Anlagestrategie

"Aktien sind nicht dafür da, schnell Geld zu machen"

Top-Manager Scurlock verwaltet Europas größten Aktienfonds. Er gibt Sparern Tipps, wo sie trotz Euro-Krise sicher ihr Geld anlegen können.

Alexander Scurlock gehört zu den mächtigsten Männern des europäischen Finanzmarkts. Denn der 45-Jährige verwaltet den größten Aktienfonds Europas. Über acht Milliarden Euro an Anlegergeldern liegen im European Growth Fonds der Fondsgesellschaft Fidelity, bei der Scurlock seit 1994 arbeitet.

Damit kann der Fondsmanager die Märkte bewegen. Damit ist er aber auch besonders daran interessiert, dass Europa seine Probleme in den Griff bekommt. Er mahnt insbesondere mehr politische Führung an. Gleichzeitig sieht er aber eher entspannt in die Zukunft, vor allem für Deutschlands Wirtschaft und deutsche Aktien, die vom Schwellenländer-Wachstum profitieren.

Morgenpost Online: Kaum scheint in Griechenland das schlimmste abgewendet, flackert die Euro-Krise anderswo auf. Portugiesische Anleihen sind auf Ramsch-Status herabgestuft worden, und nun hat sogar Italien Probleme. Bekommt die Krise eine neue Dimension?

Alexander Scurlock: Schwer zu sagen. Portugals Regierung hat begonnen, die auferlegten Sparmaßnahmen umzusetzen. Die Herabstufung der Ratings portugiesischer Anleihen auf Ramsch-Status scheint mir etwas vorschnell. Griechenland dagegen dürfte durch die ergriffenen Maßnahmen eher noch weiter in den Strudel geraten. Das Problem wird dadurch nicht gelöst.

Morgenpost Online: Also Strukturreformen statt gnadenloser Sparpakete – kann man dieses Rezept auch auf die anderen Krisenländer wirkungsvoll übertragen?

Scurlock: Ja, Portugal braucht definitiv Strukturreformen, die dafür sorgen, dass Investitionen ins Land fließen, was wiederum Wachstum erzeugen wird. Das gilt auch für Italien, Irland und Spanien. Sie müssen genau diesen schmerzhaften Anpassungsprozess durchmachen, den auch Deutschland nach der Wiedervereinigung durchgemacht hat. Sparen allein reicht dafür jedoch nicht.

Morgenpost Online: Wie viele Sorgenkinder kann die Währungsunion verkraften, ohne zu zerbrechen?

Scurlock: Europa sieht gesundes wirtschaftliches Wachstum, da seine Kernländer aufgrund global wettbewerbsfähiger Produkte wachsen. Die Peripheriestaaten brauchen allerdings Strukturreformen. Und die brauchen Zeit. Die einzelnen Volkswirtschaften in der Euro-Zone entwickeln sich höchst unterschiedlich. In den ersten Jahren boomten die Peripheriestaaten, während Deutschland hinterherhinkte. Heute ist es umgekehrt.

Morgenpost Online: Ist der Euro eine Fehlkonstruktion, und wir müssen zurück zu Mark, Francs, Peseten?…

Scurlock: Nein. Es muss vielmehr eine fiskalpolitische Integration her, engere Zusammenarbeit und Angleichung in der Finanz- und Wirtschaftspolitik. Vielleicht brauchen wir auch eine gemeinsame Euro-Anleihe, für die alle gegeneinander einstehen. Um dahin zu kommen, bedarf es jedoch entschiedener politischer Führung. Die Entwicklungen der vergangenen Monate machen deutlich, dass es daran in Europa mangelt.

Morgenpost Online: Also Hände weg von Europa-Aktien?

Scurlock: Ganz und gar nicht. Man kann vielleicht Sorgen in Bezug auf das Wirtschaftswachstum in Europa haben. Das gilt jedoch überhaupt nicht für europäische Firmen. Man muss da genau unterscheiden. Gerade deutsche Firmen stehen heute blendend da. Einige von ihnen gehören meines Erachtens zu den am besten geführten Unternehmen der Welt. Deutschland wird auf viele Jahre deutlich stärker wachsen als die Peripherieländer der Euro-Zone. Hinzu kommt: Deutsche Unternehmen profitieren mehr als alle anderen vom Boom in den Schwellenländern, vor allem in China.

Morgenpost Online: Den größten Anteil in Ihrem Fonds haben aktuell aber britische Firmen.

Scurlock: Das stimmt so nicht. Die Statistik wird da ein wenig verzerrt durch die Definition des Firmensitzes. Beispiel: Ist Royal Dutch Shell ein britisches Unternehmen? Es ist zwar in London notiert, aber man kann es nicht wirklich als britisches Unternehmen bezeichnen. Wenn man es richtig betrachtet, dann machen deutsche Aktien den größten Anteil an unserem Portfolio aus. Allein drei Aktien stehen dabei für neun Prozent des Anlagevermögens, und dessen Gesamtsumme sind immerhin über acht Milliarden Euro.

Morgenpost Online: Welche drei Aktien sind das denn?

Scurlock: Da wäre zum einen Siemens. China will während des laufenden Fünfjahresplans Elektrizitätskraftwerke mit einer Leistung von 480 Gigawatt bauen. Das ist das Neunfache der gesamten Energieerzeugung der Schweiz. Und einen großen Teil des Kuchens wird Siemens abbekommen. Dann hätten wir da BASF. Auch hier ist die China-Story entscheidend. Der Konzern hat den Vorteil, eine der ersten Firmen vor Ort gewesen zu sein. Und BASF hat eine enorme Preissetzungsmacht. Schließlich BMW. Hier gilt das Gleiche: Der Autobauer kann in China eigentlich fast jeden Preis verlangen, denn die Marke ist dort ein bedeutendes Statussymbol. Wer sich einen BMW leistet, der schaut nicht auf ein paar Tausend Euro mehr oder weniger.

Morgenpost Online: Und warum soll ich dann nicht gleich in den Schwellenländern selbst investieren?

Scurlock: Sie können dort investieren. Aber Sie müssen sich der Gefahren bewusst sein. Die Transparenz und Bilanzqualität einiger chinesischer Firmen unterscheidet sich noch immer deutlich von der europäischer Konzerne. Auf der anderen Seite haben Sie hierzulande exzellent geführte Firmen, die genauso stark vom China-Boom profitieren. Warum also in die Ferne schweifen?

Morgenpost Online: Vielleicht weil sowohl BASF als auch BMW inzwischen schon 30 Prozent über dem Stand vor der Krise notieren. Siemens hat den Stand fast wieder erreicht. Das Ende der Fahnenstange scheint nah.

Scurlock: Warum denn? Trotz dieser Kursgewinne notiert Siemens derzeit gerade mal beim zehnfachen Gewinn, der für 2012 erwartet wird, BASF beim neunfachen und BMW sogar nur beim achtfachen. Gleichzeitig bieten alle drei eine Dividendenrendite von rund vier Prozent.

Morgenpost Online: Trotzdem riecht es nach den Kursgewinnen der vergangenen zwei Jahre geradezu nach einer Korrektur.

Scurlock: Dann sollten Sie sich bewusst machen, was es bedeutet, in Aktien zu investieren. Wer Aktien kauft, will damit am künftigen Erfolg eines Unternehmens teilhaben. Aktien sind nicht dazu da, schnell Geld zu verdienen, indem man sie kurzfristig kauft und wieder verkauft. Entscheidend ist bei Aktien immer die langfristige Rendite. Ob es dann mal kurzfristig runtergehen kann, ist dabei zweitrangig. Wir traden nicht, wir investieren langfristig. Das sollten auch Privatanleger tun, das ist schließlich das, was Aktienanlage ausmacht.

Morgenpost Online: So sollte es eigentlich sein. Leider wird der Markt allerdings doch von kurzfristigen Spekulanten beherrscht und durch politische Entscheidungen manipuliert.

Scurlock: Richtig, die Marktteilnehmer sind immer kurzfristiger orientiert, und durch die Politik wachsen die Schwankungen noch. Aber je kurzatmiger die Märkte werden, umso langfristiger werde ich in meinen Investments. Denn am Ende gewinnt derjenige, der durch den Nebel der Spekulation hindurchschaut.