Es ist einer dieser warmen Spätsommertage in der Rheinebene, Schäfchenwolken am Himmel, leichter Wind. Das blasse Beige der Reaktorkuppeln sieht etwas dreckig aus. Markus Roth schreitet kraftvoll aus. „Es wird immer normaler, hier zu sein“, sagt der Chefwissenschaftler von Focused Energy. Hier auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks Biblis will er die Zukunft von morgen erklären. Denn: „Die Laserfusion wird die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts nachhaltig beeinflussen.“

Donnerstag
Wirtschaft in Berlin
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Das Unternehmen aus Darmstadt ist eines von vier in Deutschland, die an einem Kraftwerk neuen Typs arbeiten. Anders als Atomreaktoren, die Kerne spalten, um Energie zu erzeugen, sollen Fusionsreaktoren die Sonne nachahmen und Atomkerne verschmelzen. Das verspricht günstigen Strom ohne Ende und ohne viel Atommüll. Es gibt zwei grundsätzliche Linien: Magnetfusion und Laserfusion. Roth setzt auf Laser und will die weltweit erste Anlage bauen.
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Energie durch Fusion: Laser verdampfen Wasserstoff-Kügelchen für Strom
Das Konzept ist herausfordernd. Da ist die Reaktorkugel mit 13 bis 15 Metern Durchmesser. Und der Brennstoff, zwei bis drei Millimeter große Kügelchen, die Targets, die auf minus 267 Grad gekühlt sind und ein flüssiges Gemisch aus den Wasserstoffformen Tritium und Deuterium enthalten.
Zehn Kügelchen pro Sekunde sollen elektromagnetisch mit etwa 1,3-facher Schallgeschwindigkeit in den Reaktor geschossen werden. In der Mitte treffen sich die Strahlen von 1200 Lasern und verdampfen die Targets zum Edelgas Helium. Dabei entstehen Neutronen, die die Reaktorwand auf circa 500 Grad erhitzen. Das reicht für einen Wärmetauscher und Stromerzeugung.
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Abrissarbeiten ebnen Weg für neue Nutzung der Biblis-Reaktoren
Klingt nach Science Fiction? Der Chefwissenschaftler ist zuversichtlich, das umzusetzen. Und Biblis bzw. die beiden Reaktorkuppeln sind dafür zentral. „Ich habe schon eine emotionale Verbindung zum Standort“, sagt Roth und biegt um die Ecke. „Ich war hier 1978 als Kind das erste Mal im Besucherzentrum. Die Anlage war noch nicht lange am Netz.“ Diese Zukunft endete 2011, seit 2017 wird in Biblis zurückgebaut.

Überall stehen Container in Blau und Orange, an der Seite der Hinweis „Radioactive“. Die Bautrupps, die die Reaktorblöcke im Auftrag des Eigentümers RWE entkernen, transportieren in den Behältern schwach strahlendes Material. Die Brennstäbe liegen längst im schwer gesicherten Zwischenlager am Rand des Standorts. Roth stoppt. „Das ist Block B, früher mit 1200 Megawatt, heute eine fast leere Betonhülle“, sagt er. „Noch müssen Teile ausgebaut und dekontaminiert werden. Dann kommen wir und rüsten den Bau mit Technik aus.“
Das soll die erste Testanlage sein. Sie startet zunächst mit 50 Lasern und wird erweitert. 2029 soll es dort losgehen. „Hier wird erstmals eine robuste Fusion stattfinden. Und da drüben in Block A erzeugen wir dann erstmals Strom mit Laserfusion.“ Die Zündung sei für 2037 vorgesehen. Block A wird etwa 200 Megawatt Strom liefern können, aber noch nicht am Netz sein. Das soll die zweite Testanlage sein.
Fusionsreaktor: Demonstrator soll mehr Energie liefern als verbrauchen
„In dem Demonstrator wollen wir zeigen, dass wir mehr Energie erzeugen, als wir reingesteckt haben“, erklärt Roth. „Wir wollen nachweisen, dass die Anlage selbst das Tritium erzeugen kann, das wir als Brennstoff benötigen. Wir können auch feststellen, wie lange der Reaktor der Röntgen- und Neutronenstrahlung sowie geladenen Teilchen standhält. Und wir können Material ausprobieren.“
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Etwas weiter bleibt er zwischen den Blöcken A und B vor einem Stapel Metallprofile stehen. „Hier entsteht die Halle, in der wir die Lasersysteme einbauen“, sagt er. Die Strahlen werden dann per Spiegel entweder in den einen oder den anderen Reaktor gelenkt werden. Partner sind die Topfirmen der deutschen Optikindustrie: Schott, Trumpf, Zeiss.
Umbau statt Rückbau: Neue Nutzung für Bibliser Kernkraftwerk
Dass Roth mit Biblis zu tun hat, ist eher Zufall. „Den ersten Kontakt mit RWE hatten wir vor etwa drei Jahren. Der Energiekonzern interessierte sich für unsere Lasertechnologie, mit der wir in geschlossene Behälter mit radioaktivem Abfall schauen können“, erinnert er sich. Es gab weitere Treffen auch mit der Politik. Irgendwann fragte die Landtagsabgeordnete Ines Claus (CDU): Warum nicht Umbau statt Rückbau des ehemaligen Kernkraftwerks?

Biblis hat große Vorteile. Bahnanschluss, Rheinhafen, Straßenanbindung, Sicherheitsanlagen, Anschluss ans Energienetz, zahlreiche Genehmigungen. „Dass wir hier fertige Anlagen nutzen können, bringt uns und damit Deutschland sieben Jahre Vorsprung im Wettbewerb mit China und den USA“, sagt Roth. Ein ähnliches Projekt wie Biblis verfolgt Marvel Fusion aus München im AKW Grundremmingen, das ebenfalls RWE gehört. Dort geht es um Magnetfusion.
Milliardeninvestition: Fusionskraftwerk soll ab 2040 entstehen
Die Zukunft ist teuer. Focused Energy, 2021 gegründet, sammelte bisher in drei Runden 440 Millionen Dollar ein (380 Millionen Euro). RWE gab insgesamt 70 Millionen Euro. Weitere Investoren stammen aus Asien, Europa und den USA. Auch die US-Energiebehörde, das Bundesforschungsministerium und das Land Hessen förderten. Biblis ist auch Teil eines der drei Fusionshubs der Bundesregierung.
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Für die geplanten Reaktoren wird das Geld nicht reichen. „Die beiden Anlagen werden zwischen zehn und 14 Milliarden Euro kosten“, sagt Roth. Er ist zuversichtlich, die Summe zusammenzubekommen. „Erste kommerzielle Kraftwerke mit unserer Technologie wird es in den 2040er-Jahren geben.“ Auch in Biblis soll eines entstehen. „Hier war mal ein dritter Kraftwerksblock geplant. Für die Fläche gibt es bereits Baurecht.“










