Anthropic, Entwickler des KI-Assistenten Claude, will noch im November an die US-Börse Nasdaq. Eine Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar steht im Raum; festgelegt ist sie nicht. Von 335 Seiten Börsenprospekt sind 93 den Risiken gewidmet. Selten klang eine Einladung an Anleger so bedrohlich.

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Die Zahlen sind atemberaubend. 2025 setzte Anthropic 4,6 Milliarden Dollar um, zwölfmal so viel wie im Vorjahr – und verbuchte 42 Milliarden Verlust, weitgehend durch bilanzielle Neubewertungen. Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Umsatz auf 16,3 Milliarden, der Verlust auf 80,7 Milliarden Dollar. Davon waren 72,4 Milliarden ein einmaliger Buchungseffekt. Im dritten Quartal sollen die Einnahmen bereits 16,8 Milliarden erreicht haben. Doch Wachstum und Milliardenminus gehen hier Hand in Hand.
KI-Kosten explodieren: Milliarden für Infrastruktur und Rechenzentren
Denn KI verschlingt Geld: für Chips, Rechenzentren, Strom und immer neue Modelle. Schon 2025 überstiegen allein die Rechenkosten mit 7,3 Milliarden Dollar den Umsatz. Nach Auswertungen amerikanischer Medien reichen Anthropics langfristige Infrastrukturzusagen in die Größenordnung von 800 Milliarden Dollar. Teilweise muss die Firma zahlen, selbst wenn angemietete Kapazitäten brachliegen. Das sind keine sofort fälligen Bankschulden, aber gewaltige Wetten auf künftige Nachfrage.
Hinzu kommt die Abhängigkeit von Amazon und Google: Geldgeber, Lieferanten, Vertriebspartner – und Konkurrenten zugleich. Kleinanlegern winkt wenig Mitsprache. Die sieben Gründer sollen auch nach dem Börsengang 50,1 Prozent der Stimmen kontrollieren.
KI-Boom: Investoren hoffen, Experten warnen vor Risiken
Am verstörendsten bleibt das Produkt selbst. Hochentwickelte KI könne „katastrophale oder existenzielle Risiken für die Menschheit“ schaffen, heißt es im Prospekt. Modelle könnten Kontrollen umgehen, Informationen manipulieren oder sich ihrer Abschaltung widersetzen. Anthropic verspricht Schutz, aber keine Garantie.
Investor David Merkel hält zwei Billionen Dollar Bewertung für denkbar. „Ich frage mich nur, ob das auf Dauer hält“, sagte er in US‑Medien. Dahinter steckt die Kernfrage: Erzeugt KI wirklich so viel Produktivität, wie Börsenkurse bereits vorwegnehmen? Auch für Anleger in Europa gilt: Eine glänzende Zukunftserzählung ist noch kein Gewinn – und eine spektakuläre Aktie noch lange kein Schnäppchen.
IPO-Zeichnung: So könnten Privatanleger bei Anthropic Aktien kaufen
Denkbar ist, dass auch erneut deutsche Kleinanleger – ähnlich wie bei dem zuvor größten Börsengang aller Zeiten von Elon Musks SpaceX – die Möglichkeit erhalten, Aktien bereits zum Emissionspreis zu kaufen. Saidi Sulilatu, Chefredakteur des Geldratgebers Finanztip, verweist gegenüber unserer Redaktion darauf, dass Privatanleger in ausgewählten Ländern des Europäischen Wirtschaftsraums sowie in Großbritannien, Japan und der Schweiz Aktien zeichnen können sollen. „Es würde mich sehr verwundern, wenn Deutschland da nicht mit dabei wäre“, sagte Sulilatu.
Anthropic will laut Bloomberg-Berichten 15 bis 20 Prozent des Emissionsvolumens bei Privatanlegern platzieren. Anleger sollten zunächst die Informationen ihrer Depotbank oder ihres Brokers abwarten. Eine Zeichnung ist nicht automatisch bei jedem Anbieter möglich. Zudem besteht das Risiko, dass Interessenten weniger Aktien erhalten als gewünscht oder bei hoher Nachfrage leer ausgehen. Die Deutsche Bank wollte eine Anfrage zu einer möglichen IPO-Beteiligung für ihre Kunden nicht kommentieren, Trade Republic ließ eine Nachfrage dazu unbeantwortet, Scalable Capital teilte mit, Ziel sei es, „Kunden die Zeichnung von für Privatanleger zugänglichen IPOs zu ermöglichen“.
ETFs profitieren indirekt vom Börsengang von Anthropic
Grundsätzlich ist jedoch Vorsicht geboten: „Anlegende sollten in Einzelaktien nur Beträge investieren, die sie im Extremfall komplett verlieren können. Als Richtlinie kann man sagen: Alle spekulativen Titel wie Einzelaktien oder Kryptowährungen sollten vielleicht fünf Prozent, maximal zehn Prozent des Gesamtvermögens ausmachen“, empfahl Finanztip-Experte Sulilatu.
Wer breit gestreute ETFs besitzt, könnte zudem bereits indirekt an Anthropics Erfolg beteiligt sein. „Die globalen Index-Schwergewichte Amazon und Google gehören zu den wesentlichen Frühphasen-Investoren des Unternehmens und werden durch den Börsengang hohe Buchgewinne realisieren“, sagte Scalable-Capital-Chefvolkswirt Christian Röhl dieser Redaktion. Darüber hinaus dürfte die Aktie selbst bald in großen Börsenindizes vertreten sein.
Anthropic-Aktie: Aufnahme in wichtige Indizes könnte Anlegern nützen
Spekulationen zufolge könnte die Aktie bereits zehn Tage nach der Handelsaufnahme in den Nasdaq 100 aufgenommen werden. Der anfängliche Anteil dürfte bei rund einem Prozent liegen und mit dem Wegfall von Sperrfristen weiter steigen. Auch eine Aufnahme in die Indizes von MSCI und FTSE Russell könnte binnen weniger Tage folgen, allerdings mit deutlich geringerer Gewichtung. Davon könnten auch Anleger profitieren, die ETFs auf diese Indizes halten – sofern die Fonds die Aktie entsprechend abbilden.
Für Anleger könnte sich damit auch ohne direkten Kauf der Anthropic-Aktie eine Beteiligungsmöglichkeit ergeben. Doch lohnt sich auch ein direkter Einstieg? Entscheidend dürfte sein, ob Anthropic die hohen Erwartungen an sein Wachstum erfüllen kann. Börsenexperte Röhl verweist dabei auf die langfristigen Verpflichtungen für Rechenkapazitäten. „Anthropic ist also darauf angewiesen, seinen Kunden kontinuierlich einen Nutzen- und Technologie-Vorsprung zu bieten“, sagte er.
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Kundenbasis im Fokus: Anthropic steht vor wichtiger Wachstumsfrage
Zugleich entfällt rund ein Viertel des Umsatzes auf die fünf größten Unternehmenskunden. Die Verbreiterung der Kundenbasis, insbesondere im Mittelstand, werde damit zu einer zentralen Herausforderung für das KI-Unternehmen in den kommenden Jahren. Ob Anthropic diese bewältigt, wird auch für deutsche Kleinanleger entscheidend sein – sofern sie beim Börsengang überhaupt zum Zug kommen.










