In manchen Momenten seines Berufsalltags stockt Andreas Schrul schon einmal kurz der Atem. So ging es dem Taucher etwa, als sein Roboter einen vermeintlichen Feuerlöscher aus der Ostsee barg. Statt Schrott kam eine Seemine gegen U-Boote aus dem Wasser. Solche Überraschungen gehören zu einem Beruf, in dem jeder Fund gefährlich werden kann.

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Wirtschaft in Berlin
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Denn Schrul sucht unter Wasser nach Kampfmitteln. Manchmal sieht der 54-Jährige nicht einmal etwas, wenn sich beim Absaugen der teils meterdicken Schlickschicht über den Munitionsresten das Wasser verdunkelt. „Dann arbeitet man nur noch mit den Sinnen“, sagt Schrul, der früher einmal als Fallschirmjäger bei der Bundeswehr diente.
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Explosive Munition: Millionen Tonnen Altlasten in Nord- und Ostsee
Zu finden ist auf dem Grund von Nord- und Ostsee so ziemlich alles, was die großen Kriege hinterlassen haben: kistenweise Munition, Granaten, Minen, chemische Kampfstoffe oder Phosphorbomben aus den beiden Weltkriegen. Vor Peenemünde hat Schrul sogar einmal alte Kanonenkugeln herausgeholt.
Auf 1,6 Millionen Tonnen Kampfmittel schätzt das Bundesumweltministerium (BMUKN) das gefährliche Erbe der Kriege. Diese Menge würde einen Güterzug füllen, dessen Länge von Kiel bis Rom reichte. Mit dem Aufbau eines Bundeskompetenzzentrums Munitionsbergung in Rostock will die Bundesregierung die Beseitigung der Altlasten nun beschleunigen.
Blindes Versenken: Matrosen warfen Kampfmittel einfach über Bord
Alte Filmaufnahmen zeigen, wie fahrlässig die Alliierten mit den bei der Entwaffnung der Deutschen eingesammelten Kampfmitteln umgingen. So wurden Fischer angeheuert, im Akkord Ladung für Ladung hinauszufahren und ins Meer zu werfen. Die Matrosen warfen oder rollten ihre explosive Fracht einfach über Bord. „Manchmal ging das gleich vor dem Hafen los“, sagt Jan Kölbel, der als Kampfmittelexperte Unternehmen oder Institutionen berät und weltweit in den Archiven nach Hinweisen auf die Lagerstätten gesucht hat.
An den deutschen Küsten findet sich viel in oft unmittelbarer Nähe zum Land. Manchmal liegt Sprengstoff nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche. In der Nordsee verteilen sich die Funde stärker, weil Fischer sie zum Beispiel mit ihren Schleppnetzen auseinandergezogen haben.
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Gefährliche Munitionsreste bedrohen Mensch und Umwelt
Allmählich drängt die Zeit, die Altlasten zu entschärfen. Nach 80 oder mehr Jahren im Salzwasser rosten die Ummantelungen von Bomben oder Minen. Die Munition ist eine Gefahr für Mensch und Umwelt geworden. Für Strandspaziergänger wird an Land gespülter Phosphor gefährlich. Denn der Stoff kann schnell mit Bernstein verwechselt werden. An der Luft kann er sich jedoch von selbst entzünden und Temperaturen von weit über 1000 Grad erreichen. In der Hand oder Hosentasche von Touristen können schwerste Verletzungen die Folge sein. Auch kann Munition schon mal den Weg in Fischernetze finden.
Noch gravierender könnten sich mit der Zeit die Umweltschäden entwickeln. Zerbröselt Sprengstoff oder Munition, wird zum Beispiel TNT freigesetzt. „Neuere Forschung hat gezeigt, dass sich bereits jetzt von den Sprengstoffen herrührende, teils krebserregende und das Erbgut schädigende Substanzen in Meereslebewesen wie Muscheln und Fischen anreichern“, stellt das BMUKN fest. Damit ebnen sich die gesundheitsgefährdenden Stoffe allmählich auch den Weg in die menschliche Nahrungskette.
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Die verrottende Altlast ist darüber hinaus für die Wirtschaft auf See ein Problem, ein kostspieliges dazu. Besonders betroffen sind die Energieunternehmen mit Windparks auf dem Meer. Der von den Turbinen erzeugte Strom wird über Seekabel an Land transportiert. Bevor solch ein Kabel verlegt wird, werden Verdachtsflächen auf Munitionsreste erst einmal untersucht. „Wir haben bei allen Trassen in der Nordsee etwas gefunden“, berichtet Kölbel. Die Gezeiten verteilen die Kampfmittel dort stärker als im Binnenmeer Ostsee. Es bleibt daher nicht mehr viel Zeit, mit der großflächigen Bergung der explosiven Altlasten zu beginnen.
Regierung investiert Millionen in Bergung explosiver Altlasten
Wie viel die Beseitigung am Ende kosten wird, wagen auch die Experten nicht zu schätzen. Es werden viele Milliarden sein. Allein ein Spezialschiff für die Bergung kostet bis zu 150 Millionen Euro. Ein Tag auf See schon einmal 100.000 Euro. Die Bundesregierung hat 2023 ein Sofortprogramm von 100 Millionen Euro aufgelegt. Damit werden die Verdachtsstellen erforscht, die Technologien zur Hebung des explosiven Schrotts erprobt und auch die Einrichtung des Kompetenzzentrums finanziert. Ein wichtiges Ziel ist auch die Entwicklung einer schwimmenden Plattform, auf der gefundene Kampfmittel direkt vor Ort entschärft werden sollen.
Im alten Fischereihafen von Rostock ballt sich das nötige Fachwissen. Hier ist auch die Basis der Baltic Taucher, für die Schrul arbeitet. Sein Chef Eyk-Uwe Pap hat von seinem Büro aus einen guten Blick über das firmeneigene Hafengelände. Seine Taucher werden gerufen, wenn es komplizierte Aufgaben gibt, etwa wenn schnelle Havarie- und Bergungsleistungen fällig werden, Schäden an Pipelines auf die Reparatur warten oder eben eine 500-Kilogramm-Bombe entdeckt wird. Für die Taucher läuft die Zeit großer Gefahren bald ab. „In Zukunft machen ferngesteuerte Maschinen den Job“, sind sich Pap und sein Team sicher.
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Unterwasserroboter heben Munition aus dem Meeresboden
Dabei handelt es sich zum Beispiel um sogenannte unbemannte Crawler, kettenbetriebene Unterwasserfahrzeuge. Ein Magnetometer vor dem Fahrzeug misst, ob dort ein metallischer Verdachtskörper im Meeresboden ruht. Die Messdaten lassen sich in dreidimensionale Darstellungen umwandeln. So können Experten im Kontrollraum an Land aus der Ferne zwischen den vielen unterschiedlichen Munitionsarten unterscheiden. Bei Verdacht auf Munition wird der Gegenstand kontrolliert freigelegt, und ein handähnlicher ferngesteuerter Greifer hievt das Teil aus dem Sediment.

Die Hersteller und Entwickler der Technologien sehen einen stark wachsenden Markt für derlei Innovationen und die Forschung daran. „Es geht um die Bergung ganzer Munitionsdepots, damit sie vernichtet werden können“, sagt Uwe Freiherr von Lukas, der vor Ort für das Fraunhofer-Institut forscht, das unter anderem ein eigenes Erprobungsfeld in der Ostsee betreibt. Es geht darum, aus der Forschung heraus nun praktische Anwendungen zum Einsatz zu bringen.

Doch ein großes Problem beschäftigt die Experten. Die Zusammenarbeit aller Beteiligten in Bund, Ländern, den Energieunternehmen und der Forschung klappt bisher nicht reibungslos. So haben die Küstenländer noch unterschiedliche Regelungen hinsichtlich der Munitionsbergung. Und die wichtigen Datenbestände behalten die Besitzer meist lieber für sich. Das will Julia Oldenburg, die das Bundeskompetenzzentrum aufbaut, ändern und die verschiedenen Akteure in einem Netzwerk zusammenbringen. Sie sieht gute Chancen dafür. „Es ist eine sehr energetische Landschaft, die in den Startlöchern steht“, sagt sie.










