Stresstest

Börse feiert das gute Abschneiden deutscher Banken

Der Aktienmarkt reagiert kurzfristig mit Erleichterung auf die Nachricht, dass Banken sich bei der Zentralbank weniger Geld leihen.

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Wenn sich Finanzinstitute bei der Europäischen Zentralbank (EZB) Geld leihen, ist das normalerweise nicht der Rede wert. Kaum ein Akteur nimmt gewöhnlich davon Notiz, und folglich ist ein solches Geldgeschäft ein Nicht-Ereignis für die Märkte. Doch die Zeiten sind alles andere als normal. Mit Argusaugen wird jede noch so kleine Geldtransaktion im Bankensektor verfolgt und bewertet. Die Börsen mit einer Erleichterungsrallye auf die Nachricht, dass sich die Banken bei der EZB deutlich weniger Geld als erwartet geliehen haben.

„Der geringe Liquiditätsbedarf der Kreditinstitute zeigt, dass es den Banken besser geht als vielfach angenommen“, sagt Ralf Grönemeyer, Chefstratege bei Silvia Quandt Research in Frankfurt. Die Freude darüber, dass die Banken offensichtlich weniger klamm sind als befürchtet, ist berechtigt. Schließlich entscheidet sich an deren Stabilität nichts weniger als die Systemfrage: Ist das Finanzsystem mittlerweile so stabil, dass es kleinere Schocks überstehen kann?

Die Antwort darauf hat vielfältige Auswirkungen, die bis ins Portemonnaie des gemeinen Sparers hineinreichen. Ein robusterer Bankensektor könnte es vertragen, wenn Griechenland seine Schulden bei den Gläubigern kürzt oder einzelne unsolide Institute untergehen. Die europäischen Währungshüter könnten sich dann wieder von ihrer systemstützenden Niedrigzinspolitik lösen und die Sparer mit höheren Renditen beglücken. Und das wiederum wäre positiv für den Euro und die langfristige Preisstabilität innerhalb der Währungszone.

Schon kurzfristig sehen Experten Chancen für Sparer, sollte sich die hohe Unsicherheit über den Zustand des Bankensektors legen. Der geringere Finanzierungsbedarf der Institute nährt die Hoffnung auf ein positives Ergebnis der momentan durchgeführten Bankenprüfungen auf Herz und Nieren. Ende Juli sollen die Resultate veröffentlicht werden.

„Der bevorstehende Stresstest sollte für mehr Sicherheit im Markt sorgen und dürfte bei Bankaktien wie eine Initialzündung wirken – analog zu 2009 in den USA“, sagt Grönemeyer. In Übersee hatte ein entsprechender Banken-TÜV eine Rallye ausgelöst. Interessanterweise waren seither nicht die Banken die größten Gewinner an der Börse, sondern andere Branchen. Dies unterstreicht die Bedeutung des Geldsektors für das Wohl und Wehe der gesamten Volkswirtschaft.

Insgesamt 171 Banken im Euro-Raum hatten sich zur Wochenmitte bei den europäischen Währungshütern mit Dreimonatsgeld in Höhe von knapp 132 Mrd. Euro eingedeckt. Die Gesamtsumme lag deutlich unter den Erwartungen von Analysten, die mit bis zu 300 Mrd. Euro gerechnet hatten. Das Geschäft war auch insofern von Bedeutung, als am heutigen Donnerstag mehr als 1000 Banken im Euro-Raum insgesamt 442 Mrd. Euro an die EZB zurückzahlen müssen. Das Geld hatten sie im Juni vergangenen Jahres aufgenommen. Die EZB verlieh das Geld damals wegen der Finanzkrise erstmals für eine so lange Laufzeit, um die Kreditvergabe der Banken untereinander und an ihre Kunden wieder in Schwung zu bringen.

Gleichwohl ist der Abruf von 132 Milliarden Euro ein neuer Rekord beim Dreimonatsgeld. Die bisherige Höchstsumme lag bei 103 Mrd. Euro, die die EZB im Oktober 2008 nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers für die Laufzeit von drei Monaten an die Banken ausgegeben hatte.

Die Institute in der Euro-Zone haben sich längst nicht von den Auswirkungen der Finanzkrise erholt. Im Gegenteil: Die unheilvolle Verstrickung zwischen Staatsfinanzen und Bankbilanzen hat neue Risiken offenbar werden lassen. Hatten Die Banken halten im großen Stil Regierungstitel, sodass ein Staatsbankrott auch die Bilanzen vieler Geldhäuser ruinieren würde. Zuletzt hatte der Stress im Bankensektor wieder zugenommen. Die Institute misstrauten einander, und die Zinsaufschläge für die Finanzierung zogen deutlich an. Nach dem gestrigen EZB-Geldgeschäft ging der Stresstest-Indikator zwar wieder etwas zurück. Doch von den langfristigen Werten ist das Gesundheitsbarometer der Branche noch weit entfernt.

„Der Stresstest könnte insgesamt für mehr Transparenz sorgen“, meint Heiner Luz, Analyst bei Goldman Sachs in London. Mehr Transparenz würde mehr Sicherheit für die Märkte bedeuten. Analog zu den positiven Erfahrungen mit dem Stresstest in den USA wären Investments der Stunde nicht unbedingt Bankaktien, sondern der breite Markt. Das suggeriert nicht allein das US-Vorbild. Auch die gegenläufige Entwicklung zwischen Dax und Stresstest-Indikator spricht für ein breites Investment bei verringertem Systemrisiko.