Auch im vergangenen Jahr kam die Deutsche Bahn nicht aus den roten Zahlen heraus. Der Bahnchef spricht von der größten Krise seit 30 Jahren. Das sind die größten Baustellen.

Die Infrastruktur

Bahnchef Richard Lutz macht gleich zu Beginn der Präsentation seiner Jahresbilanz die Lage klar. „Die Deutsche Bahn befindet sich in der größten Krise seit 30 Jahren“, sagt er. Der Hauptgrund für die prekäre Lage ist die marode Infrastruktur aus Gleisen, Stellwerken, Brücken und Bahnhöfen. „Auf einer störanfälligen und veralteten Infrastruktur können wir keinen stabilen Betrieb leisten“, räumt Lutz ein. Das haben die Fahrgäste im vergangenen Jahr zu spüren bekommen. Gerade einmal 62,5 Prozent der Fernverkehrszüge kamen pünktlich ans Ziel. 

Mit der Generalsanierung von über 40 wichtigen Korridoren will die Bahn das Netz auf Vordermann bringen. Zumindest die Chancen auf ausreichende finanzielle Mittel bestehen, wenn die künftige Bundesregierung ihr Vorhaben für ein Infrastruktur-Sonderprogramm auch umsetzen sollte. Für alle Projekte zusammen plus die Digitalisierung sowie Aus- und Neubauprojekte veranschlagt die Bahn 150 Milliarden Euro. 

Auftakt für Campus der Deutschen Bahn
Richard Lutz ist Bahn-Chef. Er sieht den Konzern in der größten Krise seit 30 Jahren. © picture alliance/dpa | Martin Schutt

Die Verluste

Die schlechte Qualität der Leistungen hat im vergangenen Jahr Kunden der Bahn vergrault und tiefe Spuren in der Bilanz hinterlassen. Allein für Entschädigungen musste das Unternehmen fast 200 Millionen Euro ausgeben. Der Fernverkehr verzeichnete unter dem Strich 96 Millionen Euro Verlust, doppelt so viel wie im Vorjahr. Noch tiefer im Minus steckt der Güterverkehr mit einem Verlust von 357 Millionen Euro. Das war allerdings im Jahresvergleich immerhin eine deutliche Verbesserung. Gewinne brachte dagegen mit 108 Millionen Euro der Regionalverkehr, der zuletzt noch in den roten Zahlen steckte. Hier macht sich der Erfolg des Deutschlandtickets bemerkbar. 

Auch die Netzsparte InfraGo ist mit einem Plus von 226 Millionen Euro erfolgreich. Das bringt die privaten Güterbahnen in Rage. Denn eine gemeinwohlorientierte Gesellschaft solle keine Gewinne machen, meint deren Branchenverband. Die Gesamtbilanz des vergangenen Jahres brachte ein Jahresergebnis von minus 1,8 Milliarden Euro. In diesem Jahr soll zumindest das operative Geschäft wieder schwarze Zahlen schreiben.

Das Sanierungsprogramm

Das Kürzel S3 bereitet vor allem in der Konzernzentrale manchen Beschäftigten Sorgen. Es steht für ein auf drei Jahre angelegtes Sanierungsprogramm in der Infrastruktur, im Betrieb und bei der Wirtschaftlichkeit. Nicht nur die Bilanzzahlen sollen sich verbessern. Auch bei der Pünktlichkeit soll es bergauf gehen. Bis 2027 will Lutz erreichen, dass 75 bis 80 Prozent der Züge zur rechten Zeit am Ziel eintreffen. Am Programm gibt es aber auch reichlich Kritik. Es sei intransparent und es mangele an konkreten Zielen, wirft selbst die sonst zurückhaltende Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) der Bahn vor. „Um den Erfolg der DB-Sanierungsstrategie S3 messen zu können, muss der Konzern jetzt öffentlich feste Kennzahlen ausgeben, deren Einhaltung Öffentlichkeit und Politik kontrollieren können“, fordert auch der Grünen-Abgeordnete Matthias Gastel. 

Lesen Sie auch: Sensationsfund im ICE: Frau entdeckt Tasche mit 15.000 Euro

Die Konzernstruktur

Kritiker der Bahn fordern eine Aufspaltung des Konzerns in eine unabhängige Infrastrukturgesellschaft und den Betrieb. „Wir schlagen vor, die InfraGO ähnlich der Autobahn GmbH als gemeinwohlorientiertes Bundesunternehmen aus dem Konzern herauszulösen“, sagt etwa der Chef des Verbands Güterbahnen, Peter Westenberger. Denn die Netzgesellschaft InfraGo soll zwar gemeinwohlorientiert arbeiten, steht aber weiterhin unter Kontrolle des Bahnvorstands. Daraus wird wohl nichts. Die bisherigen Pläne der künftigen Koalition sehen zwar eine weitere Entflechtung beider Geschäftszweige vor. Beim integrierten Bahnkonzern soll es jedoch bleiben.

Auch interessant

Der Vorstand

Trotz aller Miseren sieht der Bahnchef keinen Grund für einen Wechsel im Vorstand. „Der Job macht mir nach wie vor Spaß“, stellt er klar. Er sei angetreten, das Unternehmen zu sanieren. Ob er dazu noch die Chance erhält, wird die künftige Regierung entscheiden. In der für die Bahn zuständigen Arbeitsgruppe von Union und SPD findet sich schon ein Hinweis auf mögliche Veränderungen an der Konzernspitze. Dort wird eine Neuaufstellung von Aufsichtsrat und Vorstand angekündigt, allerdings ohne näher darauf einzugehen oder gar einen Zeitplan zu nennen. Lutz‘ Vertrag läuft noch bis 2027. Zu der Ankündigung mochte sich der Bahnchef nicht äußern.

Auch interessant: Kein Bus, keine Bahn: So schlecht ist der ÖPNV in Deutschland

Das Personal

Bestandteil von S3 ist der Abbau von 10.000 Stellen im Vertrieb und in der Verwaltung, also in der Zentrale. Lokführer oder andere für den Betrieb benötigte Beschäftigte sind davon nicht betroffen. Rund 220.000 Beschäftigte arbeiten noch für die Deutsche Bahn. Betriebsbedingte Kündigungen müssen die Bahner nicht befürchten. Vielmehr soll der Bedarf an Verwaltungsstellen durch schlankere Prozesse und die Digitalisierung verringert werden. Für die Arbeit am Netz, in den Zügen oder an Bahnhöfen wird dagegen weiter Personal aufgebaut. Allein im vergangenen Jahr wurden fast 32.000 neue Leute eingestellt. 

Mehr zum Thema: Deutschlands pünktlichste Bahnstrecke – was sie anders macht

Der Güterverkehr

Für die Cargo-Sparte tickt die Uhr. Bis Ende 2026 muss der Güterverkehr wieder schwarze Zahlen schreiben. Danach darf die Bahn die Verluste der defizitären Sparte nicht mehr ausgleichen. So hat es die EU vorgeschrieben. Gelingt dies nicht, droht die Pleite dieser Bahn-Tochter. Mit umfassenden Veränderungen und Ausgliederungen von Verkehren will die zuständige Vorständin Sigrid Nikutta das Ruder noch herumreißen.