Terroranschläge wie zuletzt in der Türkei und in Frankreich sind schlecht für die Luftfahrt. Kunden bleiben zu Hause, wenn es ihnen möglich ist, oder reisen mit dem Auto ins Allgäu statt mit dem Flieger nach Antalya. Das erlebt auch Air Berlin, wie ein Unternehmenssprecher bestätigte. „Das geht aber allen so“, sagte er. Doch das macht die Sache nicht besser: Denn bei Air Berlin ist Krise. Die Sanierung des angeschlagenen Unternehmens kommt nicht so schnell in Gang wie erhofft. Auch die jüngsten Zahlen machten wenig Hoffnung auf eine baldige Genesung von Deutschlands zweitgrößter Airline: Die Passagierzahlen sind binnen einem Jahr um 7,6 Prozent gesunken, die Zahl der Flugkilometer um 8,8 Prozent. Die ganze Aufmerksamkeit richtet sich jetzt auf den 28. April, wenn Unternehmenschef Stefan Pichler den Geschäftsbericht 2015 vorlegen wird.
Jetzt wird bei Air Berlin laut „Handelsblatt“ ein Abschied von der Börse durchgespielt. Die Großaktionäre, allen voran die staatliche arabische Fluglinie Etihad, diskutierten Modelle, wie sie Air Berlin von der Börse nehmen können, ohne die Mehrheit an dem Unternehmen zu erwerben, hieß es in dem Bericht unter Berufung auf Insider. Etihad hält 29,2 Prozent der Air-Berlin-Aktien. Denkbar sei ein Zusammenschluss mit der italienischen Fluglinie Alitalia, an der die Araber knapp die Hälfte der Anteile halten. Am Abend erklärte eine Etihad-Sprecherin: „Spekulationen über die Zukunft von Air Berlin (...), sind lediglich eine Wiederholung von unbegründeten Behauptungen, wie sie bereits mehrfach in der Vergangenheit aufgestellt wurden. Etihad Airways kommentierte bisher keine Gerüchte oder Spekulationen und wird dies auch weiterhin nicht tun.“
Etihad kann als nicht europäisches Unternehmen Air Berlin kaum mehrheitlich übernehmen, denn dann gingen die Start- und Landerechte der deutschen Fluglinie verloren. Träte Alitalia als Käufer auf, würde dieses Problem möglicherweise umgangen. Air Berlin hatte im Jahr 2014 den höchsten Verlust ihrer Geschichte eingeflogen. Auch 2015 steckte das Unternehmen in den ersten neun Monaten in den roten Zahlen.
Allerdings kämpft auch Alitalia mit Problemen. Nachdem sich Air Berlin schon seit Längerem nur dank Geldspritzen vom Persischen Golf in der Luft hält, trat Etihad auch bei Alitalia als Retter auf. Die Araber brauchen die europäischen Partner für Zubringerflüge zu ihrem Drehkreuz Abu Dhabi. Etihad darf in der EU nur eine beschränkte Zahl von Flugzielen ansteuern.
Zuletzt hatte Air Berlin seine Piloten verärgert, weil die Airline die Bezahlung ihrer künftigen Überstunden in den Sommer verschoben hat. Nur noch geleistete Überstunden würden sofort bezahlt, hieß es im Unternehmen unter Berufung auf den geltenden Tarifvertrag. Die Verhandlungen mit der Pilotenvereinigung Cockpit über diese Frage laufen. Ergebnisse könnte es Ende der Woche geben, hieß es bei Cockpit. Zuvor war bekannt geworden, dass die 1250 Flugzeugführer des Unternehmens im laufenden Jahr auf ihre bereits im Jahr 2013 ausgehandelte Gehaltserhöhung von vier Prozent verzichten sollen. Zudem würden die Bezüge von Firmenchef Stefan Pichler und rund 80 Führungskräften um fünf bis zehn Prozent gekürzt, hatte der „Spiegel“ berichtet.
Dabei hatte es Mitte Januar nach dem Sieg von Etihad und Air Berlin im Rechtsstreit um die sogenannten Codeshare-Flüge vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg nach Entspannung ausgesehen. Das von Air Berlin entworfene Horrorszenario von Umsatzausfällen in Höhe von mehr als 140 Millionen Euro oder gar vom Verlust von 8000 Arbeitsplätzen war zunächst vom Tisch.
mit dpa

