Das Verhältnis der Deutschen zum Winter ist ein schwieriges: Schnee ja, aber nicht morgens um sechs auf dem Gehweg vor meinem Haus. Kälte ist auch in Ordnung, nicht jedoch während des stundenlangen Wartens auf den Bahnsteigen. Und Eislaufen bitte nur auf Bahnen nicht auf Bürgersteigen! Just zu Weihnachten ist dann auf die viel beschworene „weiße Pracht“ natürlich kein Verlass mehr: Am Sonntag soll es zwar weiter schneien, am Montag von Süden her aber wieder milder werden.
„Kann sein, dass die ganze weiße Pracht im Flachland wieder verschwindet, kann aber auch sein, dass der Weihnachtsmann den Schlitten braucht“, orakelt Meteorologin Dorothea Paetzold vom Deutschen Wetterdienst. Laut Experten könnte es an Heiligabend zwar vor allem im Süden und Osten etwas Schnee geben – aber eben nur vielleicht. In Anbetracht dieser Unzuverlässigkeit fällt es nicht schwer, sich über die derzeitigen Wetterverhältnisse zu beschweren. Allerdings gibt es auch Menschen, die den heftigen Wintereinbruch sehr zu schätzen wissen – er ist gut fürs Geschäft.
Die Eiswein-Winzer
Theo Lies freut etwa sich in diesem Jahr schon zum zweiten Mal über die eisige Kälte. Der Winter hat den Winzern an Saale und Unstrut nämlich eine außerordentliche Eiswein-Lese beschert – „erst im Januar und jetzt schon wieder, Anfang Dezember. Das ist sehr ungewöhnlich“, sagt der Sprecher des Weinbauverbands Saale-Unstrut.
Die Winzer konnten die Trauben schon am 1. und 2. Dezember bei minus zehn Grad nachts von den Stöcken pflücken. „Normalerweise findet die Eisweinlese frühestens kurz vor Heiligabend statt“, sagt Lies. „Es ist Zufall, dass wir dieses Jahr schon so früh an die Trauben konnten.“ Die Beeren müssen tiefgefroren sein, bevor sie geerntet werden. Presst man sie aus, entsteht ein Sirup – der dank der Kälte in diesem Jahr sehr süß ist. Mindestens ein halbes Jahr lang muss der Most nun gären, ehe er im Herbst 2011 in die Weinregale kommt.
„Eiswein ist eine Spezialität, die man in sehr kleinen Mengen trinkt, als Aperitif oder zum Dessert, etwa einer süßen Mousse“, empfiehlt Lies. Eine Kehrseite haben die Minusgrade übrigens auch für die Eiswinzer: Fällt die Temperatur unter minus 20 Grad, werden die Weinstöcke stark geschädigt, berichtet Lies. „Deshalb werden die Winzer ab jetzt sehr genau aufs Thermometer schauen.“
Die Kleidergeschäfte
Die Minusgrade beschäftigen derzeit auch Axel Augustin – allerdings eher in Kombination mit Niederschlägen. Denn „wenn die Straßen eisglatt sind, bleiben die Kunden weg“, befürchtet der Geschäftführer des Bundesverbandes des deutschen Textileinzelhandels. Abgesehen davon ist seine Branche mit den Temperaturen aber äußerst zufrieden: Sie verkauft sehr gut.
„Warme Sachen wie Pullover und Winterjacken sind natürlich am gefragtesten“, sagt Augustin. „Und diese Hochsaison hört nach Weihnachten auch noch nicht auf.“ Traditionell werden Textilien zwar nicht besonders häufig verschenkt, aber einige Seidenkrawatten oder Cashmere-Pullover landen doch unter dem Weihnachtsbaum – und wem die Sachen nicht passen oder gefallen, der tauscht sie nach den Feiertagen um.
„Viele Käufer nutzen ihren Urlaub auch, um ihre Geschenkgutscheine einzulösen – zumal dann oft schon die nächste Reduzierungswelle einsetzt“, erklärt Augustin. Bis jetzt seien massive Rabatte auf Winterkleidung deshalb eher die Ausnahme gewesen: Die Ware verkauft sich dank der Eiseskälte noch zu gut.?
Die Baumärkte
Ein „besonderes Phänomen“ hat Stefan Michell beobachtet: Hamsterkäufe. Nicht etwa von Konservenbüchsen oder Batterien, sondern von Streusalz. „Die Leute haben dieses Jahr allein im Oktober schon so viel gekauft wie sonst in den gesamten Monaten Oktober bis Dezember“, sagt der Sprecher des Baumarkt-Branchenverbandes BHB. Seine Vermutung: Nach dem heftigen Winter im vergangenen Jahr wollen die Menschen diesmal auf Nummer Sicher gehen.
Damals war Streusalz Mangelware; zudem waren viele Märkte im Januar und Februar gar eingeschneit und konnten nicht mehr beliefert werden. Michell verzeichnet auch heute wieder Engpässe und rege Nachbestellungen, „aber ich bin optimistisch, dass wir die Versorgung in diesem Winter gebacken kriegen“. Zumal die Nachfrage nach der jüngsten Kältewelle nochmals gestiegen ist: Heiß begehrt sind neben Streusalz auch Eiskratzer, Schneeschieber und – Schlitten. „Jahrelang wurden Schlitten nicht mehr gekauft, weil kaum Schnee fiel, aber jetzt fragen die Leute wieder danach“, sagt Michell. Und fügt schmunzelnd hinzu: „Die eignen sich übrigens auch super als Weihnachtsgeschenk.“
Die Süßwarenhändler und Teehäuser
A propos: Dazu eignen sich auch süße Leckereien ganz hervorragend – im Nikolausstiefel, Adventskalender oder in Form einer Schachtel erlesener Pralinen unter Weihnachtsbaum. Entsprechend positiv fällt auch die Bilanz des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie aus: „Das Weihnachtsgeschäft ist ganz gut angelaufen“, resümiert Sprecher Karsten Daum.
Besonders beliebt sind vor allem feine Backwaren: „Spekulatius, Lebkuchen und Stollen – das sind eben die Weihnachtsklassiker“, zählt Daum auf. „Und natürlich Weihnachtsmänner aus Schokolade.“ Generell gelte in der Süßwarenbranche ohnehin: Je eisiger es draußen ist, umso besser – und das sogar aus esstechnischen Gründen. „Schokolade und Weihnachtsgebäck schmecken nun mal besser, wenn es draußen kalt ist“, erklärt Geschäftsführer Torben Erbrath. „Bei Schokolade sind viele Leute eher „die Brecher“ als „die Lutscher“ – und das klappt jetzt so richtig gut.“
Tee ist ein Winterprodukt. Das sagt Jan-Berend Holzapfel, und er muss es wissen: Als Geschäftsführer des Traditions-Teehauses „Ronnefeldt“ verzeichnet er dank des eisigen Wetters vor allem in den vergangenen zwei Wochen eine besonders starke Nachfrage. „Für viele gibt es eben nichts schöneres, als sich im Winter mit einer Tasse Tee vor dem Ofen oder Kamin zu entspannen – sei es für eine halbe Stunde oder einen ganzen Nachmittag“, erzählt er.
Zu dieser Hochsaison mischen seine Tee-Experten jährlich neue Sorten an, „nach denen unsere Kunden schon im September fragen“, sagt Holzapfel vergnügt. In diesem Jahr sei nach wie vor Chai sehr gefragt, „indischer Gewürztee, der schon seit zehn Jahren ein Renner ist. Der weckt alle Sinne. Und mit aufgeschäumter Milch – ganz wunderbar.“ Außerdem empfiehlt der Fachmann schwarzen Plumpudding-Tee, das flüssige Pendant zum britischen Weihnachtskuchen, oder halb fermentierten Oolong aus Thailand.
Trotz der weitgereisten Zutaten macht sich Holzapfel keine Sorgen um Lieferengpässe: „Wir machen hier alles selbst, über die Lagerung und Mischung bis zur Abpackung. Da können wir schnell reagieren.“ Ronnefeldt beliefert Großabnehmer wie Hotels, berät aber auch Privatkunden in Teefachgeschäften – oder am Computer: „Im Moment gewinnen wir viele Neukunden über unseren Online-Shop, die bei diesem Wetter lieber von zu Hause aus ihren Tee kaufen möchten“, sagt Holzapfel. „So mancher ordert dann sogar vier, fünf Sorten – damit lässt sich ein schöner Adventssonntag verbringen.“?
Die Reisebüros
Andere dagegen stellen sich unter einem schönen Adventssonntag eher eine Siesta am Palmenstrand vor: „Wenn schlechtes Wetter herrscht, schnellen die Buchungskurven in die Höhe“, sagt Torsten Schäfer vom Deutschen Reiseverband. Ob ein Kunde ins Reisebüro kommt, weil er kurzfristig dem Schnee entkommen will oder seine seit Monaten geplante Karibik-Kreuzfahrt buchen möchte, lässt sich schwer belegen.
Dafür weiß der DRV-Sprecher aber: „Der Winter ist die Hochsaison für Fernreisen.“ Weil bis März selbst das Mittelmeer keine angenehmen Badetemperaturen mehr vorweisen kann, zieht es die Sonnensüchtigen in fernere Gefilde – „Thailand, Florida, Dubai oder die Malediven“, listet Schäfer auf. „Durch das Winterwetter werden die Leute andererseits aber auch angeheizt, einen Ski-Urlaub zu buchen – die weiße Winterlandschaft draußen ist ja sehr verlockend.“
Deutlich mehr Deutsche packen im Vergleich zum Vorjahr in den kommenden Wochen ihre Koffer. „Weihnachten ist eben eine bevorzugte Reisezeit“, sagt Schäfer. Wer noch nicht gebucht hat, sollte sich deshalb beeilen: Manche Flüge in den Süden dürften schon ausgebucht sein.





