Sammlerstücke

Auch Briefmarken sind ein spannendes Investment

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Andre Tauber

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In der Krise sind die vermeintlich unerotischen Sammlerstücke wieder heiß begehrt – und eine interessante Investition

Das Geschäft ist von Weitem zu sehen. Ein Stoffbanner hängt über dem Eingang zur Turiner Via Cavour hinaus. Darauf ist eine schwarze Briefmarke mit dem Profil einer zierlichen Frau abgebildet: die britische Penny Black, die erste Briefmarke der Welt. Um welchen Laden es sich handelt, steht auf einem gusseisernen Schild, das in die Mauer verankert wurde: "Bolaffi. Hoflieferant der Regentin Elena". Es ist der Laden von Alberto Bolaffi - der traditionsreichste Briefmarkenhandel Italiens und einer der wichtigsten in Europa.

Die Verkäuferinnen haben an diesem Freitagvormittag viel zu tun. Ein älteres Ehepaar steht am Verkaufstresen, gibt Anweisungen, nach welcher Briefmarke im Lager gefahndet werden soll. Daneben zählt ein Sammler Hunderteuroscheine - um eine einzelne Briefmarke zu bezahlen. Ein weiterer Mann wartet weiter hinten darauf, als Nächster beraten zu werden. Er schaut sich im Verkaufsraum um, der mit den Vertäfelungen und Möbeln aus Holz an eine alte Bibliothek erinnert.

Das Geschäft läuft gut. Schon mehrmals in dieser Woche haben die Verkäuferinnen eine weinrote Kordel abgenommen, die den Verkaufsraum abtrennt und Kunden in eine kleine Kabine geführt. In dem Raum stehen ein Tisch, Stühle, eine Lupe und ein Teller mit Bonbons. Hier werden die besonders teuren Stücke präsentiert. In den drei vergangenen Wochen hat Bolaffi hier 50 Abschlüsse im Wert von jeweils mindestens 10 000 Euro gemacht - darunter war auch ein Münzverkauf im Wert von über 200 000 Euro. Das ist selbst für ein nobles Geschäft viel.

"Das ist aber erst der Anfang", sagt Firmenchef Bolaffi. Er sitzt in einem lichtdurchfluteten Eckbüro. An der Wand gegenüber hängt ein gerahmter Ausschnitt der rechtskonservativen Zeitung "Il Giornale": "Die Inflation steigt wieder. Zum Glück!", steht darauf geschrieben. Bolaffi ist davon überzeugt, dass ihm die Krise in die Hände spielt. Denn wenn die Menschen den Aktien misstrauen, Angst vor Inflation haben und selbst Staatspleiten fürchten, dann investieren sie in das, was Bolaffi "bene di rifugio" nennt - Rückzugsgüter. Das ist Besitz, der zwar nicht so gut rentiert wie etwa Aktien in Boomzeiten, dafür aber im Schnitt genug abwirft, um zumindest die Inflation auszugleichen.

Für Bolaffi ist die Briefmarke eines der besten Rückzugsgüter überhaupt. "Würde ich mich für 50 Jahre einfrieren lassen, dann würde ich keine Anleihe und keinen Euro mitnehmen. Ich würde mit Briefmarken und Münzen aufwachen wollen." Bolaffi ist 74 Jahre alt, hat wache Augen, ist Präsident der Gruppe, die neben der Filiale in Turin auch Läden in Mailand, Rom und Verona hat und jährlich 50 Millionen Euro umsetzt. Er lebt in einer bürgerlichen, fast protestantischen Tradition, die das moderne, industrielle Turin auszeichnet. Viele der wohlhabenden Bürgerfamilien hier legen Wert darauf, ihre erarbeiteten Güter nachfolgenden Generationen zu übergeben - meist in Form langfristiger Anlagen. Und dazu zählen für ihn auch Gemälde, Schmuck, Porzellan oder Briefmarken und Münzen.

Er selbst hat sich bereits ein Vermögen geschaffen. Bolaffi entstammt einer reichen jüdischen Familie. Sein Vater war ein Partisanenführer im Krieg, kämpfte gegen die deutschen Besatzer. Dabei ging zwar ein großer Teil des Familienbesitzes verloren, sagt Bolaffi. Doch sein Vater baute das Geschäft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder auf. Und füllte es bald mit neuen Reichtümern. Bolaffis Büro ist ein heilloses Durcheinander. An den Wänden hängen Bilder, Werbeanzeigen aus über 50 Jahren und Briefe. Lupen und Pinzetten liegen überall verstreut herum.

Der Hausherr sitzt an einem Tisch, an dessen Ecken sich das Holz spaltet. Er greift in eine Schreibtischschublade nach einem Stift und Schmierpapier, um besser erklären zu können, warum es sich lohnt, in Briefmarken zu investieren. Er schreibt. "Punkt eins: Die Anzahl ist klar begrenzt." - "Briefmarken kann man im Gegensatz zu Gold nicht neu fördern", sagt Bolaffi. Sie blieben deswegen begehrt. "Punkt zwei: Sammler sind leidenschaftlich." - "Wer eine Sammlung hat, in der eine ganz bestimmte Marke fehlt, der wird verrückt, wenn er sie nicht bekommt." Am Ende wird der auch einen überhöhten Preis bezahlen.

Tatsächlich gibt es Marken, mit denen schon mancher Sammler viel Geld verdient hat. Etwa die Gronchi Rosa, die bekannteste Briefmarke Italiens. Die Marke wurde im April 1961 anlässlich einer Südamerikareise von Staatspräsident Giovanni Gronchi entworfen. Sie führte damals zu politischen Spannungen, da auf der Marke Peru mit umstrittenen Grenzgebieten abgebildet war. Im Jahr 1970 war die Marke rund 100 Euro wert, 1990 kostete sie 700 Euro, zehn Jahre später 2500 Euro und heute bekommt man dafür 3900 Euro.

Eine Rendite, die nicht nur für Sammler, sondern auch für reine Finanzinvestoren interessant wäre, findet man bei Stanley Gibbons in London. Das an der Börse notierte Traditionshaus hat den "Rarity Index" entworfen, der den Wert der 30 begehrtesten Briefmarken der Britischen Insel abbildet. Ein weiterer Index zeigt die Entwicklung der hundert wertvollsten Marken. Im Vergleich mit dem Dow-Jones-Aktienindex, Immobilienwerten und selbst boomendem Gold schneidet der Rarity Index am besten ab. Seit 1998 ist er um 275 Prozent gestiegen. Stanley Gibbons bietet deswegen auch strukturierte Investmentprodukte an.

Sammler können sich mit einer Mindesteinlage von 10.000 Euro eine oder mehrere Marken kaufen. Stanley Gibbons garantiert eine fixe Mindestrendite, die bei einer zehnjährigen Investition etwa bei zehn Prozent liegt. "So etwas gibt es in der Investmentlandschaft sonst nicht", sagt Keith Heddle, Verkaufs- und Marketingdirektor. Im Herbst möchte er mit einem Luxemburger Bankhaus als Partner den ersten Fonds anbieten. Zu den Kunden des Hauses zählen nicht nur versierte Sammler. "Rund 99 Prozent unserer Kunden brauchen unsere Hilfe bei der Auswahl der Marken", sagt Heddle im Hinblick auf die strukturierten Finanzprodukte.

Bolaffi ist traditioneller. Finanzspekulation verabscheut er. Er schätzt den persönlichen Kontakt mit Kunden, selbst Auktionen, mit denen er den größten Teil des Umsatzes macht, hat er nur zögerlich gestartet. "Wer kurzfristige Rendite sucht, ist fehl am Platz", sagt Bolaffi. Marken müsse man mindestens fünf bis zehn Jahre halten. Dann erst hätten sie genug Wert gewonnen, um die hohen Kommissionen der Händler wieder hereinzuholen - Bolaffi selbst kassiert manchmal bis zu 50 Prozent des Werts. "Die ersten fünf Jahre arbeitet die Marke für mich", sagt er freizügig.

Ein großes Risiko birgt das Geschäft allerdings: Die Sammlerleidenschaft. "Am Ende werden die meisten zu engagierten Sammlern", sagt Bolaffi. Was das heißen kann, sieht man in Bolaffis Büro. Dort hängt ein gerahmtes Bild, in dem 240 Marken der Penny Black wie auf einem Druckbogen aneinandergereiht wurden. Die Marken sind von niederer Qualität, etwa jeweils um die 700 Euro wert. Der Bogen kostet damit knapp 170.000 Euro. Ob er ihn verkaufen würde? "Natürlich nicht", sagt Bolaffi entsetzt. Es ist Geld an der Wand, das vermutlich niemals flüssig wird.