Private Kliniken

Geschickte Übernahme - Helios wird Deutschlands Klinikriese

Fresenius mausert sich zum europäischen Krankenhausgiganten: Die Berliner Unternehmens-Tochter Helios kauft 43 Kliniken von Rhön für rund drei Milliarden Euro. Einige Standorte sind aber ausgenommen.

Foto: tok lre - picture alliance / pa/dpa/Tobias Kleinschmidt

Fresenius-Chef Ulf Schneider hat einen langen Atem bewiesen und zum Schluss die Widersacher raffiniert ausgestochen. Die Fresenius-Tochter Helios aus Berlin übernimmt weite Teile des Konkurrenten Rhön-Klinikum. So entsteht nach Umsatz der größte private Klinikbetreiber Europas.

Noch vor einem Jahr war Fresenius mit dem Versuch gescheitert, Helios Rhön komplett zu übernehmen. Die Konkurrenz hatte das Geschäft vereitelt. Jetzt kauft Helios 43 Kliniken und 15 medizinische Versorgungszentren für 3,07 Milliarden Euro von Rhön.

Schneider darf nun feiern: Den Wettstreit mit den Konkurrenten Asklepios (Hamburg) und B. Braun (Melsungen) um die Machtbalance im privaten Klinikgeschäft in Deutschland hat er mit dem Geschäft wohl für sich entschieden. Nicht alle, aber der Großteil der Rhön-Krankenhäuser gehören künftig über Helios zu Fresenius. Damit geht ein Traum von Rhön-Gründer Eugen Münch in Erfüllung, wenn auch nicht im eigenen Haus.

Helios wird größter privater Klinikbetreiber Deutschlands

Münch träumte schon länger von einem umfassenden Krankenhausanbieter, dessen Kliniken für jeden deutschen Bürger binnen 60 Minuten erreichbar sein sollten. Für 70 Prozent der Menschen in Deutschland soll das künftig zutreffen – mit Helios-Kliniken. Die Gruppe steuert Francesco de Meo von Berlin aus. Der Konzern betreibt außerdem in Berlin-Buch eine seiner größten Kliniken.

Nach Unternehmensangaben entsteht durch das Geschäft der größte private Klinikbetreiber Europas mit insgesamt 117 Kliniken und einem Umsatz von knapp 5,5 Milliarden Euro. Helios habe künftig einen Umsatzanteil am gesamten Krankenhausmarkt von sechs bis sieben Prozent und sei damit der mit Abstand größte private Klinikbetreiber im Land.

„Wir sind jetzt der größte Wettbewerber – aber in einem Markt, in dem alle Großen relativ klein sind“, sagte Joachim Weith, Sprecher der Helios-Mutter Fresenius. Alle privaten Betreiber zusammen hätten einen Marktanteil von etwa 13 Prozent.

Die Konkurrenz wurde vom Kauf überrascht

Im Sommer vergangenen Jahres war Schneider mit der Komplettübernahme der Franken noch an der Konkurrenz gescheitert. Asklepios-Eigentümer Bernard Broermann und der Medizinzulieferer B. Braun hatten die Übernahme verhindert. Asklepios fürchtete einen zu dominanten Konkurrenten. Und B. Braun wollte vermeiden, dass ein fusionierter Konzern die Preise drücken kann. Beide hatten sich zuletzt mit jeweils fünf Prozent bei Rhön eingekauft.

So sorgten sie dafür, dass Schneider nicht auf die für die Übernahme notwendigen 90 Prozent kam – nur 84,3 Prozent der Rhön-Papiere wurden Fresenius damals angedient. Die milliardenschwere Übernahme scheiterte, Schneiders Erfolgsserie platzte vorerst. Der 47-jährige Manager, der seit 2003 an der Fresenius-Spitze steht, hatte vier Milliarden-Übernahmen in Folge gestemmt – zuletzt den Kauf der norddeutschen Damp-Klinikgruppe Anfang 2012.

Aber Schneider gab nicht sang- und klanglos auf. Denn für den passionierten Langstreckenläufer und Radrennfahrer ist Stillstand Rückschritt, wie es in seinem Umfeld heißt. Rhön-Gründer Münch, der den Komplettverkauf schon 2012 eingefädelt hatte, liefert sich mit Asklepios-Eigner Broermann und Braun seit einem Jahr einen erbitterten juristischen Machtkampf. B. Braun beantragte zuletzt die Genehmigung, den Anteil an Rhön auf 25 Prozent zu erhöhen, um seine Kontrolle auszuweiten. Das mag das Zeichen für Fresenius-Chef Schneider gewesen sein, zu handeln.

Kauf sorgte an der Börse für Erleichterung

„Viele haben sich wohl auf die juristischen Scharmützel konzentriert und nicht mit diesem Schachzug gerechnet“, sagt eine mit dem Geschäft vertraute Person. Seit dem Frühjahr hätten die Spitzen von Fresenius und Rhön mit Juristen an dem Geschäft jetzt gearbeitet. Anders als bei einer Komplettübernahme müssen die Rhön-Aktionäre dem Verkauf von Kliniken nicht auf einer Hauptversammlung zustimmen. Daher können Asklepios und B. Braun mit ihren Rhön-Anteilen das Geschäft nicht stoppen.

An der Börse sorgte die Nachricht für Erleichterung: Die Rhön-Aktie schoss um mehr als zehn Prozent nach oben. Fresenius-Titel stiegen ebenfalls. Der Kursanstieg der Rhön-Papiere hat aber einen faden Beigeschmack: Im Zuge der Übernahme wolle Rhön zwei Milliarden Euro an seine Anteilseigner ausschütten und damit faktisch Sozialversicherungsbeiträge zu Gewinnen von Aktionären machen, schimpft Ver.di-Vorstandsmitglied Sylvia Bühler.

„Dieses Geld müsste in das Gesundheitswesen und mehr Personal im Restkonzern Rhön investiert werden. Zufriedene Aktionäre machen niemanden gesund.“ Ver.di verlangt Regeln zur Sicherung der Standorte und befürchtet laut Bühler „Arbeitsverdichtung und mehr Druck auf die Löhne“. Es sollten im Interesse der Arbeitnehmer sofort Verhandlungen mit Fresenius aufgenommen werden.

Kartellamt muss dem Geschäft noch zustimmen

Das Kartellamt muss dem Geschäft noch zustimmen. Der private Krankenhausmarkt in Deutschland wurde bislang von wenigen, nahezu gleich starken Ketten beherrscht. Dazu zählen neben Fresenius Helios und Rhön unter anderem auch Asklepios und Sana Kliniken. Bei einzelnen Krankenhäusern haben auch noch ehemalige kommunale Träger oder Minderheitsgesellschafter ein Mitspracherecht. Doch vorgelegt hat Fresenius seine Übernahme beim Bundeskartellamt noch nicht, wie ein Behördensprecher sagte.

Aber die Pläne könnten auch zunächst bei der EU-Kommission vorgelegt werden. Landen die Pläne tatsächlich in Brüssel, können das Bundeskartellamt oder die beiden Unternehmen aber einen Antrag stellen, die Fusion in Deutschland zu prüfen, weil in erster Linie der deutsche Markt betroffen ist. Fresenius rechnet jedenfalls schon für Ende 2013 mit einem Abschluss.

Rhön verliert fast zwei Drittel seines Umsatzes

Rhön will sich künftig vor allem auf Krankenhäuser konzentrieren, an denen Spitzenmedizin und universitäre Forschung betrieben wird, sagte Rhön-Chef Siebert. Der neue Konzern wird deutlich kleiner ausfallen. Mit dem Verkauf verliert Rhön fast zwei Drittel seines Umsatzes, der 2012 noch bei 2,86 Milliarden Euro gelegen hatte.

Die „neue Rhön“ startet mit einem Umsatz von rund einer Milliarde Euro und 15.000 Mitarbeitern. Die wirtschaftliche Basis ruht auf den verbliebenen Häusern in Bad Berka und Frankfurt/Oder, dem Stammsitz im bayerischen Bad Neustadt sowie den Universitätskliniken in Gießen und Marburg.