Knauer Preise bekommen: 2010 wurde ihr der Prix Veuve Cliquot verliehen, der sie deutschlandweit zur Unternehmerin des Jahres kürte. Im gleichen Jahr wurde Knauer zum familienfreundlichsten Unternehmen in Berlin ausgezeichnet und 2012 als hochinnovatives Unternehmen im deutschen Mittelstand gekürt.

Rund 125 Mitarbeiter leitet die 46-Jährige gemeinsam mit einem Geschäftsführer, darunter 40 Prozent Frauen und 60 Prozent Männer. „Wir haben in jeder Abteilung Frauen, und zwar in den verschiedensten Positionen“, sagt die Unternehmerin. Allein in der Softwareentwicklung und in der Mechanischen Fertigung fehlen weibliche Kräfte. „Aber das liegt nicht an unwilligen Entscheidern, sondern an mangelnden Bewerbungen.“

Techniker und Naturwissenschaftler verdienen in der Regel mehr als Romanistinnen und Kunsthistorikerinnen. Mehr Mädchen und Frauen in technische Berufe zu bringen, das könnte ein Baustein sein, der für mehr Lohngerechtigkeit sorgt. Knauer unterstützt Projekte wie Enter Technik und den Girl’s Day, um mehr junge Frauen für einen technischen Werdegang zu begeistern.

Wiedereinstieg für Mütter schwierig

Welche Gründe gibt es aber, dass Frauen für dieselbe Arbeit heutzutage teilweise immer noch weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen? Einer Studie der Soziologin und Arbeitsmarktforscherin Jutta Allmendinger zufolge pausiert jede Frau um die 40 über mindestens 14 Jahre, wenn sie Kinder bekommt. Nur 13 Prozent aller Mütter schaffen einen erfolgreichen Wiedereinstieg in den Beruf, wenn sie mehr als drei Jahre pausiert haben. Dennoch ist 91 Prozent der Frauen die eigene Erwerbarbeit sehr wichtig, wie die Studie ergab. Auch 76 Prozent der Männer wollen demnach, dass ihre Frau „finanziell auf eigenen Beinen steht“, ergab die Studie. Vor fünf Jahren waren es lediglich 54 Prozent.

In Alexandra Knauers Firma haben Männer und Frauen dieselben Startbedingungen. „Wer aber drei Jahre Elternzeit für jedes Kind in Anspruch nimmt, wird nicht mit den Kollegen mithalten können, die nur ein halbes Jahr aussetzen. Viele Frauen arbeiten außerdem lieber Teilzeit. Auch hier gilt: Wer auf einer halben Stelle arbeitet, hat weniger Karrierechancen als Mitarbeiter, die jeden Tag präsent sind“, sagt die studierte Betriebswirtin.

Im Durchschnitt nehmen Knauer-Mitarbeiter – und zwar Männer wie Frauen – zwei bis zwölf Monate frei, wenn der Nachwuchs da ist. Für ein mittelständisches Unternehmen ist es nicht einfach, diese Fehlzeiten zu überbrücken. Frau Knauer selbst hat gar keine Elternzeit in Anspruch genommen, auch ein Teilzeitmodell kam für sie nie in Frage. Nach der Geburt der Kinder, hat sie eben öfter mal ein Baby auf dem Arm geschaukelt, wenn sie in Meetings saß. Auch die Großeltern waren schon mal eingesprungen.

Spagat zwischen Beruf und Familie

„Als Firmenchefin und Mutter weiß ich um den Spagat zwischen Familie und Beruf. Es ist super, Kinder zu haben“, sagt Alexandra Knauer, „aber es sollte nicht sein, dass Frauen keine Kinder mehr bekommen, weil sie finanziell unabhängig sein wollen.“ Aus diesem Grund spendiert das Zehlendorfer Unternehmen den Mitarbeitern bis zu 90 Euro pro Monat und Kind als Zuschuss für die Kitakosten. Davon profitieren alle – von der Assistentin bis zur Abteilungsleiterin, ob jemand voll arbeitet oder in Teilzeit. Unterstützung erfahren die Eltern auch, wenn das Kind krank ist: Mitarbeiter erhalten vier Tage bezahlte Freistellung für die Pflege eines erkrankten Kindes, Alleinerziehende sogar acht.

„Politisch und gesellschaftlich hat sich für die Arbeitnehmerinnen in den vergangenen Jahren viel verbessert“, sagt Alexandra Knauer, „sie haben jetzt das Recht auf einen Kitaplatz. Richtig gut finde ich, dass sich heute immer mehr Männer sehr intensiv in die Familienarbeit einbringen.“

Unter jüngeren Arbeitnehmern klafft die Lohnschere häufig nicht so weit auseinander wie es etwa bei den über 50-Jährigen noch der Fall ist. Diese Erfahrung hat auch Dr. Sabine Marsch gemacht, Leiterin der Freien Schule Anne-Sophie und Mutter eines Sohnes. Und das liegt auch in einer geteilten Familienarbeit beider Elternteile. „Dabei ging es uns nicht primär um das Geld, sondern eher darum, das zu tun, was wir gerne möchten.“

Kein Karriereknick

Der Sohn ist inzwischen drei Jahre alt, ein zweites Kind ist unterwegs. Doch ihre Karriere hat die Mutterschaft bisher nicht behindert. „Ich wollte zwar immer schon in der Lehre arbeiten, aber den Weg zur Forschung freizuhalten, war mir ebenso wichtig,“ sagt die 34-Jährige, die an der Freien Universität Biologiedidaktik studiert hatte und bereits während ihrer Promotion an einer Schule unterrichtete.

Im Jahr 2010, als Sohn Jonathan zwei Monate alt war, erhielt ihr Partner, der im gleichen Bereich arbeitete wie sie selbst, ein Angebot für eine Vertretungsprofessur in Leipzig. „Er wollte nicht“, sagt Sabine Marsch. „Sicher war dieser Gedanke für viele ungewöhnlich, ich habe ja noch gestillt. Aber dennoch trieb mich um: Warum haben die eigentlich nicht mich gefragt?“

Diese Frage war zwar halbwegs scherzhaft gemeint gewesen, dennoch nimmt sie am Ende die Stelle an und pendelt drei Mal die Woche nach Leipzig, während ihr Mann den Kleinen betreut. Ist sie zu Hause, geht ihr Mann arbeiten. „Diese Fifty-fifty-Aufteilung von Elternzeit und Zuständigkeit für die Familie ist uns sehr wichtig“, sagt die Schulleiterin, diese Regelung haben sie auch beibehalten können, als die Familie ein Jahr darauf für ein Forschungssemester nach Australien geht.

Die Finanzexpertin

Im April kommt das zweite Kind. Sabine Marsch wird ein knappes Jahr Elternzeit nehmen, ihr Mann, der derzeit als Professur in Lüneburg lehrt, wird folgen. „Wir spielen mit dem Gedanken, mittelfristig auf eine Dreiviertel- oder Zweidrittelstelle zu gehen“, sagt Sabine Marsch, „alle beide.“ Ein Ungleichgewicht für Gehalt und Karriere wird so nie entstehen.

Das Recht auf einen Kitaplatz, geteilte Elternzeit, in Deutschland habe sich einiges getan, findet Sabine Marsch. „Andere Länder haben in der Hinsicht oft weniger zu bieten.“ Ob sich das Modell der geteilten Familienarbeit durchsetzen mag? „In unserem Freundeskreis sind wir damit immer noch eine Ausnahme. Oft müssen Paare danach entscheiden, wie sie ein möglichst großes Familieneinkommen erwirtschaften können. Wenn die Frau weniger verdient, bleibt sie auch häufiger zu Hause.“ Ein Teufelskreis.

Viele Frauen suchen sich ihre Jobs danach aus, ob ein Job sicher ist und sie sich entfalten können, bei Männern stehen häufig der Verdienst und das Renommee eines Jobs im Vordergrund oder die Frage, ob sie einen Dienstwagen bekommen. „Dennoch leben wir in einer männlich geprägten Arbeitswelt“, sagt Carola Ferstl, Moderatorin des Nachrichtensenders n-tv und Wirtschaftsexpertin – und Mutter von drei Kindern. „Das zeigt sich auch in den Gehaltsverhandlungen.“

Seltener an die Spitze

Während Männer eher sportlich gestimmt in das Gespräch gehen, dieses als Wettkampf sehen, neigen Frauen dazu, sich zurückzunehmen. So kommt es, dass Frauen bei gleicher Ausbildung und Qualifikation sehr viel seltener in Führungspositionen gelangen. „Frauen trauen sich weniger zu als Männer. Die meist männlichen Vorgesetzten nutzen das wiederum aus und bieten ihnen weniger an. Während Frauen schneller klein beigeben, fühlen Männer sich dadurch erst angespornt, härter zu verhandeln.“

Häufig haben Frauen ein latent schlechtes Gewissen, weil sie ihren Vorgesetzten nicht zumuten wollen, wegen eines kranken Kindes auch mal ausfallen zu müssen. „Dabei sind die Männer doch auch Väter.“ Carola Ferstl arbeitet in Teilzeit. „Aber eigentlich ist man als Journalistin doch immer im Dienst, denkt über Themen nach, mit denen man sich befassen könnte.“ Eine halbe Stelle hat sie beim Sender, die restliche Zeit nutzt sie für verschiedene Projekte, auch für die Familie. Denn heute ist schon wieder so ein Tag: Das geplante Interview muss verschoben werden, der jüngste Sohn ist krank geworden, ein Besuch beim Arzt ist einfach wichtiger.

„Leistung ist nicht immer gleichbedeutend mit Anwesenheit, doch leider sehen das immer noch viele Chefs so.“ Dass Frauen nun versuchen, die besseren Männer zu sein, hält die Moderatorin und Expertin für Finanzen für keine Lösung. „Ein bisschen mehr Flexibilität in der Arbeitswelt wäre wünschenswert, für beide – Männer wie Frauen. Wenn nicht alle immer rund um die Uhr verfügbar sein müssen, bekommt man auch mehr Frauen in Führungspositionen.“ Ob sie selbst weniger verdient, als ihre männlichen Kollegen? Carola Ferstl stutz, überlegt. „Ich denke nicht, ich habe immer gut verhandelt!“