LKW-Fahrer

Experte warnt vor Versorgungsengpässen in Deutschland

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Videografik: Nach dem Brexit - die EU in Zahlen

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Die 27 EU-Staaten haben grünes Licht für das Post-Brexit-Abkommen gegeben. Die Europäische Union umfasst nach dem Austritt Großbritanniens 27 Mitgliedsstaaten mit insgesamt rund 446 Millionen Einwohnern.

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Der Mangel an Fernfahrern sorgt in Großbritannien für Versorgungsengpässe. Das könnte bald auch Deutschland betreffen, so ein Experte.

Berlin. Landwirte bleiben auf ihrer Milch sitzen, in Pubs fehlt der Biernachschub, bei McDonald’s gehen die Milchshakes aus. In Großbritannien fehlen nicht nur Lebensmittel, auch anderen Branchen leiden unter Versorgungs- und Lieferengpässen. Grund dafür ist vor allem der Mangel an Lastwagenfahrern, die die Produkte transportieren. Derzeit fehlen im Land laut Branchenverband Road Haulage Association rund 100.000 Fernfahrer.

Dass so viele Stellen unbesetzt sind, liegt an den Folgen der Corona-Krise und des Brexit. Während der Pandemie haben viele europäische Fahrer, etwa aus Polen oder Rumänien, Großbritannien verlassen und sind zu ihren Familien in ihren Heimatländern zurückgekehrt. Und viele von ihnen werden wohl nicht wieder zurückkehren.

Brexit: Warnung vor Versorgungskollaps

Denn einerseits ist seit dem Brexit die Freizügigkeit für EU-Arbeitskräfte vorbei und es sind aufwendige und teure Visa-Verfahren notwendig. Gleichzeitig werden aber auch in vielen anderen europäischen Ländern Fahrer benötigt, sodass die Anziehungskraft Großbritanniens schwindet. Neue Handelshürden und Kontrollen an der Grenze erschweren die Situation zusätzlich.

Der Fahrermangel beeinträchtigt allerdings nicht nur die Versorgung in Großbritannien, auch andere europäische Länder könnten ihn bald zu spüren bekommen. Der Vorstandssprecher des Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung, Dirk Engelhardt, warnte davor, dass die Engpässe bald auch Deutschland betreffen könnten. „Was in Großbritannien passiert, ist durch den Brexit beschleunigt. Ich gehe aber fest davon aus, dass wir in Westeuropa die gleiche Situation haben werden, nur etwas zeitversetzt“, sagte er gegenüber der Deutschen Presseagentur. „Wir warnen davor, dass wir auch in Westeuropa sehenden Auges in einen Versorgungskollaps laufen.“

Beruf des LKW-Fahrers erscheint immer weniger attraktiv

Bereits jetzt fehlten in Deutschland zwischen 60.000 und 80.000 Lastwagenfahrer - Tendenz steigend. Jährlich gingen rund 30.000 Fahrer in Rente und nur rund 15. 000 Nachwuchskräfte kämen nach. „Es gibt eine weltweite Not an Fahrern.“

Der Mangel hat viel damit zu tun, dass der Beruf des Lastwagenfahrers oder der - bislang noch seltener vorkommenden Lastwagenfahrerin - immer weniger als attraktiv erscheint. Die Gründe: Lange Wartezeiten in Staus, schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ein großer Mangel an geeigneten Parkplätzen, auf denen es sich sicher stehen oder auch duschen und essen lässt. Außerdem werden Lastwagen als große, laute Umweltverschmutzer wahrgenommen, die andere Verkehrsteilnehmer nicht etwa versorgen, sondern eher stören. „Das schlechte Image treibt die Fahrer um. Wir brauchen eine neue Wahrnehmung des Berufs“, meint Engelhardt.

Versorgungsengpässe in Deutschland könnten alle Branchen und Bereiche betreffen

Es müsse sich allerdings dringend etwas ändern, ansonsten könnte es auch in Deutschland zu schwerwiegenden Problemen kommen, meint Engelhardt. Er plädiert mit Blick auf Deutschland für die Genehmigung längerer Lastwagen, in denen Fahrer mit integrierten Sanitäranlagen und besserer Ausstattung autarker ihre Ruhezeiten verbringen können. Ansonsten könnten die Menschen auch in Deutschland bald vor leeren Supermarktregalen stehen. „Die Versorgungsengpässe in Deutschland könnten alle Branchen und alle Bereiche betreffen,“ erklärte Engelhardt auf Nachfrage dieser Redaktion. „Wir reden hier von einer Situation vergleichbar mit der ersten Corona-Welle. Das bedeutet, dass ganze Segmente im Supermarkt fehlen könnten.“

Die Bereiche, in denen sich die Lieferangpässe als erstes bemerkbar machen könnten, wären dann laut Dirk Engelhardt „nicht nur der Lebensmitteleinzelhandel, sondern genauso auch Apotheken und Baustoffe“. (dpa/csr)