Früher war alles leichter. Auch die Börse. Anlageberater reduzierten die Aktienwelt auf einfache Aussagen wie "Langfristig steigen Aktien immer" oder frei nach Börsenaltmeister André Kostolany "Kaufen, schlafen legen und nach vielen Jahren reich aufwachen".

Im Großen und Ganzen ging dieses Kalkül über viele Jahrzehnte sogar auf. Aber nichts währt ewig. Im Zeitalter von Globalisierung und High-Speed-Informationsvermittlung scheinen die alten Lehren nicht mehr zu greifen. Mit Blick auf Kostolanys Schlaftabletten-Taktik wäre heute jedenfalls eine Arznei von Nöten, die dafür sorgt, dass der schlafende Aktienanleger nicht irgendwann, sondern zum perfekten Zeitpunkt erwacht, um die erzielten Kursgewinne rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Denn wer vor genau zehn Jahren am 20. Februar 2000 Aktien gekauft hat und heute erwacht, der wird sich vermutlich alles andere als reich fühlen. Gemessen am Euro Stoxx 50 hätte sich sein damals angelegtes Startkapital etwa halbiert.

Aber auch ohne dieses Extrem zeigen die Indexverläufe der letzten Jahre, dass es für den Börsenerfolg immer wichtiger wird, wann Anleger ein- und wieder aussteigen. Denn starken Aufschwungphasen folgten zuletzt mindestens ebenso beträchtliche Abschwünge, die zudem in sehr viel kürzer Zeit vonstatten gingen und dabei zum Teil sämtliche zuvor erzielten Gewinne wieder vernichtet haben. Wer als Anleger den Ausstieg verpasst hat, dem bleiben somit nur ein paar alte Kontoauszüge auf denen ein vorübergehender virtueller Reichtum abzulesen ist.

Einige Emittenten versuchen jetzt dieses Ausstiegsproblem in den Griff zu bekommen, in dem sie ihren Zertifikaten eine sogenannte Lock-In-Funktion beifügen. Sie bewirkt, dass einmal erreichte Höchststände des Index für den Rest der Laufzeit eingefroren und dauerhaft als Mindestrückzahlung festgeschrieben werden. Bei dem Ende Dezember von Goldman Sachs emittierten Hi Score-Zertifikat auf den Euro Stoxx 50 (WKN: GS2BLC) etwa wurde das Anfang Januar erreichte Indexhoch bei 3017,85 Punkten "eingelockt" und dient jetzt erst mal als Maßstab für die Endabrechnung des Zertifikats im Dezember 2012.

Wäre heute schon Schluss, würden Anleger den Wertzuwachs vom anfangs fixierten Startkurs (2781 Punkte) bis zu diesem Zwischenhoch als Aufschlag auf den Nominalwert von 100 Euro ausgezahlt bekommen. Statt 100 Euro gäbe es dann 105,10 Euro, obwohl der Euro Stoxx längst wieder unter dieses Hoch zurückgefallen ist.

Doch was nach der perfekten Anlage klingt, hat einen gewaltigen Haken. Diese Rückzahlung zum Höchstkurs ist bei dem Zertifikat nämlich keineswegs garantiert. Tatsächlich käme es nur dann zu einer Erstattung des Rekordhochs, wenn der Euro Stoxx am Ende der Laufzeit insgesamt im Plus liegt. Andernfalls geht der Sicherungsmechanismus komplett verloren und statt der Auszahlung des Hochs werden Anleger doch wieder in vollem Umfang an den Indexverlusten beteiligt.

In einer derzeit angebotenen neueren Version der Hi Score Zertifikate wird das Verlustrisiko etwas eingeschränkt, in dem eine zusätzliche Sicherungsbarriere eingezogen wird. Sie liegt bei 50 Prozent des Startwertes und sichert zumindest das Startkapital ab. Wenn der Index am Ende der Laufzeit nicht über dem heutigen Niveau steht, aber auch nicht mehr als 50 Prozent verloren hat, dann erfolgt zwar ebenfalls keine Rückzahlung zum Hoch, aber zumindest bleibt das Anfangskapital erhalten (WKN: GS2GUA). Bei dem ansonsten identischen "Höchststandzertifikat" der Credit Suisse liegt diese Zusatzschwelle bei 65 Prozent des Startwertes. Aber auch hier gilt: Eine Rückzahlung zum festgeschriebenen Zwischenhoch erfolgt nur, wenn der Index am Ende der Zertifikatslaufzeit insgesamt im Plus liegt.

Damit unterscheidet sich die Funktionsweise der neuen "Höchststands-Sicherungs-Zertifikate" maßgeblich von dem im Grundprinzip ähnlichen Produktmodell der so genannten All Time High-Zertifikate, die vor einigen Jahren vor allem von der HypoVereinsbank angeboten wurden. Bei diesem Typus wurden die erzielten Hochs zwar nicht zu 100, sondern nur zu 85 oder 90 Prozent abgesichert, blieben dafür aber tatsächlich unzerstörbar für den Rest der Laufzeit gesichert.

Fazit : Die Idee, immer den optimalen Ausstiegszeitpunkt abzusichern, ist eigentlich brillant. Durch die bei den neuen Produkten eingebauten Einschränkungen geht aber viel von diesem Reiz wieder verloren. Denn jedwede Sicherung kann bei ungünstigem Indexverlauf am Ende verpuffen und Anleger tragen dann doch das volle Aktienrisiko. Besonders fatal wird das, wenn sie dann auch noch wegen der vermeintlichen Höchststandssicherung verpasst haben, selbst durch einen rechtzeitigen Ausstieg die Gewinne einzuholen.