Es ist eine an sich eher einfache Nachricht, wie sie in der Wirtschaft, zumal in der Berliner, recht häufig ist: Ein Unternehmen will einen Investor beteiligen, um das Geschäft kräftig auszuweiten. Nur dass es hier nicht um eine der vielen frisch gegründeten Firmen mit drei dynamischen Mittzwanzigern an der Spitze handelt, sondern um eine der bekanntesten Berliner Gesellschaften, noch dazu eine, die seit Jahren darauf pocht, Familienunternehmen im besten Sinn des Wortes zu sein: die Recyclinggruppe Alba mit den Brüdern Axel und Eric Schweitzer an der Spitze. Und der Hauptgrund für den Sinneswandel ist China.

Bereits seit rund 20 Jahren ist Alba im Reich der Mitte aktiv und arbeitet mit chinesischen Unternehmen zusammen. Einen Teil ihrer Sekundärrohstoffe vermarkten die Berliner in China. Sekundärrohstoffe sind zum Beispiel Kupfer und Aluminium, die aus Schrott gewonnen werden. Jetzt will Alba aber mehr. „China ist inzwischen die größte Volkswirtschaft der Welt. Wachstum und steigender Konsum ziehen steigende Abfallmengen nach sich“, sagt Axel Schweitzer. Da entwickele sich schnell auch ein Abfallproblem – mit entsprechender Nachfrage nach Lösungen.

Hier will Alba ansetzen. „Berliner Technologien, etwa die Herstellung von grüner Kohle aus Hausabfall, treffen auf sehr großes Interesse, treffen auf eine sehr hohe Nachfrage“, sagt Schweitzer. Hinter grüner Kohle verbirgt sich eine Technologie, die Alba entwickelt hat und in der Hauptstadt gemeinsam mit den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR) einsetzt. Dabei werden Wert- und Schadstoffe aus dem Restabfall aussortiert, alles Übrige wird zu Briketts verarbeitet, die im Kraftwerk klassische Brennstoffe wie Öl ersetzen können.

Umwelttechnologien sind das eine, Recycling das andere. „Autorecycling, Elektroschrottrecycling – es gibt aufgrund der Größe des Landes viele interessante Felder“, sagt Schweitzer am Telefon. Er ist gerade in Hongkong gelandet, wo er einen Zweitwohnsitz hat – was unterstützt, wie ernst es den beiden Brüdern mit der Expansion ist.

Delle im Jahr 2013

Doch wer das Geschäft derart ausbauen will, braucht Geld. Etwas, das Alba zuletzt abzugehen schien. 2013 lief das Geschäft nicht rund. Die Alba Group wies einen Verlust von 58,6 Millionen Euro aus, bei einem Umsatz von 2,6 Milliarden Euro. Das schlechteste Jahr in der Unternehmensgeschichte. Vor allem an den Märkten für Stahl- und Metallschrotte brach branchenweit die Nachfrage ein.

Die Schweitzers bauten den Konzern, zu dem auch die börsennotierte Alba SE (früher Interseroh) in Köln gehört, um. Die neue Struktur griff, zudem erholten sich die Märkte. Es hätte gut werden können, wären da nicht einige Aktionäre der Alba SE gewesen. Die Gebrüder Schweitzer hatten das Unternehmen in den vergangenen Jahren schrittweise übernommen. Einen Teil finanzierten sie mit einer Anleihe über 203 Millionen Euro.

Die Alba Group hat mit der Alba SE einen Beherrschungsvertrag. Die Alba-Aktionäre bekommen danach eine Garantiedividende und haben zudem das Recht, Alba ihre Aktien zu einem Festpreis von 46,38 Euro anzudienen. Im Herbst machten davon einige Aktionäre Gebrauch, nachdem der Deutsche Aktienindex Dax zeitweilig um 16 Prozent abgestürzt war.

Gewinn für 2016 im Blick

Alba musste rund sieben Prozent der Aktien kaufen und hält jetzt 93 Prozent an der Alba SE. Die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor’s, die die Alba-Anleihe bewertet, drohte daraufhin wegen des Liquiditätsabflusses, die Anleihe von B auf CCC abzustufen – eine recht schlechte Bewertung, die das Papier als spekulativ und nicht für eine Anlage geeignet einstuft. Die Kreditwürdigkeit Griechenlands etwa ist ebenfalls mit B bewertet.

„Unsere Liquidität ist ausreichend“, sagt Axel Schweitzer. Auch jetzt sehe er die Lage zuversichtlich. Der Konzernumbau greift demnach, die Märkte erholen sich. Im laufenden Jahr soll nur noch ein kleiner Verlust anfallen. Im kommenden Jahr rechnet das Unternehmen sogar wieder mit Gewinn. Bei insgesamt unter 500 Millionen Euro Verbindlichkeiten fehlt allerdings doch etwas finanzieller Handlungsspielraum für großes Wachstum in China. Deshalb der Investor.

Wie viel Anteil am Unternehmen er bekommt, steht noch nicht fest, nur, dass die beiden Schweitzers die Mehrheit behalten werden. Ob eine Zwischenholding gegründet wird, an der sich der Investor beteiligen kann, oder die Brüder tatsächlich Anteile an der Alba Group verkaufen, ist noch unklar. Gerüchteweise ist letztere Möglichkeit die wahrscheinlichste. Derzeit halten die beiden Brüder jeweils die Hälfte.

Auch wie der Investor heißt, kann und will Axel Schweitzer noch nicht sagen. „Wir stehen noch ganz am Anfang des Prozesses, wir gehen davon aus, dass wir mindestens bis Anfang 2016 brauchen werden. Wir haben einen stringenten Plan, aber keine Eile.“ Die unabhängigen Berater von Rothschild begleiten die Berliner bei der Suche nach einem Investor.

Einen zu finden, ist offenbar nicht so schwierig: „Es gibt großes Interesse“, sagt Schweitzer. Ob der künftige Alba-Anteilseigner aus China kommt, wollte Schweitzer nicht sagen. „Dafür ist es viel zu früh.“ Es gebe Interessenten aus China, Asien allgemein und anderen Teilen der Welt. Ein Finanzinvestor wird es aber wohl nicht werden. „Wir suchen einen Partner, der unserer Kultur als Familienunternehmen teilt und unsere Strategie unterstützt.“

Bleibt die Frage, warum Alba gerade jetzt diese einschneidende Entscheidung verkündet. Bisher hat das Familienunternehmen vieles sorgfältig im Stillen geplant und ist erst dann an die Öffentlichkeit gegangen. „Das hätten wir zu jedem Zeitpunkt machen können. Aber gerade mit Blick auf die Projekte, die wir in China planen, war das ein guter Zeitpunkt“, sagt Schweitzer. Einzelheiten wollte er noch nicht nennen. „Alles zu seiner Zeit.“