Auf den ersten Blick ist es eine gute Nachricht: Der sogenannte unbereinigte Gender Pay Gap – die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern – hat sich im Jahr 2024 verkleinert. Sie sank von zuletzt 18 auf 16 Prozent. Das Statistische Bundesamt (Destatis) stellt das Gefälle auf Basis von Umfragewerten und Unternehmensberichten aus. Dass der Abstand zuletzt kleiner wurde, erklärt Destatis so: Die Gehälter von Frauen seien stärker gestiegen als die der Männer.

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Demnach bekamen Frauen im Jahr 2024 im Durchschnitt 2851 Euro brutto im Monat – das sind acht Prozent mehr als im Jahr davor. Bei den Männern stieg das Gehalt auch, aber weniger stark: um fünf Prozent auf 4078 Euro. Die Arbeitszeit habe sich dabei kaum verändert.
Gender Pay Gap 2025: Hat sich das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern verringert?
Katharina Wrohlich, Professorin für Gender-Ökonomie an der Universität Potsdam, hat zwei Hypothesen zu den Gründen: „Möglich ist, dass der gestiegene Mindestlohn die Lohnlücke verkleinert hat.“ Andererseits könne es aber auch sein, dass lediglich die Gehälter von Männern im mittleren Management wegen der wirtschaftlichen Lage weniger stark gestiegen sind als in den Vorjahren – und deshalb die Lücke kleiner wirkt.

Außerdem, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin, sei die verkleinerte Lohnlücke auf den zweiten Blick nicht so erfreulich, wie es scheint: Rechnet man heraus, dass Frauen häufiger in schlechter bezahlten Branchen arbeiten, öfter einem Job in Teilzeit nachgehen, mehr unbezahlte Sorgearbeit übernehmen und seltener in Führungspositionen mit höherem Lohnniveau tätig sind, besteht noch immer eine große Verdienstlücke. „Dieser sogenannte bereinigte Gender Pay Gap liegt bei sechs Prozent – und ist in den vergangenen Jahren unverändert geblieben“, sagt Wrohlich.
Juristin über Equal Pay in Deutschland: Es mangelt an Entgelttransparenz
Zeigen Frauen weniger Leistung im Job? Sind sie weniger qualifiziert? Oder haben sie einfach nur schlecht verhandelt? Die Berliner Anwältin Sarah Lincoln hält ein anderes Problem für grundlegend: Es mangele an Entgelttransparenz in Deutschland. „Viele Frauen wissen gar nicht, dass sie weniger verdienen als Männer in vergleichbarer Position“, sagt die Juristin.
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„Studien zeigen außerdem: Selbst wenn Frauen in Gehaltsverhandlungen gehen, haben sie es oft schwerer als Männer“, sagt Lincoln. Experimente belegen: Wenn Frauen mit den gleichen Worten ihr Gehalt verhandeln wie Männer, bewertet das Gegenüber die Frauen eher als fordernder, forscher und unsympathischer als Männer – und sie haben weniger Verhandlungserfolg. Zum anderen werde in Deutschland auch im Kollegium nur wenig über Gehälter gesprochen. Doch es gibt Unternehmen, die Transparenz schaffen wollen.
Die Daimler AG stellte beispielsweise ihren Mitarbeitenden ein Portal im Intranet zur Verfügung. Dort ließ sich einsehen, wie hoch das Gehalt von Mitarbeitenden des anderen Geschlechts in gleichwertiger Position im Mittel ist. Befragungen des Betriebsrats zeigten, dass 90 Prozent der Daimler-Mitarbeiterinnen dadurch erfuhren, weniger zu verdienen als den Mittelwert der männlichen Vergleichsgruppe.
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Diese Kritik gibt es am Entgelttransparenzgesetz
Anwältin Sarah Lincoln vertritt eine Abteilungsleiterin von Daimler, die klagt, weil sie 18 Prozent weniger als die männliche Vergleichsgruppe verdiene. Sechs weitere Kolleginnen klagen. Daimler muss nun objektive Gründe vorlegen, die den Gehaltsunterschied rechtfertigen. Das Gehalt geschickter verhandelt zu haben, ist dabei laut Gerichtsentscheidungen keine zulässige Begründung.

Lincoln sagt, ähnliche Probleme seien in anderen Dax-Konzernen wahrscheinlich. Und sie merkt an: Nicht alle Frauen erfahren so leicht, dass sie weniger verdienen als Kollegen. Anfragen über das sogenannte Entgelttransparenzgesetz sind zwar seit 2017 möglich. Doch es gibt dabei viele Hürden. So gilt das Gesetz nur für Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten.
DGB: Das Entgelttransparenzgesetz ist ein „zahnloser Tiger“
Eine weitere Voraussetzung ist, dass es mindestens sechs Beschäftigte des anderen Geschlechts geben muss, die den gleichen oder einen vergleichbaren Job ausüben. Und: Das Entgelttransparenzgesetz liefert nur Auskunft über das Gehalt der Vergleichsgruppe im Mittelwert. „Dieser hat nur begrenzten Aussagewert“, sagt Lincoln.
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Hinzukommt, dass viele Frauen das Gesetz nicht nutzen, weil sie Konflikte mit ihrem Arbeitgeber scheuen. All diese Gründe verleiten den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) dazu, das Gesetz als „zahnlosen Tiger“ zu bezeichnen. Und der DGB rechnete aus: Zwei Drittel der Frauen bringt das Gesetz ohnehin nichts, weil sie in kleineren Betrieben arbeiten.
Wie Friedrich Merz‘ Regierung für mehr Entgelttransparenz sorgen könnte
Beim Thema Equal Pay ist also noch einiges zu tun in Deutschland, glaubt nicht nur Anwältin Sarah Lincoln. Aber sie hat Hoffnung: Eine neue, von Friedrich Merz (CDU) geführte Regierung könnte Besserungen bringen. Bis Anfang Juni 2026 muss eine EU-Richtlinie zu Lohntransparenz in Deutschland umgesetzt werden. Dadurch hätten auch Frauen in kleineren Betrieben Anspruch auf Auskunft über das Gehalt von Menschen in vergleichbaren Jobs – und erhielten konkretere Daten zum Gehalt.
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Arbeitgeber müssten in Stellenausschreibungen außerdem Auskunft über das Einstiegsgehalt oder die Gehaltsspanne geben – ein wichtiger Anker für Gehaltsverhandlungen. Der Optimismus der Juristin ist allerdings verhalten, denn es gibt rechtliche Schlupflöcher bei der Ausgestaltung und Auslegung des Gesetzes, etwa beim Datenschutz.
Equal Pay: Das fordern Linken-Politikerin Heidi Reichinnek und Ricarda Lang (Grüne)
Auch Linken-Co-Vorsitzende Heidi Reichinnek sagt: „Von einem Kanzler Merz erwarte ich nicht viel in Sachen Gleichstellung. Wer lediglich fordert, dass mehr Frauen mehr arbeiten sollen, hat immer noch nicht verstanden, dass das vollkommen an der Lebensrealität und den Bedürfnissen der Familien in diesem Land vorbeigeht.“
Kita-Ausbau, Abschaffung des Ehegattensplittings, Tarifbindung und einen höheren Mindestlohn in von Frauen dominierten Branchen: Die Linke und die Grünen fordern ähnliche Maßnahmen, um das Gehaltsgefälle zwischen den Geschlechtern zu verkleinern. Ricarda Lang, frauenpolitische Sprecherin der Grünen, gibt sich kämpferisch: Die Regierung von Friedrich Merz könne sich darauf verlassen, „dass wir für gleichen Lohn für gleiche Arbeit kämpfen werden – bis der Gender Pay Gap nicht mehr 16, sondern 0 Prozent beträgt.“








