Code-Wörter

Die Geheimsprache von Europas Währungshütern

Von wegen klare Worte: Die EZB spricht über Zinserhöhungen in Code-Wörtern. In Krisenzeiten ist das jedoch ausgesprochen riskant.

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„Wir legen uns niemals vorher fest“ – diesen Satz beherrscht EZB-Präsident Jean-Claude Trichet im Schlaf. Dennoch ist Europas Währungshütern daran gelegen, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Sie will – zumindest für Finanzprofis – berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

Bevor eine Serie von Krisen die Märkte erschütterte war es für die Europäische Zentralbank (EZB) vergleichsweise einfach, mit bestimmten Schlüsselbegriffen die Markterwartungen zu steuern. Eine Zinserhöhung im folgenden Monat wurde mit „hoher Wachsamkeit“ („strong vigilance“) angekündigt, ein Zinsschritt nach oben in zwei oder drei Monaten mit der Umschreibung: „Der EZB-Rat wird die Inflationsgefahren (sehr) genau beobachten“ („monitor risks (very) closely“).

EZB muss Doppelstrategie fahren

Seit Pleitekandidaten wie Griechenland am Abgrund stehen und Zocker gegen den Euro wetten, ist ein zu formalistisches Vorgehen für die EZB nicht mehr möglich. Ökonomen der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) hatten die Zwickmühle der EZB im April dieses Jahres so beschrieben: „Die EZB ist gezwungen eine Doppelstrategie zu fahren: Die Inflationserwartungen im Zaum halten und gleichzeitig Rücksicht auf die angeschlagenen Peripherieländer nehmen.“


Da die Situation unsicher ist wie lange nicht , griff die EZB in diesem Jahr zu weit deutlicheren Formulierungen, um über ihre Strategie aufzuklären. Im März sagte Trichet vor der Frankfurter Finanzpresse: „Eine Zinserhöhung bei unserer nächsten Sitzung ist möglich, aber nicht sicher.“ Im April beendete die EZB mit dem ersten Zinsschritt seit fast genau zwei Jahren ihre Politik des extrem billigen Geldes: Der Leitzins stieg von 1,0 auf 1,25 Prozent.

Volkswirte rechnen mit Zinserhöhung

Auch für den zweiten Zinsschritt des Jahres gab Trichet deutliche Signale: Nach der Sitzung des EZB-Rates Anfang Juni sagte er, mit Blick auf die Inflationsentwicklung sei „hohe Wachsamkeit“ geboten. Zur Sicherheit unterstrich der Franzose die etwas aus der Mode gekommene Schlüsselformulierung mit den Worten: „Wir könnten den Leitzins im Juli anheben.“ Wie erwartet folgte im Juli der zweite Zinsschritt des Jahres, erneut um 0,25 Punkte auf 1,5 Prozent.

Nun rechnen Volkswirte für das laufende Jahr noch mit einer Zinserhöhung. Wann genau sie kommt, ist unklar. Volkswirte der Berenberg Bank etwa erklärten nach der letzten EZB-Sitzung im Juli, es könnte Oktober oder auch erst Dezember werden. Trichets Äußerungen ließen Raum für beide Szenarien.