Geradezu andächtig schauen alle auf. Vor ihnen steht eine sehr große Kiste, teilweise mit Spiegelfolie beklebt. An einigen Stellen ragen rote, faustgroße Elemente hervor, im Innern schimmern silberne Kabel. Und ganz oben, kurz vor der Decke der Halle, ist eine Art Trichter angebracht. Das ist er also, der Satellit, der bald die europäische Wettervorhersage revolutionieren wird. Ein Multimilliardenprojekt, 17 Jahre Entwicklungszeit, technologisch weltweit ganz vorn.

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Wirtschaft in Berlin
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Viele hier haben das Original bisher nicht gesehen, selbst wenn sie sich seit Jahren damit beschäftigen. Jetzt stehen sie in blauen Kitteln und mit Haarnetz im Reinraum Galileo, Format Turnhalle, beim Bremer Satellitenbauer OHB. Trocken ist es und kühl. Von der Lüftung, die kleinste Staubteilchen filtert, ist kaum etwas zu spüren. Dafür Begeisterung und etwas Erleichterung, dass der Satellit wirklich fertig ist. MTG-S also, Meteosat Third Generation, Wettersatellit der dritten Generation. Das S steht für Sounder, eine Art Infrarotsonar, das die Atmosphäre in Schichten abbilden soll – neuartig und aufwändig.
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„Der Unterschied zur zweiten Generation ist etwa der zwischen einem Röhrenfernseher und einem großen Full-HD-Flachbildschirm“, sagt James Champion, bei der europäischen Raumfahrtbehörde Esa zuständig für das MTG-Projekt. Nur, dass das Bild des Sounders dreidimensional ist. Er kann 1700 verschiedene Infrarotfrequenzen erkennen und scannt alle 30 Minuten die komplette Atmosphäre über Europa und Afrika. Das Gerät liefert 50 Mal so viele Daten wie die Wettersatelliten der Vorgängergeneration, die nur auf die Atmosphäre schauen konnten, sie aber nicht durchdringen.
Extremwetterereignisse früher entdecken: 30 Minuten mehr Zeit können entscheidend sein
Damit ließe sich das Wetter genauer vorhersagen, sagt Cristian Bank, Direktor bei Eumetsat, einer Weltraumbehörde in Darmstadt, die den Satelliten betreiben wird. Und: „Wir können Extremwetterereignisse früher entdecken.“ Wichtig, müssten Gebiete wegen heftigen Regens und Überschwemmungen evakuiert werden. 30 Minuten mehr Zeit können entscheidend sein. Auch Dürre und Feuer lassen sich besser vorhersagen, ebenso soll es Informationen über die Meeresoberfläche oder gar zu unsichtbaren Turbulenzen in der Luft geben.

Es gehe zum einen darum, Gefahren zu vermeiden, zum anderen, Leben und Arbeiten zu verbessern, etwa, wenn Landwirte ernten können, bevor ein Unwetter komme, sagt Bank. Hilfe bringen sollen bessere Wetterdaten auch bei Transport oder Tourismus. Eine Studie im Auftrag von Eumetsat errechnete Vorteile im Wert von 60 Milliarden Euro jährlich in den 27 EU-Ländern durch die neuen Wettersatelliten.
Denn MTG-S ist einer von dreien, die künftig genaue Daten liefern sollen. Die beiden anderen (MTG-I, I für Imager) fotografieren die Atmosphäre. Das gesamte Projekt kostet rund sechs Milliarden Euro, 1,4 Milliarden Euro trägt die Esa, den Rest Eumetsat. Zumindest ist das die Kostenschätzung von 2022. Eingeschlossen sind insgesamt sechs Satelliten, zwei MTG-S und vier MTG-I. Die Daten werden kostenlos bereitgestellt. Vor allem die Wetterdienste nutzen sie.
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Mega-Projekt von 18 Ländern: „Ein Land allein kann das nicht“
Die Experten stehen immer noch vor dem Satelliten. „Ein Land allein kann das nicht“, sagt Champion. Thales Alenia aus Frankreich bekam den Generalauftrag für alle MTG. Die Plattform der Satelliten, im Prinzip die Standardkiste, in die alles eingebaut wird, stammt von OHB, das auch den Sounder verantwortet. Thales Alenia kümmert sich um die Imager. Am MTG-S war neben einem Konsortium aus mehr als 80 Firmen weitere 200 bis 300 Zulieferer aus 17 EU-Ländern und Kanada beteiligt. Zeitweise arbeiteten mehr als 2000 Beschäftigte an dem Projekt.
So komplex wie die Struktur der beteiligten Firmen ist die Technologie im Innern. Ein Spiegel etwa ist ein halbes Jahr lang poliert worden, um wirklich sauber und präzise zu sein. „Wer aus 36.000 Kilometern Höhe auf die Erde schaut, hat nur einen sehr kleinen Ausschnitt“, sagt Esas MTG-Projektleiter Champion. Da muss alles passen. Derart weit oben, im sogenannten geostationären Orbit, bewegt sich der Satellit so schnell, wie sich die Erde dreht, er scheint deshalb immer über einem Punkt zu stehen. Für MTG-S ist das dort, wo sich Äquator und Nullmeridian schneiden, etwa 400 Kilometer südlich von Accra, der Hauptstadt von Ghana.
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Noch steht der Satellit kopfüber in der OHB-Halle. Das Haupttriebwerk ist auf einem Montagegestell befestigt, der Trichter, der auf die Erde schauen soll, zeigt nach oben. Die kleinen roten Elemente sind Minitriebwerke zum Steuern. Mit seinen 5,70 Metern Länge, 2,50 Metern Breite und 2,80 Metern Tiefe sticht MTG-S einen Mercedes Kastenwagen aus. Schwerer ist der Satellit mit 3,8 Tonnen ohnehin – vollgetankt. Ebenfalls an Bord: Sentinel-4. Das Instrument, gebaut von Airbus am Bodensee, misst Luftverschmutzung in Europa.
In den kommenden Wochen setzen die OHB-Experten noch die beiden Solarpanels und die Antenne an, mit der sich der Satellit in den Weiten des Alls mit der Zentrale in Darmstadt verbinden wird. Dann wird MTG-S flach gelegt und im Versandcontainer verstaut. Mitte April geht es von Bremen aus per Spezialschiff nach Florida. Im US-Weltraumbahnhof Cape Canaveral wird der Satellit dann für den Start mit einer Falcon-9-Rakete des US-Unternehmens SpaceX vorbereitet. Abheben soll das „Juwel der europäischen Raumfahrtingenieurkunst“, wie Esa-Direktorin Simonetta Cheli MTG-S nannte, Anfang Juli.






