Prototyp

Google-Brille „Glass“ wird erstmals in Berlin vorgestellt

Der Star-Blogger Robert Scoble hat die Datenbrille Google Glass erstmals nach Berlin zur Next-Konferenz mitgebracht.

Foto: Jürgen Stüber

Robert Scoble trägt sie ständig und er merkt es nicht mehr: „Sie sind ein Teil meines Lebens geworden“, sagt der Star-Blogger aus den USA, der am Mittwoch die Trendkonferenz Next in Berlin besuchte. Die Datenschutzdebatte hält er für überzogen.

Bei Google Glass handelt es sich um einen Mikrocomputer in der Form eines Brillengestells, der einen winzigen Bildschirm in das Sichtfeld des Nutzers einblendet. Dieser Computer ist per Bluetooth mit einem Smartphone verbunden.

Die Glass-Kamera kann Fotos und Videos aufzeichnen. Das Display blendet Informationen aus dem Web ein: Texte, Mails, Karten, Fotos, Suchergebnisse, Twitter- und Facebooknachrichten.

Brille reagiert auf Sprachbefehle

Die Brille hat ein Mikrofon und einen Lautsprecher und wird dadurch zum Headset des Smartphones. Steuerbefehle erhält der Mikrocomputer per Spracheingabe, durch intuitives Scrollen auf dem Rand des Brillengestell sowie durch Kopfbewegungen.

Die 8000 bislang ausgelieferten Glasses sind Prototypen. Sie wurden Entwicklern zur Verfügung gestellt, damit diese Apps für das neue Gerät schreiben können.

Bis zur Marktreife ist es noch ein weiter Weg: Die winzigen Batterien entleeren sich schnell: Die Aufzeichnung eines Fünf-Minuten-Videos frisst 20 Prozent der gespeicherten Energie. Hier gibt es noch großen Entwicklungsbedarf – genau wie bei den Apps, die das Gerät erst zu einem nützlichen Assistenten seines Benutzers macht.

Erster Praxistest: Gute Spracherkennung

Scoble setzt seine Brille ab und reicht sie in der Runde den Journalisten. Selbst für Brillenträger sind Google Glasses kein Problem. Die Schrift auf dem Bildschirm erscheint gut lesbar.

Die Sprachsteuerung funktioniert beim ersten Befehl. „Take a photo“ – und schon erscheint das Bild auf dem verbundenen Smartphone oder in einem verknüpften Netzwerk. Genauso gut funktioniert die Navigation mit Google Maps. Das Display blendet die Route ein und zeigt an, wo man in welche Richtung abbiegen muss oder wie man zum Beispiel zur nächsten Starbucks-Filiale kommt.

Debatte um Privatsphäre entbrannt

Noch vor der Einführung des Produkts ist eine Debatte um die Privatsphäre entbrannt, die sich auf einige Fakten und unzählige Legenden stützt. Bei diesem Thema wird Scoble kategorisch: „In der Öffentlichkeit gibt es keine Privatsphäre“, sagt er. Das ist sehr amerikanisch. Und in Europa dürfte man das anders sehen. Die Initiative „Stop the Cyborgs“ zum Beispiel macht gegen das Gerät Stimmung.

„Viele Kritiker haben keine Ahnung, wie die Glasses funktionieren“, sagt Scoble. „Die Brille nimmt Fotos von meiner Umgebung nicht ständig auf, sondern nur dann, wenn ich es ihr sage. Sie ist nicht ständig angeschaltet.“ Dennoch glaubt Scoble, dass die aufkommende Datenschutzdebatte zu einem Problem für dieses Brille und ähnliche Produkte werden wird.

Entwicklung ist erst am Anfang

Diese werden schon entwickelt. Der Blogger berichtet von einem Start-up aus den USA, die eine noch unscheinbarere Brille entwickelt haben, die man mit bloßem Auge kaum erkennen kann.

Die Programmschnittstelle für die Entwicklung von Glasses-Apps ist nach Scobles Worten sehr eng. Programmierer hätten beispielsweise auf die Kamerafunktion keinen Zugriff und können deshalb keine Stalking-Programme entwickeln. „Die Glasses wirken mehr wie ein Apple-Produkt“, sagt er.

Verkaufspreis von 500 Dollar erwartet

Branchenkreise vermuten, dass die Brille für einen Preis von 500 bis 700 Dollar (380 bis 540 Euro) auf den Markt kommen wird. Das sei eindeutig zu viel, findet Scoble. „Da ist doch nichts drin, was diesen Preis rechtfertigt“, sagt er. 500 Dollar würden Leute gerade noch bezahlen, meint er. Eher wären aber 200 Dollar (150 Euro) ein realistischer Preis.