Asoka Wöhrmann

"Ich habe vor dem Crash Land gekauft"

Asoka Wöhrmann ist oberster Fondsmanager der DWS. Er verwaltet 110 Milliarden Euro Kundengelder. Dax-Aktien hält er für unterbewertet – privat kauft er Land.

Foto: picture-alliance / creasource / PA/creasource

Morgenpost Online: Herr Wöhrmann, haben Sie Angst um Ihr Geld?

Asoka Wöhrmann: Dieser Crash ist schon beängstigend. Minus 25 Prozent in so kurzer Zeit beim Dax, das ist wohl einmalig. Auch ich muss beim Blick auf mein Depot leider feststellen, dass es weniger geworden ist.

Morgenpost Online: Verstehen Sie noch, was sich an den Märkten abspielt?

Wöhrmann: Das gesamte Jahr ist ziemlich grausam für Anleger. Es kommen so viele Themen zusammen: die Revolutionen in Nordafrika mit steigenden Ölpreisen, die höheren Nahrungsmittelpreise in Schwellenländern, der Schock durch Fukushima, die nicht enden wollende Schuldendiskussion. Doch es gab auch positive Themen: die Sonderkonjunktur in Deutschland, und selbst in den USA übertrafen noch im zweiten Quartal 70 Prozent aller Unternehmen die Analystenerwartungen. Nur die Frühindikatoren signalisierten zuletzt eine leichte Abschwächung der Wirtschaft, und dann kam erneut Unsicherheit auf.

Morgenpost Online: Und alle stürmten in die gleiche Richtung: raus aus Aktien.

Wöhrmann: Alle wollten plötzlich in Gold, Bundesanleihen, Schweizer Franken. Erklären lässt sich das nur schwer. Die Irrationalität zeigt sich besonders gut an den Vereinigten Staaten. Kaum hatte die Ratingagentur Standard & Poor's dem Land die beste Kreditnote entzogen, stieg die Nachfrage nach US-Staatsanleihen – eigentlich hätten Investoren ihr Geld abziehen müssen. Doch plötzlich wurde auf Rezession geschaltet. Der Markt ist einfach aus dem Gleichgewicht.

Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?

Wöhrmann: Normalerweise gibt es immer welche, die bereitstehen, wenn andere sich von ihren Wertpapieren trennen: Die einen schmeißen Aktien raus, die anderen fangen sie auf. Doch zuletzt hielten sich selbst jene zurück, die der Überzeugung sind, dass es den Unternehmen besser geht, als es der Aktienkurs ausdrückt – sie müssen sich zurückhalten, weil die hauseigenen Risikokontrollsysteme ihnen keine andere Wahl lassen.

Morgenpost Online: Sie wollten, aber durften nicht?

Wöhrmann: Grundsätzlich ist es für die großen, streng kontrollierten Investoren kaum noch möglich, einen Kurseinbruch einfach auszusitzen. Je höher die Schwankungen am Markt sind, desto mehr Aktien müssen verkauft werden. Da sind die Risikomanager unerbittlich. Was den Herdentrieb natürlich nur verstärkt.

Morgenpost Online: Das macht wenig Mut, sein Geld in Aktien zu investieren.

Wöhrmann: Irrationale Märkte sprechen nicht gegen Aktien.

Morgenpost Online: Das müssen Sie als oberster Fondsmanager der DWS sagen.

Wöhrmann: Die Kurse bilden die Realität derzeit schlicht nicht ab. Die aktuellen Bewertungen der Dax-Unternehmen signalisieren, dass die Gewinne in den nächsten 20 Jahren jährlich um vier Prozent sinken, das ist Humbug. Deutsche Unternehmen haben seit 1995 ihre Gewinne vervierfacht und seit 2009 knapp verdoppelt, sie sind in viel besserer finanzieller Verfassung als während der Lehman-Krise. Wenn Sie keine tiefe Rezession erwarten, dann sollten Sie Aktien kaufen. Wir erwarten keine Rezession.

Morgenpost Online: Und dann wieder bibbern?

Wöhrmann: Wer Rendite will, muss Risiken eingehen. Sich Aktien kaufen und dann bis zur Rente im Depot lassen, das funktioniert allerdings nicht mehr. Man muss auch mal Papiere verkaufen, aber bei steigenden, nicht bei fallenden Kursen.

Morgenpost Online: Ein Ende der Turbulenzen ist nicht in Sicht, im Wochenrhythmus gerät ein anderes Land an den Schuldenpranger, diese Woche Frankreich.

Wöhrmann: Es ist unglaublich, in Windeseile werden von Bloggern via Internet irgendwelche Horrorszenarien um den Erdball gejagt. Französische Banken haben zum Teil mehr als 20 Prozent an Wert verloren. Der Käuferstreik macht den Markt fragil.

Morgenpost Online: Die Gerüchte fallen auf fruchtbaren Boden.

Wöhrmann: Dem Markt fehlt es an Klarheit. Seit den Beschlüssen der Staats- und Regierungschefs vom 21. Juli ist Griechenland aus der Schusslinie. Danach wurden Italien und Spanien ins Visier genommen. Kaum interveniert hier die Europäische Zentralbank, ist Frankreich auf dem Radarschirm.

Morgenpost Online: Meinen Sie, es wird schon bald auf eine Pleite Deutschlands spekuliert?

Wöhrmann: Nicht gleich eine Pleite, aber der Markt wird weiter testen, wie ernst es den Regierungen mit ihrer Schuldenpolitik ist.

Morgenpost Online: Bis alles zusammenbricht?

Wöhrmann: Wenn Frankreich weiter eskaliert, werden Eurobonds die letzte Chance sein. Dann wird Europa zu einer Transferunion, ähnlich wie es Deutschland mit seinen Bundesländern ist – die Starken zahlen für die Schwachen.

Morgenpost Online: Wie schnell kann das gehen?

Wöhrmann: Das nächste Euro-Krisentreffen im Herbst könnte sich schon darum drehen.

Morgenpost Online: Aber das eigentliche Problem, die hohen Schulden, ist damit nicht gelöst.

Wöhrmann: Wir müssen einsehen, dass wir am Ende eines Superzyklus der Verschuldung sind. Die Staaten als Stabilisatoren der Wirtschaft und damit auch der Finanzmärkte sind ausgefallen – und bleiben dies auf Jahre. Sie müssen ihre Ausgaben zurückfahren und gleichzeitig ein geringes Wachstum aufrechterhalten, sonst wird der Schuldenberg nie abgebaut werden können. Das wird ein schmerzhafter Prozess. Die einzigen Handlungsakteure, die wir derzeit noch haben, sind Zentralbanken. Auf ihnen ruhen alle Hoffnungen.

Morgenpost Online: Bis auch sie nicht mehr können.

Wöhrmann: Das ist natürlich eine Gefahr, aber die Zentralbanken haben ein Monopol: Sie können jederzeit Geld drucken.

Morgenpost Online: Auf Kosten hoher Inflationsraten.

Wöhrmann: Noch ist Inflation kein Thema. Aber ja, auch ich rechne mit weiter steigenden Raten. Das können mittelfristig in Deutschland vier oder fünf Prozent sein. Doch es gibt bremsende Faktoren: Wenn sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt, werden die Rohstoffpreise sinken.

Morgenpost Online: Was heiß das nun für den Anleger?

Wöhrmann: Es bleibt unruhig. Doch ich bleibe dabei: Mit soliden Aktien sind Anleger am besten aufgestellt. Gerade auch langfristig unter dem Inflationsaspekt. Die Begeisterung für Gold in extremen Zeiten kann ich zwar nachvollziehen, doch Gold zahlt weder Zinsen noch Dividenden.

Morgenpost Online: Haben Sie Ihr Depot verändert?

Wöhrmann: Nein, ich bin ja überzeugt, dass sich Aktien erholen. Ich habe aber vor dem Crash Gewerbeland gekauft. Der Zeitpunkt war keine Absicht, sondern Glück.