Noch bevor sich Thyssenkrupp-Chef Miguel López und TKMS-Chef Oliver Burkhard mitten in der Nacht zum Dienstag in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz äußern, meldet sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu Wort. Merz spricht von einem „großen, strategischen Vorhaben“, das Kanada, Deutschland und auch Norwegen auf Jahrzehnte verbinde. Kurz zuvor hat der kanadische Premierminister Mark Carney verkündet, seine Regierung gebe bis zu zwölf U-Boote in Auftrag, die der deutsche Rüstungskonzern TKMS gemeinsam mit der norwegischen Marine entwickelt hat. Für TKMS ist es der größte U-Boot-Auftrag in der Unternehmensgeschichte.

Donnerstag
Wirtschaft in Berlin
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Am Thyssenkrupp-Konzernsitz in Essen ist die Freude über den Deal mit Kanada groß. Schon seit Monaten haben Manager des Konzerns daran gearbeitet, Mitglieder der kanadischen Regierung von den technologischen Fähigkeiten der deutschen U-Boote zu überzeugen – mit freundlicher Unterstützung der Bundesregierung. Vor wenigen Wochen hat Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) einmal mehr bei einer Dienstreise nach Kanada für das weitreichende Rüstungsprojekt geworben.
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U-Boot-Deal: Kanzler und Verteidigungsminister als Lobbyisten
TKMS-Chef Burkhard hat sich zuletzt auffällig häufig für Fotos auf seinem LinkedIn-Profil mit kanadischen und norwegischen Flaggen ablichten lassen. Einen guten Draht zu den SPD-Ministern in der Bundesregierung pflegt Burkhard – der Chef der IG Metall in NRW war – ohnehin schon seit geraumer Zeit.
Geschäfte mit U-Booten haben seit jeher eine politische Dimension. So steht beispielsweise auch Israel auf der Kundenliste von TKMS. Auch an die Türkei hat Thyssenkrupp bereits verkauft. TKMS sieht sich als weltweit führender Anbieter von nicht-nuklearen U-Booten – die eine Alternative zu den Atom-U-Booten der USA darstellen.
Mehr als 20 Milliarden Euro für die Auftragsbücher
Im vergangenen Jahr hat der Essener Stahl- und Industriegüterkonzern Thyssenkrupp das maritime Rüstungsgeschäft verselbstständigt und an die Börse gebracht. 51 Prozent der TKMS-Anteile hält nach wie vor die Thyssenkrupp AG, die Deutsch-Spanier Miguel López führt. Bei der gemeinnützigen Krupp-Stiftung liegen etwas mehr als zehn Prozent der TKMS-Anteile. Der 1967 verstorbene Industrielle Alfried Krupp, dessen Vermögen in der Stiftung aufgegangen ist, hatte sich nach seiner Verurteilung als Kriegsverbrecher in Nürnberg noch geschworen, nie wieder Waffen zu produzieren.
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Gegenwärtig profitieren TKMS und damit auch Thyssenkrupp von der wachsenden Nachfrage nach Kriegsschiffen. „TKMS wird uns noch viel Freude machen“, sagt Thyssenkrupp-Chef López. Schon vor der Zusage aus Kanada hat der Auftragsbestand von TKMS eine Rekordhöhe erreicht – 20,6 Milliarden Euro waren es zuletzt.
Mit Brasiliens Verteidigungsministerium und lokalen Partnern unterzeichnete TKMS im April eine Absichtserklärung für den Bau von vier weiteren Fregatten der Tamandaré-Klasse.
Thyssenkrupp Marine Systems trotzt der Krise in der Branche
Mit seiner Expertise im U-Boot-Bau war die frühere Konzernsparte Thyssenkrupp Marine Systems in der Vergangenheit vom Niedergang der deutschen Werften einigermaßen verschont geblieben. Mehr als 9000 Mitarbeiter beschäftigt der Marinekonzern, davon 3300 in Kiel – Tendenz steigend.
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Dass die Rüstungskooperation von Deutschland, Kanada und Norwegen vor dem Nato-Gipfel in Ankara bekannt geworden ist, darf auch als politisches Signal an US-Präsident Donald Trump gewertet werden. Kanada bezieht bisher rund 80 Prozent seiner Militärgüter aus den USA. Doch das Verhältnis beider Regierungen ist schwer belastet. Mehrfach hatte Trump bekundet, er wolle Kanada als 51. US-Bundesstaat eingliedern.
Merz: U-Boot-Deal „starkes Zeichen der transatlantischen und europäischen Zusammenarbeit“
Vor dem Nato-Gipfel setzte die kanadische Regierung mit der U-Boot-Bestellung „ein starkes Zeichen der transatlantischen und europäischen Zusammenarbeit in der Verteidigungsindustrie“, kommentiert Bundeskanzler Merz. Es gehe um eine „auf Dauer angelegte Partnerschaft, die weit über die Sicherheits- und Verteidigungspolitik hinausreicht“.
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Die U-Boote des Typs 212CD, die Kanadas Regierung bestellt hat, sind von Deutschland und Norwegen für eine gemeinsame Nutzung entwickelt worden. Die Buchstaben „CD“ stehen dabei für das gemeinsame Design: „Common Design“. Diese Baugleichheit soll Kosten verringern und eine einfache Zusammenarbeit ermöglichen, der sich nun Kanada als dritter großer Partner anschließt. TKMS konnte sich mit der deutschen U-Boot-Technologie gegen ein Angebot der südkoreanischen Werft Hanwha Ocean durchsetzen.
TKMS will europäische Zusammenarbeit weiter ausbauen
„Mittelmächte wie Kanada streben durch Partnerschaften mit gleich gesinnten Staaten nach größerer strategischer Autonomie“, sagt Kanadas Regierungschef Carney. Für sein Land, das über die längste Küstenlinie der Welt verfüge, seien maritime Fähigkeiten besonders wichtig: „Die Arktis wird zunehmend zu einem zentralen Faktor für die Sicherheit Nordamerikas und der Nato-Westflanke.“
TKMS erwägt indes, die europäische Zusammenarbeit zu intensivieren. U-Boote könnten künftig auch auf spanischen Werften gebaut werden, kündigte TKMS-Chef Burkhard vor wenigen Wochen an. Sein Unternehmen befinde sich in Gesprächen mit dem Management des spanischen Unternehmens Navantia, um auszuloten, wie eine Kooperation aussehen könnte. Bei der jüngsten TKMS-Quartalsbilanz verglich Burkhard die Situation seiner Branche mit der Luftfahrtindustrie vor der Gründung des europäischen Gemeinschaftsunternehmens Airbus, mit dem es gelungen sei, die Vormachtstellung des US-Herstellers Boeing zu durchbrechen.









