Sozial-Unternehmen

Nachhaltig, innovativ, aber mit Geldsorgen

Sozial-Unternehmen zielen nicht auf schnelle Gewinne, sondern arbeiten an der Lösung gesellschaftlicher Probleme.

SEND-Vorsitzender Markus Sauerhammer: „Berlin ist der globale Hotspot für Social-Entrepreneurship.“

SEND-Vorsitzender Markus Sauerhammer: „Berlin ist der globale Hotspot für Social-Entrepreneurship.“

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. In Deutschland arbeiten immer mehr Unternehmen daran, gesellschaftliche Herausforderungen wie den Klimawandel zu lösen. Das geht aus dem zweiten Deutschen Social Entrepreneurship Monitor hervor, der am Freitag in der Hauptstadt vorgestellt wurde. An der Befragung, die von dem Verband Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND), der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und dem Unternehmen SAP durchgeführt wurde, hatten sich insgesamt 212 Firmen beteiligt.

Der Anteil der sogenannten Sozial-Unternehmen, die von Berlin aus ihr Geschäft aufbauen, ist demnach weiter gewachsen. Laut der Umfrage hat etwa ein Drittel der Firmen seinen Sitz in der Bundeshauptstadt. Ein Jahr zuvor lag der Anteil der Berliner Sozial-Unternehmen an allen Firmen aus dem Wirtschaftszweig im Bundesgebiet bei lediglich 22 Prozent.

Sozial-Unternehmen: Berlin ist ein globaler Hotspot

„Berlin ist der globale Social-Entrepreneurship Hotspot. Das ist durch die jüngste Studie erneut belegt worden“, sagte der SEND-Vorsitzende Markus Sauerhammer am Freitag. Sauerhammer betonte zudem die politischen Bemühungen auf Berliner Landesebene, die Sozial-Unternehmen zu unterstützen. „Es ist wirklich Aufbruchstimmung festzustellen“, erklärte er.

Der Studie zufolge haben 61 der befragten Sozial-Unternehmen ihren Sitz in Berlin. Die Investitionsbank Berlin (IBB) hatte den Firmen aus dem Bereich Ende 2018 eine „hohe wirtschaftliche Relevanz“ bescheinigt. Nach Angaben der IBB gehörten damals rund 8500 Unternehmen mit etwa 185.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten dem privaten, aber nicht gewinnorientierten Wirtschaftsbereich an. 5,8 Prozent der gesamten Berliner Wirtschaftsleistung wurden von diesen Unternehmen erwirtschaftet. Darin enthalten waren aber auch karitative Träger und Wohlfahrtsverbände.

Land Berlin hat Förderprogramme für Sozial-Unternehmen geöffnet

Um den Wirtschaftszweig weiter zu unterstützen, hatte das Land darüber hinaus auch seine Wirtschaftsförderprogramme für Sozial-Unternehmen geöffnet. „Berlin ist auch hier Vorreiter: Unter den deutschen Ländern liegt Berlin bei Unternehmen der sozialen Ökonomie an erster Stelle. Ich freue mich, dass wir nun auch Social Entrepreneurs mit ihren innovativen Ideen im Rahmen der Wirtschaftsförderung unterstützen können“, erklärte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) daraufhin.

Laut der neuen SEND-Studie ist aber vor allem die Finanzierung für Sozial-Unternehmen noch immer ein Problem. Eine Startfinanzierung, Anschlussfinanzierung und der Zugang zum Finanzmarkt stellten sich für die Hälfte der befragten Unternehmen als schwierig dar. Für den Aufbau der eigenen Firma nutzten demnach 73 Prozent der Sozial-Unternehmen Ersparnisse, 30 Prozent verwendeten zusätzlich noch Geld von Familienangehörigen oder Freunden. Lediglich 23 Prozent der Sozial-Unternehmer gaben an, staatliche Förderprogramme zur Finanzierung der Gründung in Anspruch genommen zu haben. Doch auch nach der Gründungsphase sind die Einnahmen für viele Firmen überschaubar: Durchschnittlich nimmt ein Sozial-Unternehmer lediglich 5800 Euro im Monat ein.

Gesellschaftliche Wirkung bedeutender als finanzielle Rendite

Der wichtigste Treiber für den Aufbau eines Sozial-Unternehmens ist das Lösen gesellschaftlicher Herausforderungen. Felder, in denen die Gründer eine positive Wirkung erzielen wollen, waren „Hochwertige Bildung“ (46 Prozent), „Nachhaltige/r Konsum und Produktion“ (45 Prozent), „Gesundheit und Wohlergehen“ (44 Prozent) und „Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum“ (43 Prozent).

84 Prozent der Befragten gaben an, dass das Erzielen der gesellschaftlichen Wirkung für sie bedeutender ist als das Erzielen finanzieller Rendite. Deswegen investieren nahezu 82 Prozent der Social Entrepreneurs ihre Gewinne wieder in ihre eigene Organisation, anstatt sie für private Zwecke auszuschütten.

Noch gibt es keine Rechtsform, die die Tätigkeiten von Sozial-Unternehmen vereint

Ganz ähnlich arbeitet auch Quartiermeister, eine soziale Biermarke aus Berlin. 10 Cent je Liter fließen an soziale Projekte in den Nachbarschaften. Quartiermeister besteht aus einem Verein und einer GmbH. Die GmbH kümmert sich um unternehmerische Belange wie Produktion, Logistik, Verkauf und Vermarktung der Biere. Der Verein ist für die Fördermittelvergabe zuständig, ermöglicht Partizipation und bildet die soziale und gesellschaftspolitische Komponente, so Gründer David Griedelbach.

Er habe sich für diese Struktur entschieden, da es keine Rechtsform gebe, die beide Komponenten, also das Unternehmerische und das Soziale, in einem Konstrukt vereine. Die GmbH arbeite für das Gemeinwohl, könne aber aus steuerrechtlicher Sicht nicht gemeinnützig sein. „Wir erwirtschaften Profite, die allerdings nicht in private Taschen wandern, sondern in die Gesellschaft zurückfließen“, erklärte der Gründer.

Deutschlandweit stehen Sozial-Unternehmen immer wieder wegen des Fehlens eines passenden Rechtsform vor Herausforderungen. Andere Länder sind da schon weiter: Europaweit haben 19 Nationen mittlerweile eigene Rechtsformen für Sozial-Unternehmen entwickelt.