Viele Jobsuchende machen gerade die bittere Erfahrung: Es ist schwer geworden auf dem Arbeitsmarkt. Grund ist – so lauten viele Analysen – die Künstliche Intelligenz, die vor allem Jobs für Berufseinsteiger überflüssig machen soll. Klingt plausibel, aber stimmt das wirklich? Tatsächlich ist die Beschäftigung in einigen Berufen, in denen Künstliche Intelligenz verstärkt eingesetzt werden könnte, zwischen 2022 und 2025 sogar leicht gestiegen. Das zeigen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Weniger Jobs? Wirtschaftsflaute bremst Neueinstellungen

Dennoch trügt das Gefühl vieler Arbeitssuchender nicht. Gegenüber 2024 fehlte im zweiten Quartal 2026 etwa jede vierte offene Stelle. Das IAB erhebt diese Zahl regelmäßig in einer repräsentativen Betriebsbefragung. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz spiele durchaus eine Rolle, „lässt sich aber kaum von anderen Effekten trennen“, sagt Anja Warning, Mitarbeiterin am Institut. Sie beschäftigt sich mit Prognosen und gesamtwirtschaftlichen Analysen des Arbeitsmarktes.

Weniger Stellenangebote – gerade für Berufseinsteiger – seien für sie eine „übliche Begleiterscheinung von anhaltender Wachstumsschwäche der Wirtschaft“. Kriege, Zollkonflikte, Energiepreiserhöhungen: All das führe dazu, dass Unternehmen derzeit abwarten. Stellen werden nicht unbedingt abgebaut, aber selten neu geschaffen, so die Expertin.

Viele Jobs bleiben in der Baubranche unbesetzt

Davon sind aber nicht alle Branchen gleichermaßen betroffen. Weit unter dem eigenen Beschäftigungspotenzial ist die Baubranche. Hier wäre nach Warnings Einschätzung mit dem Infrastrukturpaket der Bundesregierung ein größerer Aufschwung möglich. „Den sehen wir aber nicht, weil Bauberufe derzeit die Engpassberufe schlechthin sind.“ Engpassberufe sind auf dem Arbeitsmarkt besonders stark gefragt, für sie stehen aber vergleichsweise wenige Arbeitskräfte zur Verfügung.

Donnerstag

Wirtschaft in Berlin

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Aktuell gehe es auf vielen Baustellen nicht schneller voran, weil das Personal trotz hohem Einstellungsbedarf fehlt. Es mangelt laut Agentur für Arbeit an Fachkräften im Bereich Gleisbau, Bauelektrik, Leitungsinstallation, Tiefbau, oder auch Straßen- und Tunnelbau. Engpässe an Beschäftigten mit Hochschulabschluss gebe es zum Beispiel bei den Berufen Arzt, Facharzt, Wirtschaftsprüfer oder Steuerberater.

Auch das Gesundheitswesen ist besonders von Engpässen betroffen, es fehlt an Fachkräften auf allen Qualifikationsebenen. „Nachvollziehbar“, sagt Anja Warning vom IAB. Denn „wegen des demografischen Wandels nehmen immer mehr ältere Menschen Gesundheits- und Pflegedienstleistungen in Anspruch.“ Hinzu komme laut Warning eine „ungenügende Effizienz im Gesundheitssystem“, die für einen hohen Personalbedarf sorge.

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Jobs in der öffentlichen Verwaltung: Wachstum trotz geplantem Bürokratieabbau

Widersprüchlich scheint auf den ersten Blick die wachsende Beschäftigung in der öffentlichen Verwaltung. Die Bundesregierung hat Bürokratieabbau im Koalitionsvertrag beschlossen und bereits erste Entlastungen der Verwaltung auf den Weg gebracht. Dennoch stieg zwischen 2023 und 2026 die Beschäftigung laut IAB in der öffentlichen Verwaltung um sechs Prozent, während die Beschäftigung in der Gesamtwirtschaft nahezu unverändert blieb.

Eine mögliche Ursache vermutet Anja Warning im zusätzlichen Aufwand in der Verwaltung des schuldenfinanzierten Sondervermögens, das die Bundesregierung für Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung bereitstellt – und das zusätzliches Personal binde. Auch die Verwaltung von Arbeitslosen und Empfängern der Grundsicherung benötige zusätzliche Arbeitskräfte. Den Ausbau des Staates bei stagnierenden Unternehmensinvestitionen sieht Warning als „keine gute Entwicklung“. Verwaltung an sich würde nicht zum Wachstum beitragen, es brauche Innovation aus der Wirtschaft.

Gewinne werden erst sichtbar, wenn man KI über Geschäftsbereiche hinweg verzahnt und nicht nur in Pilotprojekten nutzt.

Anja Warning, Mitarbeiterin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
Anja Warning, Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

„In Summe entwickelt sich der Arbeitsmarkt aber besser, als die Zahlen vermuten lassen“, sagt Anja Warning. Zwar bleibt die Zahl neuer Stellenangebote gering, dennoch zählte die Agentur für Arbeit im September 2026 weniger als drei Millionen Arbeitslose – verhältnismäßig wenige im Vergleich zu früheren Phasen wirtschaftlicher Rezession. Laut Warning wirke hier schon der demografische Wandel. Weniger Menschen suchen überhaupt nach einer Beschäftigung. Die sinkende Zahl an offenen Stellen wiegt bei weniger arbeitssuchenden Menschen mit Blick auf die Arbeitslosenquote nicht ganz so schwer.

Künstliche Intelligenz verändert Anforderungen am Arbeitsmarkt

Worauf kommt es in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt an? Viele Unternehmen versuchen derzeit, Künstliche Intelligenz gewinnbringend in ihre Arbeitsprozesse einzubinden. Wirklich effektiv funktioniert das in vielen Fällen noch nicht, meint Anja Warning. „Gewinne werden erst sichtbar, wenn man KI über Geschäftsbereiche hinweg verzahnt und nicht nur in Pilotprojekten nutzt.“

Der Einsatz von KI sei in Unternehmen „erfahrungsbegünstigend“. Für Berufseinsteiger bleibe das eine Barriere, weil ihnen Unternehmenskontext und Erfahrung fehlen. Wer sich auf den Arbeitsmarkt von morgen vorbereiten möchte, dem empfiehlt die Arbeitsmarktexpertin: „Praktika, Praktika, Praktika!“

Befragungen von Unternehmen zufolge brauche es in Zukunft vor allem Soft Skills, sagt Warning: Lernbereitschaft, Kreativität, Teamfähigkeit und agiles Denken. Auch kritisches Denken zähle gerade im Zusammenspiel mit KI dazu. Es komme zukünftig darauf an, ein tiefgreifendes Verständnis für das Unternehmen, seine Fachbereiche und Arbeitsweisen mit einem sicheren Umgang mit KI zu bündeln. „Tätigkeitsprofile, die beides vereinen, werden an Bedeutung gewinnen“, sagt Warning.