Die jüngere Geschichte von VW-Chef Martin Winterkorns ist die Geschichte eines Verlassenen. Eines taumelnden Königs, der vom Kaiser im Stich gelassen wurde: Erste tiefe Risse bekam Winterkorns Welt, als er Anfang April vom damaligen VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch attackiert wurde.
Dazu reichte dem Patriarchen ein Satz: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“, gab er zu Protokoll. Was daraus folgen soll, hat er bis heute nicht konkretisiert. Zwar hat Winterkorn diesen Machtkampf dank der Unterstützung des Landes Niedersachsen und des VW-Betriebsrats, die beide im VW-Aufsichtsrat vertreten sind, zunächst gewonnen. Doch den Eindruck eines Siegers vermittelt Winterkorn nicht. Er wirkt bei seinen Auftritten fahrig. Bei seiner Rede am Vorabend der IAA-Eröffnung verhaspelte er sich und rang nach Worten. Das hatte es noch nicht gegeben.
Fehlender Ziehvater
Tatsächlich ist die Belastung für den Konzernlenker enorm. Da sind die Renditeerwartungen der Aktionäre, vor allem der Familien Porsche und Piëch als Hauptaktionäre. Winterkorn war beruflich immer Ziehsohn des mächtigen Ferdinand Piëch. Dank seiner Förderung ist Winterkorn zum Vorstandschef von Volkswagen aufgestiegen. Seit April nun fehlt dieser Rückhalt. Piëch hat sich nach seiner Niederlage zurückgezogen. Allerdings ist er als VW-Großaktionär nicht machtlos. So war er zum Beispiel bei der Berufung des neuen VW-Aufsichtsratschefs eingebunden.
An die Spitze des Kontrollgremiums soll nun der bisherige Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch rücken. Pikant: Ursprünglich war Winterkorn für diesen Posten vorgesehen. Eben weil sich Piëch so abschottet, weiß niemand, ob er nicht doch noch einmal angreift, um den Volkswagen-Konzern in seinem Sinne zu gestalten. Und das sorgt in der Wolfsburger VW-Zentrale für große Unsicherheit. Ohnehin hat es der Konzern verpasst, sich frühzeitig darauf einzurichten, dass die Ära der Doppelspitze Piëch/Winterkorn endlich ist.
Das rächt sich jetzt, ein Nachfolger für Winterkorn ist derzeit nicht in Sicht. Am Mittwoch gibt es eine Sondersitzung des Aufsichtsratspräsidiums zum Thema „Diesel-Gate“ in den USA. Und Winterkorns Vertragsverlängerung steht auf der regulären Aufsichtsratssitzung am Freitag auf der Tagesordnung. Ob er den Posten allerdings noch lange ausführen wird, bezweifeln viele.
Topmanager fordert Winterkorn auf, Konsequenzen zu ziehen
Der ehemalige Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger fordert VW-Chef Winterkorn auf, die Konsequenzen aus dem Skandal um manipulierte Abgaswerte zu ziehen. „Es wird Zeit, dass Winterkorn seinen Hut nimmt und jemand Neues kommt, der das Unternehmen durchkehrt“, sagte Sattelberger der Berliner Morgenpost. „Er sollte zurücktreten, weil er die Verantwortung für das ganze System VW trägt.“ Sattelberger kennt die Welt der Autokonzerne aus seiner Zeit als Continental-Manager.
„Die Fäulnis, die sich im aktuellen Skandal zeigt, ist nur die Spitze des Eisbergs“, meint Sattelberger. VW sei „ein Unternehmen des Befehls und des Gehorsams, getrimmt auf Masse und Effizienz, welches diktatorisch regiert wird und schon etliche Skandale produziert hat“, sagt der Manager. „Winterkorn ist ein Produkt des alten Systems“, meint Sattelberger. „Das kulturelle Betriebssystem bei VW muss durchgefegt werden.“ Winterkorns Konzern habe die Verbraucher betrogen und die Politik betrogen, die Verbraucher schützen solle, sagte Sattelberger. „VW befindet sich in einer existenziellen Reputationskrise. Das Bild von Volkswagen als ehrbarem Kaufmann ist tiefgreifend beschädigt.“
Winterkorn sei „mitverantwortlich für eine Angstkultur bei VW“, meint Sattelberger. Der VW-Chef habe „zusammen und im Gefolge von Piëch eine Betriebskultur geschaffen, in der Überbringer von schlechten Nachrichten geköpft werden, selbst wenn sie dafür nicht verantwortlich sind“, behauptet Sattelberger. Dies könne zu gravierenden Problemen führen, wenn problematische Entwicklungen in der Konzernhierarchie nicht mehr nach oben gemeldet würden. „Keiner getraut es sich, so etwas dem Herrscher zu sagen“, sagt Sattelberger.



