Wissenschaftler des Pestel-Instituts sorgen mit einem neuen Reformvorschlag für die Altersversorgung für Aufsehen. Konkret regen die Ökonomen an, Beamte künftig fünfeinhalb Jahre länger arbeiten zu lassen als Arbeiter. Grundlage des Vorschlags ist die unterschiedliche durchschnittliche Lebenserwartung in den Berufsgruppen.

Donnerstag

Wirtschaft in Berlin

Abonnieren Sie kostenlos den Wirtschafts-Newsletter der Berliner Morgenpost

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Beamte würden durch ihre überdurchschnittlich lange Lebenserwartung für einen deutlich längeren Zeitraum Pensionen beziehen als Arbeitnehmer Rente. Dieser Aspekt werde in der bisherigen Rentendiskussion kaum oder gar nicht berücksichtigt, so die Forscher. Außerdem sprechen sich die Wissenschaftler dafür aus, Geringverdiener bei der Höhe der Rentenbezüge deutlich besserzustellen.

Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls
Beamte sollen länger arbeiten, schlagen Wissenschaftler vor. Die Reaktionen darauf fallen verhalten aus.© picture alliance/dpa | Soeren Stache

Beamte länger arbeiten lassen? Vorstoß reiht sich in Debatte ein

„Wer weniger verdient, lebt statistisch auch kürzer. Überdurchschnittlich viele Arbeitnehmerinnen und Arbeiter erreichen die Rente nicht einmal, weil sie früher sterben“, sagte Matthias Günther, Leiter des Pestel-Instituts, laut Mitteilung. Umgekehrt würden die, die mehr verdienten – gewissermaßen proportional zu ihrem Einkommen – statistisch auch deutlich älter. „Sie bekommen also eine höhere Rente oder Pension – und das auch noch wesentlich länger. Menschen mit geringen Einkommen dagegen müssen mit einer deutlich niedrigeren Rente klarkommen, von der sie außerdem deutlich kürzer überhaupt etwas haben“, erklärte Günther weiter.

Auch interessant

Die Idee reiht sich in die laufende Debatte um einen Umbau der Altersversorgung in Deutschland ein. Erst kürzlich hatten Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) einen sogenannten Boomer-Soli vorgeschlagen. Dabei würden die oberen 20 Prozent der deutschen Rentner durch eine Sonderabgabe belastet. Das eingesammelte Geld würde an die Rentnerhaushalte mit den niedrigsten Einkommen umverteilt.

Beamtenbund reagiert erbost: „Schon verwunderlich“

Eine Welle der Empörung hatte zudem Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ausgelöst – auch innerhalb der Koalition. Sie hatte in einem Interview erklärt, die Lebensarbeitszeit müsse steigen. Widerspruch kam zum Beispiel von Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD), die von einer „Scheindebatte“ sprach. Viele erreichten aus gesundheitlichen Gründen bereits das jetzige Renteneintrittsalter nicht, sagte sie. Würde das Renteneintrittsalter um einige Jahre erhöht werden, dürften demnach noch mehr Menschen die Rente nie erreichen. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann sprach sich zudem erst vor ein paar Tagen dafür aus, einfach weniger zu verbeamten.

192937_1325_192937_cover.jpg
#5 Bärbel Bas über Armut als Kind und Frauen an der Spitze
Meine schwerste Entscheidung
 

Der neue Vorstoß des Pestel-Instituts stößt bei den Betroffenen – wenig überraschend – kaum auf Gegenliebe. „Es ist schon verwunderlich, mit welchen absurden Ideen die Debatte um die sozialen Sicherungssysteme inzwischen geführt wird“, sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Beamtenbundes (DBB), Volker Geyer, dieser Redaktion. Kein Mensch habe eine durchschnittliche Lebenserwartung. „Beamte, Arbeitnehmende, Selbstständige, Männer, Frauen, Akademiker, Hauptschüler, Übergewichtige, Sportler – bei jeder Gruppe käme eine andere Lebenserwartung raus. Wollen wir wirklich auf diesem Niveau diskutieren?“, fragte Geyer.

Beamte: Auch von der Polizeigewerkschaft kommt Kritik

Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) widersprach. Man lehne es „rundherum ab, dass Polizeibeamtinnen und -beamte fünfeinhalb Jahre länger arbeiten sollen“, sagte der GdP-Bundesvorsitzende Sven Hüber dieser Redaktion. „Meine Kolleginnen und Kollegen im Schicht- und Einsatzdienst liegen schon heute unter der durchschnittlichen Lebenserwartung, obwohl sie zu Beginn überdurchschnittlich fit und gesund eingestellt werden“, so Hüber. Anstatt endlos die Lebensarbeitszeit zu verlängern, sollten die Gesetzgeber das vorhandene Erwerbstätigenpotenzial besser nutzen.

Auch interessant

„Kinderbetreuung und Frühförderung ausbauen, mehr Geld in Bildung investieren, dafür sorgen, dass alle jungen Menschen eine anständige Ausbildung und Arbeit bekommen sowie die Einwanderung von Fachkräften erleichtern“, nannte Hüber dafür als Beispiele. Das sei gesellschaftlich viel hilfreicher als alle immer länger arbeiten zu lassen.

Auch die Linke im Bundestag lehnte den Vorstoß ab. „Es ist schlimm genug, dass Menschen mit geringen Einkommen überdurchschnittlich oft das Rentenalter nicht erreichen. Armut zu bekämpfen, sollte daher der Fokus sein, nicht Beamt:innen noch länger arbeiten zu lassen. Wir fordern eine angemessene Beteiligung von Überreichen, um Armut zu bekämpfen und unsere Sozialsysteme zu finanzieren. So können wir uns lebenswürdige Renten für alle leisten“, sagte Sarah Vollath, Sprecherin für Renten- und Alterssicherungspolitik der Fraktion, zu dieser Redaktion.

Beamte: Höhere Lebenserwartung, mehr Geld

Tatsächlich haben männliche Beamte laut einer DIW-Untersuchung von 2021 ab dem 65. Lebensjahr eine Lebenserwartung von weiteren 21,5 Jahren. Bei männlichen Arbeitern sind es nur 15,9 Jahre – ein Unterschied von etwa fünfeinhalb Jahren. Bei Frauen schmilzt der Unterschied mit Blick die weitere Lebenserwartung auf nur noch drei Jahre. Zwischen männlichen Angestellten und Beamten beträgt die Differenz zwei Jahre. Ähnlich ist der Abstand auch mit Blick auf das Gehalt: Männliche Spitzenverdiener leben gut 6,3 Jahre länger als Geringverdiener. Forscher erklären das auch mit einem besseren Zugang zu medizinischer Versorgung – und seltener schwerer körperlicher Arbeit.

Die zu erwartende Zeit, für die ein älterer Mensch Rente bezieht, sollte stärker eine Rolle spielen, so Pestel-Chef Günther. „Viele gut situierte Menschen – Beamte genauso wie Besserverdiener – wissen im Ruhestand nicht wohin mit ihrem Geld. Gleichzeitig kommen Verkäuferinnen und angestellte Friseure mit ihrer mageren Rente kaum über die Runden.“ Viele seien auf Grundsicherung angewiesen.

Auch interessant

Beamte länger arbeiten lassen: Experte sagt, was gegen den Vorschlag spricht

Beamte deshalb länger arbeiten lassen? Rentenexperte Johannes Geyer vom DIW hält davon nichts. „Der Beamtenstatus würde im Verhältnis zu anderen Berufen deutlich an Attraktivität verlieren“, sagte Geyer gegenüber dieser Redaktion. In Zeiten des Fachkräftemangels konkurriere der Staat aber mit der Privatwirtschaft um die Arbeitskräfte. „Wenn er die längere Arbeitszeit dann durch andere Formen der Besserstellung kompensieren müsste, wäre wenig gewonnen“, so der Fachmann.

Geyer warnt auch vor neuer Bürokratie in dem Zusammenhang. Denn der Staat müsste ja mit transparenten Methoden und Daten für jeden Rentenbezieher eine Lebenserwartung schätzen und dabei möglichst genau den Zusammenhang von Lebenseinkommen, Bildung und Lebenserwartung abbilden. „Der bürokratische Aufwand wäre enorm, die Daten gibt es auch bisher nicht, er wäre auch fehleranfällig und wäre mit Sicherheit ein extremer Streitgegenstand“, sagte er. Welche Beamte länger arbeiten sollen und wie genau eine solche Regelung umgesetzt werden könnte – dazu sagten die Pestel-Forscher allerdings nichts.