Manipulationen

Die VW-Methode: Wie Autobauer tricksen

Volkswagen ist kein Einzelfall. Auch andere Hersteller stehen unter Verdacht. Die Regierung ist alarmiert. Die EU macht Druck.

Einmal säubern, bitte!

Einmal säubern, bitte!

Foto: Friso Gentsch / dpa

Ein deutscher Weltkonzern, der bei Abgastests betrügt, erschüttert momentan die gesamte Autobranche sowie das Vertrauen der Kunden und Anleger. VW-Aktien verloren am Montag dramatisch – innerhalb kürzester Zeit verpufften rund 15 Milliarden Euro oder mehr als 20 Prozent an Börsenwert. Und VW? Trommelt am selben Abend für ein rauschendes Fest in New York: Vor rund 700 geladenen Gästen will VW-Amerika-Chef Michael Horn den neuen Passat präsentieren, auch wenn die Dieselvariante gerade nicht verkauft werden darf – es fehlt die Zulassung durch die Umweltbehörde EPA. Und während VW in New York die kostspielige Show mit Rockstar Lenny Kravitz trotz großer interner Bedenken ins Werk setzt, geht es in Europa längst um schmutzige Details: Hat VW auch auf dem Heimatkontinent manipuliert? Und die anderen Hersteller?

Die ernüchternde Antwort: Auch bei Abgastests in Europa werden offenbar die Schadstoffwerte nach unten manipuliert. Nach Erkenntnissen der Verkehrs- und Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) rüsten die führenden Hersteller ihre Dieselfahrzeuge so aus, dass sie bei Tests gezielt den Ausstoß von Stickoxid drücken. Im Normalbetrieb auf der Straße liegt der Wert erheblich höher.

Auch deutsche Autos „merken“, wenn sie getestet werden

„Es gibt substanzielle Hinweise, dass Autos merken, wenn sie getestet werden, und Austrickstechnik einsetzen, um die Emissionen zu drosseln“, heißt es in einem neuen Report der Organisation. Das vom Dieselmotor produzierte Stickoxid kann zum großen Teil durch den Zusatz einer Katalysator-Flüssigkeit („AdBlue“) neutralisiert werden. Davon braucht man aber rund zwei Liter pro 1000 Kilometer, was sich die Hersteller aus Kostengründen gern sparen. „Es besteht starker Verdacht, dass die Autos nur während der Tests die erforderliche Menge einsetzen, um die Emissionen niedrig zu halten, aber viel weniger auf der Straße“, erklärt T&E.

Seit dem 1. September gelten in der EU für alle Neuwagen die niedrigeren Emissionswerte der Norm Euro 6. Für Diesel-Pkw sind das 80 Milligramm Stickoxid pro Kilometer. Das soll unter „normalen Fahrbedingungen“ nachgewiesen werden. Die dafür benötigten RDE-Tests (Real-World Driving Emissions), die sämtliche Einsatzvarianten abdecken wie etwa auch den höheren Schadstoffausstoß im Kaltlauf, stehen aber noch nicht zur Verfügung.

In den USA deklariert der Hersteller die Einhaltung der Normen. Die Selbstzertifizierung wird aber durch Stichprobentests der Aufsichtsbehörde EPA ergänzt. In der EU nehmen Gutachter wie etwa der TÜV die Messungen im Auftrag der Firmen vor. Auf Basis der Ergebnisse erteilt das Kraftfahrtbundesamt eine Genehmigung für die Typenzulassung in Europa.

Nach Auffassung von Kritikern ist das europäische System anfälliger für Manipulationen als das amerikanische. „Die europäischen Behörden müssen ein umfassendes Programm zur Identifikation von Austrickstechnik in Gang setzen“, fordert T&E-Experte Greg Archer. „Wo so etwas entdeckt wird, muss das Modell vom Markt genommen und der Kunde entschädigt werden.“

Nach dem T&E-Report erfüllt derzeit nur jedes zehnte Fahrzeug tatsächlich die Euro-6-Norm. Der Befund gelte für alle großen europäischen Marken. Am drastischsten sei die Überschreitung der Grenzwerte bei Audi und Opel. Sie liege im Extremfall 22-mal höher als das zugelassene Limit. Nach den Feststellungen von T&E investieren die Hersteller in die Entgiftungstechnologie in Europa weniger als bei ihren Modellen für den US-Markt. Fazit: Moderne Diesel-Pkw sind häufig nur im Labor richtig sauber. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie der Umweltorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT) und des ADAC: Hier versagten viele Modelle, sobald die Prüfprozedur von den Normvorgaben abwich. Von 32 Kandidaten überzeugten im realitätsnäheren Verfahren nur zehn mit sauberem Abgas. Die Pkw von Volvo lagen zum Beispiel 15-fach über dem Grenzwert, Renault-Modelle überschritten ihn neunfach und Hyundai-Pkw siebenfach. Modelle von Audi brachten das Dreifache des Grenzwerts.

Offenes Geheimnis, dass auch andere Hersteller manipulieren

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) fordert, sämtliche Dieselmodelle neuerer Bauart zu kontrollieren. „Alle Dieselfahrzeuge, die die neue Euro-6-Norm erfüllen, müssen auf den Prüfstand“, sagte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. Die Kosten für entsprechende Rückrufe und eventuell notwendige Nachrüstungen müssten die Hersteller übernehmen. „Dem Kunden sind schließlich entsprechende Grenzwert-Einhaltungen garantiert worden.“

Auch der BUND-Chef kritisiert die Messverfahren in Deutschland: „Im Testbetrieb schneiden Dieselfahrzeuge oftmals besser ab als im Realbetrieb, weil beispielsweise die Testmessungen nur bis zu einer Maximalgeschwindigkeit von 120 Stundenkilometer durchgeführt werden.“ Auf Autobahnen werde aber viel schneller gefahren. Daher müssten alle Autos ab sofort im Realbetrieb auf Schadstoffe getestet werden.

Es sei naheliegend, „dass neben VW auch andere Hersteller manipulieren, und zwar auch in Europa“, so Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes Nabu. Seine Organisation kritisiere seit Langem, dass die Abgaswerte vieler Fahrzeuge nur auf dem Prüfstand eingehalten und in der Praxis deutlich überschritten würden. Die EU-Kommission und die Bundesregierung müssten dem nun nachgehen, Abgastests anpassen „und diese um Messungen im realen Fahrbetrieb erweitern“.

„Es ist schon lange ein offenes Geheimnis, dass im Autobereich mithilfe von Tricksereien die Verbrauchswerte von Pkw bei Testfahrten so niedrig gehalten werden, wie sie unter wahren Bedingungen niemals sein könnten“, sagte Martin Häusling, Europa-Abgeordneter und Grünen-Obmann im Umweltausschuss. „Die Gelackmeierten sind die Käufer und die Umwelt“, sagt er. Die einen, weil sie mehr zahlen müssten. Die anderen, weil der erhöhte Spritverbrauch zu mehr Abgasen führt.

Vielleicht hilft bei VW ja der Blick in die eigene Imagebroschüre zum angeblich sparsamen Schadstoffausstoß. Sie heißt: „Verantwortung übernehmen“. Das wäre doch mal ein Anfang.