Berlin

Siemens-Betriebsräte wehren sich gegen Konzernumbau

Der geplante Umbau bei Siemens sorgt für große Unruhe unter den Beschäftigten. Berlin ist weltweit der größte Produktionsstandort – und könnte glimpflich davonkommen.

Foto: Paul Zinken / dpa

Es soll der große Aufbruch sein, der Siemens wieder wettbewerbsfähiger macht. Konzernchef Joe Kaeser will eine Verwaltungsebene streichen. Weniger Bürokratie, dafür mehr Konzentration auf das Geschäft. Selbst die IG Metall fand die „Vision 2020“, die der Manager am 7. Mai in Berlin verkündete, grundsätzlich gut. Doch die Mitarbeiter und die Betriebsratsvorsitzenden der deutschen Werke sind in Sorge. Wo, fragen sie sich, ist im ganzen Umbaukonzept die Deutschland-Strategie, die die 117.000 Arbeitsplätze hier sichert? Und selbst die Berliner Mitarbeitervertreter sind beunruhigt, auch wenn Siemens in der deutschen Hauptstadt vor allem produziert.

Siemens will die vier Sektoren, in denen zurzeit unterhalb des Vorstand die Geschäfte gebündelt sind, abschaffen. Künftig wird es statt 16 nur noch acht einzelne Geschäftsbereiche geben, dazu kommt das Medizintechnikgeschäft, dass eigenständig geführt werden soll. So soll Bürokratie wegfallen, die Arbeitsabläufe schlanker werden – etwas, was die Mitarbeiter schon seit langem fordern. Stichtag ist der 1. Oktober, der Beginn des neuen Siemens-Geschäftsjahres. Kaeser möchte bis 2016 rund eine Milliarde Euro Ausgaben sparen. Das wird ohne Stellenabbau kaum möglich sein.

Bundesweit hatten Betriebsrat und Vertrauensleute der IG Metall an vielen Siemens-Standorten zum Aktionstag aufgerufen, um vor einem reinen Sparprogramm zu warnen. Am Freitag standen vor der Konzernverwaltung in Berlin rund 100 Mitarbeiter mit Schirmen in Gewerkschaftsrot – eine Anspielung darauf, dass niemand im Regen stehen bleiben soll. Bundesweit beteiligten sich nach Angaben der IG Metall mehrere tausend Mitarbeiter an rund 80 Standorten.

Produktionsverlagerung in die USA?

Wie viele Leute direkt von der „Vision 2020“ betroffen sind, ist unklar. Bettina Haller, Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, sagte in Berlin, dass konzernweit etwa 18.000 Leute in den betroffenen Bereichen arbeiteten. Dass Arbeitsplätze wegfallen, wenn ganze Verwaltungsebenen gestrichen werden, leuchtet ein. Betriebsräte und IG Metall wollen einen Stellenabbau verhindern. „Wir fordern Innovation auch beim Personal“, sagt Olaf Boduan, Betriebsratschef des Dynamowerks und Sprecher der Berliner Betriebsräte. Betroffene Mitarbeiter müssten für andere Aufgaben geschult werden.

Berlin, mit seinen 11.700 Beschäftigten der größte Produktionsstandort im Konzern, wird beim Umbau der Verwaltung eher nicht so stark betroffen sein. Dennoch wird er spürbar sein. Mit dem 1. Oktober werde jeder seinen Platz haben, vermutet Haller, ein neues Türschild, neue Visitenkarten. „Doch dann geht es erst richtig los.“ Die neuen Einheiten müssten sich im Konzern finden.

So wird etwa der Bereich Zugbau wieder mit dem Bereich Eisenbahnsicherheitstechnik zusammengelegt. In Berlin arbeiten dort etwa 1300 Mitarbeiter, die unter anderem Weichenantriebe und Stellwerksbauteile fertigen. Zudem werden von Berlin aus Großprojekte wie derzeit die Metro im saudi-arabischen Riad betreut. Wer vor allem in den zentralen Abteilungen wie Einkauf und Recht künftig an welcher Stelle dabei ist, ist unklar.

Beschäftigungspakt schließt betriebsbedingte Kündigungen aus

Auch das Turbinenwerk mit rund 3500 Beschäftigten ist von den Veränderungen betroffen. Der für das Energiegeschäft zuständige Vorstand arbeitet künftig von den USA aus. Lisa Davis wurde Anfang Mai berufen. Werner Kiefer, Betriebsratsvorsitzender des Gasturbinenwerks, kann sich vorstellen, dass es eine Verschiebung in Richtung USA geben könnte. Siemens fertigt dort in einem Werk in Charlotte (North Carolina) auch Gasturbinen. Die Berliner spüren derzeit auch angesichts der Energiewende die Zurückhaltung vieler Investoren. Bei dem Trend zu erneuerbaren Energien nützt es auch wenig, die effizienteste Gasturbine der Welt im Angebot zu haben.

Dass die Konzernleitung mit „Vision 2020“ eine Art Kahlschlag im Konzern vorhat, ist indes unwahrscheinlich. Zum einen sind viele Elemente des IG-Metall-Konzepts „Siemens 2020“ eingeflossen, zum anderen hatte Kaeser am 7. Mai deutlich erklärt, dass keiner beim Umbau alleingelassen werde. „Wir nehmen die Leute mit.“ Außerdem schließt ein Beschäftigungspakt betriebsbedingte Kündigungen aus. Die Gespräche zum Konzernumbau zwischen Management und Betriebsrat laufen.

Und dann ist da noch die Sache mit Alstom. Siemens prüft derzeit die Bücher des französischen Energie- und Bahnkonzerns. Kaeser will in knapp zwei Wochen entscheiden, ob er den Alstom-Aktionären ein Kaufangebot unterbreiten will. Die französische Regierung hatte Siemens angesprochen, weil der US-Konzern General Electric Alstom übernehmen will, Paris das aber nicht genehm ist. Und Kaeser hatte ein attraktives Angebot: Siemens übernimmt die Energiesparte Alstoms, dafür geht das Bahngeschäft mit der Signaltechnik an die Franzosen. Im Ergebnis entstünde ein großer deutsch-französischer Energiekonzern und ein französisch-deutscher Bahnriese.

Berlin wäre vom Alstom-Kauf tatsächlich betroffen

Den Franzosen geht es vor allem um die Arbeitsplätze in Frankreich. Kaeser hatte deshalb eine Bestandsgarantie für drei Jahre versprochen. Und das beunruhigt die deutschen Betriebsräte. Denn auch wenn es zunächst nicht so aussieht, wäre zum Beispiel Berlin vom Alstom-Kauf betroffen. Das Schaltwerk mit seinen rund 3000 Beschäftigten in Siemensstadt etwa, wie Betriebsratschef Horst Hennig sagt. Alstom fertigt seine Schaltanlagen in Kassel. Und ob Siemens zwei deutsche Werke mit ähnlichen Produkten behalten wolle, da ist Hennig sich nicht so sicher. „Zumal wir zurzeit zum Teil nicht voll ausgelastet sind.“ Siemens hat das Werk allerdings gerade für 70 Millionen Euro runderneuert.

Vieles rund um Alstom ist unsicher: Ob Siemens überhaupt ein Angebot abgibt und ob der Konzern dann auch den Zuschlag bekommt. Und bei aller berechtigten Sorge von Betriebsrat und IG Metall: Sowohl dem Konzernumbau als auch dem Interesse für Alstom haben die Arbeitnehmervertreter im Siemens-Aufsichtsrat zugestimmt.