Finanz- und Konjunkturkrise haben den Appetit der Bundesbürger auf Wohneigentum deutlich gedämpft. Obwohl die Europäische Zentralbank den Leitzins auf den bislang niedrigsten Satz von einem Prozent gesenkt hat, ist die Zahl der Baugenehmigungen und das Volumen der ausgereichten Hypothekenkredite geschrumpft. Zehnjährige Baudarlehen kosten im Durchschnitt der Anbieter aktuell nur 4,21 Prozent Zinsen, fünfjährige 3,29 Prozent.

Zwar verzeichnen 57 Prozent der Makler laut Umfrage der Branchenorganisation Immobilienverband Deutschland (IVD) ein gestiegenes Interesse an Wohneigentum. „Die niedrigen Baugeldzinsen und die Sorge vor einem Anstieg der Inflation durch die rapide gewachsenen Staatsverschuldung führen zur einer Besinnung auf die Immobilie als Anlageklasse“, sagt IVD-Vizepräsident Jürgen Michael Schick.

Allerdings trauten sich nur wenige Interessenten, den Kauf zu wagen, sagt Günter Vornholz, Leiter Immobilienresearch der NordLB-Tochter Deutsche Hypo. „Die Nachfrage wird erst wieder steigen, wenn sich die Wirtschaft erholt und die Menschen ihren Arbeitsplatz sicher wähnen“. Lediglich in Metropolregionen mit wachsender Bevölkerung und hohen Einkommen wie Hamburg, Frankfurt-Wiesbaden und München würden auch jetzt in der Krise im größeren Stil Häuser gebaut und gekauft.

Wie stark die Furcht vor einem Jobverlust die Nachfrage nach Eigenheimen und Eigentumswohnungen dämpft, zeigt eine Umfrage des Immobilienkreditvermittlers Hypothekendiscount. Danach nannten die Befragten die Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes mit 57,3 Prozent als Hauptgrund, weshalb sie jetzt kein Wohneigentum erwerben wollen.

Diese Sorgen spiegeln auch die Daten des Statistischen Bundesamtes wider. Danach wurden von Januar bis Ende Juni deutschlandweit nur noch 34.222 Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser beantragt. Das entspricht einem Rückgang von 8,3 Prozent gegenüber den 37.327 Baugenehmigungen im Vorjahreszeitraum. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr würden sich die Zahl der Baugenehmigungen in 2009 danach auf 68.444 belaufen. 2006, auf dem Höhepunkt des Wirtschaftsaufschwungs nach dem Börsencrash von 2001, waren noch 120.529 Bauanträge gestellt worden – obwohl mit Beginn jenen Jahres die Eigenzulage entfiel. „Die Zahlen zeigen, wie stark der Einfluss der Konjunktur auf die Nachfrage nach Wohneigentum ist“, sagt Vornholz.

Nicht nur beim Neubau, auch beim Erwerb von Häusern und Wohnungen halten sich die Deutschen zurück. Nach Berechnungen der Bundesbank fiel das Gesamtvolumen aller von deutschen Instituten ausgereichten Hypothekenkredite an Privatkunden im ersten Halbjahr um 3,9 Mrd. Euro auf 783,5 Mrd. Euro. Bereits im Vorjahr war das Kreditvolumen im privaten Wohnungsbau ganz klar zurück gegangen. Zudem hatte 2008 die Tilgungsleistung die Nachfrage nach Fremdfinanzierungen übertroffen. Per Saldo flossen deshalb 15,3 Mrd. Euro an Banken zurück. „Die Privathaushalte hatten ihre Verschuldung deutlich zurückgefahren“, sagt Michaela Roth vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband. Gegen den Trend konnten die Volks- und Raiffeisenbanken ihr Geschäft in diesem Segment im ersten Halbjahr um 1,6 Prozent auf 156,4 Mrd. steigern. Die Sparkassen hielten ihren Marktanteil beim Kreditneugeschäft im Privatkundenbereich konstant bei 33 Prozent. Die genossenschaftlichen und öffentlich-rechtlichen Institute hatten auf dem Höhepunkt der Finanzkrise neue Kunden von Privatbanken und damit Milliardenbeträge an neuen Spareinlagen gewonnen. Dadurch können sie jetzt attraktive Immobilienfinanzierungen anbieten.

Die genossenschaftlichen Institute erwarten deshalb zwar, „ihr Wohnungsbaukreditgeschäft weiterhin steigern zu können“, sagt Cornelia Schulz vom Bundesverband der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken. Insgesamt werde das private Hypothekenkreditgeschäft jedoch 2010 weiter schrumpfen. „Die Einkommen der privaten Haushalte haben nur schwach zugenommen und die staatliche Förderung wurde mit der Streichung der Eigenheimzulage auf ein niedriges Niveau zurückgefahren“, erläutert Schulz, weshalb nicht mit einem Anstieg der Immobilienkäufe zu rechnen sei. Zudem sinke langfristig die Nachfrage aufgrund schwacher Geburtenzahlen. „Der Bedarf an neuem Wohnraum ist aufgrund der demographischen Entwicklung begrenzt.“