Drei Modelle

Die größten Steuersünder freuen sich am meisten

Das Steuerabkommen mit der Schweiz trifft die Sünder unterschiedlich. Die Morgenpost Online hat drei Modelle durchrechnen lassen.

Foto: picture alliance / dpa

Dann wird es Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) im Bundestag doch zu viel. „Das ist ein Skandal“, ruft er. Es handle sich um verleumderische Behauptungen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hätten. Vorausgegangen waren heftige Verbalattacken der SPD.

Vertreter aus ihren Reihen drohten: Schäuble könne nur mit der notwendigen Zustimmung im Bundesrat rechnen, wenn er das Steuerabkommen mit der Schweiz noch einmal nachverhandele. „Die großen Steuerhinterzieher kommen mit einem Billigtarif davon“, fasste der stellvertretende SPD-Fraktionschef Joachim Poß am Donnerstag seinen Unmut zusammen .

Verleumderische Behauptungen oder tatsächlich ein Billigtarif? Die „Morgenpost Online“ wollte es genau wissen und hat die renommierte Steuerkanzlei Flick Gocke Schaumburg aus Bonn nachrechnen lassen. Ein Ergebnis vorweg: Die schwersten Steuersünder können sich tatsächlich am meisten freuen.

Der Reihe nach: Bis zum 31. Mai 2013 müssen sich alle Steuerflüchtlinge mit Schweizer Konto entscheiden, ob sie von der neuen pauschalen Abgeltungslösung Gebrauch machen wollen oder doch lieber auf die seit Jahren mögliche Selbstanzeige zurückgreifen. Als dritter Weg bleibt die Fortsetzung der Flucht in eine noch nicht ausgetrocknete Steueroase – für viele wohl keine Lösung, ist die Entdeckungsgefahr in den vergangenen Jahren doch weltweit deutlich gestiegen.

Bei der pauschalen Abgeltung führen die Schweizer Banken zwischen 19 und 34 Prozent des Kundenvermögens an den deutschen Fiskus ab – anders als bei der Selbstanzeige geschieht dies vollkommen anonym. Mit der Nachzahlung sind alle Sünden der Vergangenheit verziehen, der Steuerflüchtling bleibt wie bei der Selbstanzeige straffrei.

Ob sich die bisherigen Schwarzgeldbesitzer die Anonymität wenigstens teuer erkaufen müssen, ist die Frage, die viele umtreibt. Der Unterschied zwischen 19 und 34 Prozent kann nicht nur ein paar Tausend Euro, sondern schnell mehrere Hunderttausend Euro ausmachen.

Die entscheidende Rechenformel in dem Abkommen ist alles andere als trivial. Sie enthält viele Brüche, Klammern und Variablen. Jeder Fall muss einzeln berechnet werden. Ausschlaggebend ist immer die Zeit zwischen dem 31. Dezember 2002 und dem 31. Dezember 2012. Die Schweizer Banken werden sich 2013 die Depotwerte an diesen beiden Stichtagen anschauen. Länger zurück müssen sie nicht gehen, da frühere Steuerdelikte dann verjährt sind. Um bis 2013 hastige Kapitalverschiebungen zu verhindern, gilt der höhere Depotwert: entweder Ende 2010 oder Ende 2012.

„Wenn sich das Vermögen um nicht mehr als 50 Prozent vermehrt hat, kommt der Mindestsatz in Höhe von 19 Prozent des relevanten Kapitals zur Anwendung“, lautet ein erstes Fazit von Steuerberaterin Claudia Siekmann. Sie sieht darin den Regelfall (Fall 1). Die 34 Prozent würden nur in absoluten Ausnahmefällen relevant. Dafür dürfte am Ausgangsstichtag kaum mehr als ein Euro im Depot sein, das gesamte Vermögen muss sich im relevanten Zeitraum angesammelt haben (Fall 2).

Die beiden konstruierten Fälle geben auch Antwort auf die Frage, für wen statt der pauschalen Abgeltung die Selbstanzeige das Mittel der Wahl sein sollte. Entscheidet sich der reuige Steuerflüchtling für die Selbstanzeige, zieht der Fiskus die ausstehenden Steuern eines jeden noch relevanten Jahres ein – und berechnet obendrauf noch Strafzinsen in Höhe von sechs Prozent pro Jahr.

Wer seit 2003 kein Geld mehr in die Schweiz gebracht hat, sondern sein Vermögen einfach so hat arbeiten lassen, kommt mit der Selbstanzeige trotzdem günstiger weg als mit der pauschalen Abgeltungslösung. Zumal wenn er in dieser Zeit noch Kursverluste hatte, was angesichts der Börsenhistorie nicht unwahrscheinlich ist. Diese wurden in den Beispielfällen nicht gegengerechnet.

Die Steuerexperten gingen vereinfacht von steten Dividendeneinnahmen aus dem 20-prozentigen Aktienanteil im Depot von zwei Prozent pro Jahr aus. Die Anleihen, in denen der Rest angelegt ist, sollen seit Ende 2002 mit 3,5 Prozent pro Jahr rentiert haben.

Fall 3 lässt alle uneingeschränkten Anhänger der Steuergerechtigkeit richtig unruhig werden: Brachte der Steuersünder auch in den vergangenen Jahren noch regelmäßig Schwarzgeld über die Grenze, ist die Abgeltungslösung in der Regel günstiger als die Selbstanzeige.

Denn bei einer Selbstanzeige fiele vor allem die nicht gezahlte Einkommensteuer ins Gewicht – in den Beispielrechnungen wurde der Spitzensteuersatz angenommen. Bei der Abgeltungslösung interessiert die Schweizer Banken dagegen nicht, ob das Geld schon einmal versteuert wurde, bevor es bei ihnen landete. Sie ziehen stur den Anfangsdepotwert vom Endwert ab und füllen damit die mathematische Formel aus.

Dies führt dazu, dass tatsächlich jene am besten wegkommen, die am hemmungslosesten agierten: Die, die regelmäßig Geld am deutschen Fiskus vorbeischleusten, und es mit vollen Händen in der Schweiz ausgaben – ob für Uhren, Schmuck, Immobilien oder schöne Reisen. Der Wertzuwachs zwischen den Stichtagen ist minimal, mehr als 19 Prozent müssen sie nicht entrichten. „So billig sind solche Fälle noch nie davongekommen“, sagt Steueranwalt Karsten Randt von Flick Gocke Schaumburg. Nicht bei der Steueramnestie 2004 und auch nicht in den 1980er-Jahren.

Einziges Problem für die auf die Abgeltung wartenden reichen Sünder: All die schönen Rechnungen helfen nicht, wenn Steuerfahnder bereits die Fährte aufgenommen haben. Klingeln sie eines Morgens an der Haustür, ist es für eine Selbstanzeige zu spät.