Markus Sauerhammer

Warum Berlin für Social-Start-ups eine Vorreiterrolle hat

Markus Sauerhammer, Verbandschef der Sozial-Unternehmer, über Fehler der großen Konzerne und Berlins Hilfe für Social-Start-ups.

Markus Sauerhammer ist Vorsitzender des "Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e. V. "

Markus Sauerhammer ist Vorsitzender des "Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e. V. "

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Sozial-Unternehmen wollen mit ihrer Geschäftsidee nicht nur Geld verdienen. Markus Sauerhammer, Vorstand des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland (SEND), spricht im Interview über die Vorreiterrolle Berlins, Fehler der alten Wirtschaft und die Vorbildfunktion sozial orientierter Unternehmen.

Die junge Generation fordert in Deutschland lautstark ökologisches und nachhaltiges Handeln ein – nicht nur in Bezug auf den Klimaschutz. Ist das bei der Wirtschaft denn schon angekommen?

Markus Sauerhammer: Wir befinden uns in einer Umbruchphase. Viele Akteure reden gerade stärker über den Zweck ihres Handelns und darüber, dass sie Teil der Lösung sein wollen. Der Konzern Unilever etwa hat gerade verkündet, Handelsmarken abzustoßen, die nicht gesellschaftlich und ökologisch positiv sind. Das geschieht aus meiner Sicht aber eher aus betriebswirtschaftlichen Zwecken, auch, weil der Verbraucher nicht mehr alles glaubt, was die Unternehmen verkünden. Das spannende ist ja, dass die Welt durch die Digitalisierung transparent geworden ist. Jeder ist vernetzt und deswegen wird es für Firmen immer schwerer, Wertschöpfungsketten, die nicht nachhaltig sind, zu verstecken.

Viele Firmen bemühen sich, auf die Diskussionen um den Klimawandel aufzuspringen. Zalando etwa will Verpackungen mehrmals nutzen. Starbucks nimmt fünf Cent auf Coffee-to-go- Becher. Wie sehen Sie diese Bemühungen?

Die Frage ist, wie ernst es die Unternehmen meinen. Ein ganz gutes Beispiel ist das Berliner Unternehmen „Original Unverpackt“. Das ist damals belächelt worden. Mittlerweile gibt es mehr als 100 Unverpackt-Supermärkte in ganz Deutschland. Als Reaktion darauf fallen jetzt auch bei immer mehr etablierten Lebensmittelhändlern Verpackungen weg und auch die Politik reagiert und fragt, wie Verpackungsmüll reduziert werden könnte. Die Pionierarbeit startet also im Kleinen. Aus meiner Sicht hat Sozial-Unternehmertum auch viel mit Transformationshilfe zu tun. Diese Firmen beweisen, dass etwas funktioniert und die etablierten Akteure schauen genau hin.

Kann man von den weltumspannenden Konzernen nicht aber eigentlich eine Vorreiter-Rolle erwarten?

Ein wichtiger Punkt dabei sind die Belohnungseffekte, die es am Kapitalmarkt gibt. Ein Börsenmakler wird nach finanzieller Rendite bezahlt. Er bekommt aber keinen Bonus, wenn er soziale oder ökologische Kriterien erreicht. Ähnlich ist das bei Vorständen in Unternehmen. Bislang stehen nur finanzielle Kennzahlen im Fokus, aber nicht, ob ein Unternehmen etwas im Bereich Klimaschutz, Nachhaltigkeit oder mit Blick auf soziale Gerechtigkeit bewegt hat. Die Belohnungseffekte müssen sich also verändern.

Welchen Einfluss kann ein Staat darauf nehmen?

Der Staat hat enormen Einfluss, weil er ja für die Rahmenbedingungen sorgt. Derzeit ist es so, dass ökologische und soziale Kosten am Markt externalisiert sind, also nicht mit eingebunden. Wenn wir da nicht Rahmenbedingungen schaffen, in denen diese sozialen und ökologischen Themen inkludiert sind, dann tun viele Unternehmen weiterhin nur so, als ob sie etwas gegen die gesellschaftlichen Probleme tun würden.

Wie müssten die Rahmenbedingungen aussehen?

Die CO2-Steuer ist ein Baustein. Es ist richtig, den klimabelastenden Stoffen einen Preis zu geben und auch klar zu machen, dass es teurer wird. Denn so rentiert es sich auch für die Unternehmen, in Zukunft in ökologische Lösungen zu investieren. Die Firmen, die das bereits jetzt berücksichtigen, machen das ja nicht wegen, sondern trotz der Rahmenbedingungen.

Das bezieht sich aber nicht nur auf ökologische Rahmenbedingungen?

Genau. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen, wie etwa der Mindestlohn, gehören genauso dazu. Wichtig dabei ist aber, nicht nur vor unserer eigenen Haustür zu schauen, sondern in globalen Wertschöpfungsketten zu denken. Wenn wir Länder haben, in denen Kinderarbeit immer noch Usus ist, und die Klamotten am Ende dann bei uns in den Läden landen, sind wir Teil des Problems. Als Verbraucher habe ich aber gar nicht die Möglichkeit, mich so umfassend zu informieren. Dementsprechend könnte hier ein Gesetzgeber entsprechend einwirken.

Wie steht Berlin im Bereich Sozial-Unternehmertum da?

Berlin ist schon jetzt der globale Hotspot für Sozial-Unternehmertum, obwohl Deutschland insgesamt bei der zuletzt veröffentlichten Studie „The best country to be a social entrepreneur“ weit zurückgefallen ist gegenüber den anderen wirtschaftlich stärksten Nationen der Welt. In Berlin aber haben wir auf einmal einen guten Boden. Das liegt auch an der Geschichte dieser Stadt. Hier sind Kommunismus und Kapitalismus aufeinander getroffen, Menschen aus Ost und West leben heute hier zusammen und bringen unterschiedliche Blickwinkel in die Diskussion ein. Hier ist die Welt nicht schwarz und weiß. Berlin ist zudem ein digitales Zentrum, das heißt, es gibt auch viele Leute, die extra wegen dieses Transformationsprozesses in diese Stadt kommen. So entsteht eine Mischung für ein zukunfts- und lösungsorientiertes Denken, das so an anderen Orten nicht vorhanden ist.

Berlin will zu einem sogenannten Impact State werden. Was bedeutet das?

Das bedeutet ein klares Bekenntnis. Die niederländische Stadt Den Haag hat sich offiziell so genannt. Diese Stadt möchte sich also genau auf diese Themen fokussieren. Berlin arbeitet auch gerade an einer Social-Innovation-Strategie und kann so dazu beitragen, eine Wirtschaft zu formen, die nicht nur nach den klassischen Prinzipien des Kapitalmarkts funktioniert.

Welche Folgen würde es haben, wenn Berlin zum Social Impact State würde?

Sozial-Unternehmer und klassische Gründer haben immer noch unterschiedliche Voraussetzungen. In der klassischen Start-up-Welt gibt es Gründerzentren, Lehrstühle an Universitäten, es gibt von der öffentlichen Hand flankierende Instrumente in alle Richtungen und Gründungsberatung. Diese Dinge gibt es für die meisten sozialen Innovationen nicht. Ähnlich ist das auch bei Finanzierungen. Es gibt kein soziales Risikokapital, um Innovationen in dem Bereich voranzubringen. Das muss sich alles ändern.

Das heißt, bestehende Investoren schauen zu viel auf das Geld?

Ja, die meisten sind gewinnmaximierend orientiert in Bezug auf finanzielle Rendite. Sozial-Unternehmer hingegen sind gewinnmaximierend orientiert mit Blick auf die gesellschaftliche Rendite, also die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen. Es ist doch verrückt. Wenn ein Unternehmer zum Beispiel eine digitale Plattform zur Vermittlung von Pflegekräften gründet und er das mit einem kapitalmarktgetrieben Ansatz macht, dann bekommt er fast ohne Probleme Investitionszuschüsse oder öffentliches Wagniskapital. Wenn dieser Unternehmer aber genau die identische Plattform mit einem gemeinwohlorientierten Ansatz gründet, bei dem also die Überschüsse nicht an die Anteilseigner, sondern in die Lösung des Problems fließen, dann gibt es dafür keine Instrumente in Deutschland. Anders ist das in Großbritannien oder Frankreich, wo es mittlerweile milliardenschwere Fonds für soziale Innovationen gibt. In Deutschland hat die Bundesregierung im Haushalt für das Jahr 2020 ein Budget von 17 Millionen Euro für soziale Innovationen hineingeschrieben. Das sagt, wir tun so als ob, aber wir handeln nicht richtig. Dabei waren wir schon mal weiter.

Wie meinen Sie das?

Nach der industriellen Revolution hat Deutschland die neue Art der Wirtschaft erfunden. In den Anfängen der sozialen Marktwirtschaft war Deutschland ja im Grunde ein sozialer Innovator. Damals sind Genossenschaften entstanden, ebenso Wohlfahrtsorganisationen und Gewerkschaften. Krankenversicherungen, Unfallversicherungen und Altersvorsorge stammen auch aus der Zeit. Jetzt haben wir ein Stückweit aufgehört, die Zukunft zu gestalten. Aber eigentlich müssen wir nur in die Fußstapfen treten, von dem, was wir gut gemacht haben.

Die Investitionsbank Berlin (IBB) hat die hauseigenen Förderprogramme Ende des vergangenen Jahres auch für Unternehmen, die mit ihren Einnahmen in erster Linie gesellschaftliche Herausforderungen lösen wollen, geöffnet. Wie stark greifen hiesige Sozial-Unternehmen auf das neue Angebot zurück?

Wenn jemand was Neues macht, ist es am Anfang nicht perfekt. Das ist immer ein Prozess. Es gab einige Anträge. Für die einzelnen Phasen ist aber noch einiges an Arbeit zu leisten. Das zeigt auch, dass Institutionen der öffentlichen Hand noch viel lernen müssen im Bereich agilere Produktentwicklung. Die IBB ist schon sehr gut. Aber andere Bundesländer sind auf dem Weg noch nicht so weit.

Wie viele Sozial-Unternehmen gibt es derzeit in Berlin?

Deutschland hat ja noch nicht mal definiert, was überhaupt Sozial-Unternehmen sind. Deswegen ist es auch schwierig mit der Zahl. Wir als Verband haben keine Zahlen, aber dieses Jahr eine erste Definition erstellt. Das ist unser Aufschlag und jetzt arbeitet die Bundesregierung gerade an einem Antrag und ich bin davon überzeugt, dass die Definition ein Teil davon sein wird. Ansonsten wären alle anderen Punkte schwierig. Ich glaube, dass der volle Handlungsdruck aber erst da sein wird, wenn die Probleme größer werden. Historisch sind wir das erste Mal in der Lage, eine Umbruchphase positiv gestalten zu können und auch so, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt erhalten bleibt. Dafür muss die Politik aber endlich vom Reden ins Handeln übergehen.

Wie erfolgreich sind Sozial-Unternehmen in Deutschland gerade?

Die Frage ist, wie wir Erfolg definieren und messen. In Wirtschaft und Politik fokussiert man sich bislang vor allem auf finanzielle Kennzahlen. Bei den Lösungen gesellschaftlicher Herausforderungen geht es aber vorrangig darum, welche Wirkung Maßnahmen zur Lösung dieser beitragen. Da sich viele an finanziellen Kennzahlen festklammern, begeistert mich, dass die Non-Profit-Organisation Ashoka dieses Jahr anhand konkreter Beispiele das Milliardenpotenzial Sozialer Innovationen für uns als Gesellschaft berechnet hat. Ich will mir gar nicht ausmalen, welche gesellschaftlichen Mehrwerte wir gemeinsam mit den etablierten Akteuren schaffen können, wenn es endlich vernünftige Rahmenbedingungen für Soziale Innovationen gibt.

Es gab vor einigen Wochen einen Tweet des Satirikers Jan Böhmermann, der auch zeigte, dass Sozial-Unternehmertum noch nicht in den Köpfen der Gesellschaft angekommen ist.

Komplett. Allerdings setzt sich der Großteil der Gesellschaft nicht mit Zukunftsthemen auseinander. Stattdessen sind wir sehr sicherheitsorientiert. „German Angst“ ist ein geflügeltes Wort in der Start-up-Szene. Wenn wir nicht endlich anfangen, unsere Herausforderungen klar zu benennen und mutig Lösungen im Sinne der Gesellschaft zu entwickeln, wird uns das in den nächsten Jahren um die Ohren fliegen. Wir haben Jan Böhmermann ein Gesprächsangebot unterbreitet und wollen ihm zeigen, was Sozial-Unternehmen eigentlich mit ihren Gewinnen machen und welche Probleme sie lösen. Wir sind aber froh über die Debatte. Momentan kann sich ja jeder Social-Start-up nennen. Aufgabe der Politik ist endlich, klar zu definieren, was das ist. Bisher hat man sich davor gedrückt. Das Thema war zuerst beim Arbeitsministerium, dann beim Familienministerium und jetzt ist es beim Wirtschaftsministerium angedockt. Jeder ist so ein bisschen zuständig, aber keiner hat bisher die Hausaufgaben gemacht.

Zur Person

Markus Sauerhammer stammt aus Franken und ist gelernter Landwirt. Nach der Ausbildung auf dem Bauernhof holte er sein Abitur nach und studierte später in München, Leipzig und im kalifornischen Berkeley.

Nach dem Studium gründete er zunächst selbst ein Unternehmen und baute auf einem Feld bei Garching eine Art Freizeitpark auf. Dort gab es unter anderem ein Freiluftlabyrinth mit Infotafeln und einem Quiz zum Thema Nutzhanf, dazu ein Shop mit Hanfprodukten aller Art und ein Biergarten mit kühlem Hanfbier und leckeren Hanf-Burgern. Schon im ersten Jahr kamen mehr als 20.000 Besucher.

Vor vier Jahren kam er nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt gründete er das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND), dessen Vorsitzender er heute ist.