Als Franziska Schilling im vergangenen Sommer ihr Abiturzeugnis in den Händen hielt, hätte sie eigentlich stolz auf sich sein können: Mit einer Abiturnote von 1,4 war sie weit besser als der Durchschnitt, Verwandte und Freunde gratulierten und sagten ihr stünden nun alle Wege offen. Dass das nicht stimmte, wusste die 18-Jährige schon damals. Sie war gut, aber eben nicht gut genug, wenn man in Deutschland Medizin studieren will und dabei auf einen Studienplatz in einer der großen Universitätsstädte hofft. „Die meisten meiner Favoriten hatten im Vorjahr einen NC von 1,0 oder 1,1“, sagt Schilling.
Eine Zusage aus Halle
Weil sich allein im vergangenen Wintersemester knapp 43.000 Bewerber um nur 9000 Studienplätze für Medizin bemühten, sinken die Chancen auf einen Zulassungsbescheid mit jeder Zehntelnote, die von 1,0 abweicht. „Ich wollte unbedingt Medizin studieren“, sagt Schilling.
Gern wäre sie dort geblieben, wo sie aufgewachsen ist, nur eine halbe Stunde mit der S-Bahn entfernt von den Geschäften und Clubs in Mitte und Friedrichshain. Und auch nur eine halbe Stunde von der Charité, die in unerreichbare Ferne rückt, wenn man nur einen Durchschnitt von 1,4 hat. Also bewarb sie sich über die Stiftung für Hochschulzulassung in Düsseldorf, in Marburg, in Hannover – und in Halle an der Saale.
Nur wenige Tage vor Semesterbeginn findet sie eine Zusage im Briefkasten. Absender: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Ich wusste gerade einmal, in welcher Himmelsrichtung Halle in etwa liegt“, sagt Schilling. Ihre Mutter kennt Halle aus der DDR, einer Zeit also, in der die Chemiefabriken die Saale färbten und die Abgase der Braunkohlewerke durch die Stadt bliesen, in der die historische Substanz verfiel oder niedergerissen wurde für sozialistischen Wohnungsbau in Plattenbauweise. „Halle hat ja einen gewissen Ruf, ich erwartete eine hässliche Industriestadt “, sagt Schilling.
Weniger Ost-Klischees
Das mit dem Ruf der Stadt ist ein Problem, auch wenn Torsten Evers von der Universität Halle beschwichtigt: „Es gibt weniger Ost-Klischees als noch vor drei Jahren noch.“ Eher gebe es unter Bewerbern eine Art „gefühltes Wissen“, so Evers, wonach eine unbekannte Stadt wie Halle vermutlich kaum etwas zu bieten habe. So sehr sich Initiativen wie „Studieren in Fernost“ oder die mit einem Marketingpreis ausgezeichnete Kampagne „ich will wissen!“ der Uni Halle auch bemühen – das Image vieler Regionen schreckt noch immer Abiturienten aus den westdeutschen Ländern ab, an eine ostdeutsche Hochschule abseits der Leuchttürme in Greifswald, Jena und Dresden zu gehen. Noch im vergangenen Jahr gab jeder vierte Studierwillige aus Westdeutschland an, sich ein Studium im Osten nicht vorstellen zu können.
Doch die Abschaffung der Wehrpflicht und doppelte Abiturjahrgänge haben die Zahl der Schulabgänger in den vergangenen zwei Jahren steigen lassen. Die Unis im Osten haben davon profitiert, in Halle ist inzwischen jeder Vierte der 20.000 Studenten aus dem Westen zugezogen. Unter den Medizinstudenten liegt der Anteil sogar bei einem Drittel: „Ich musste bei meiner Bewerbung bei Hochschulstart eine Prioritätenliste erstellen und fünf verschiedene Universitäten angeben“, sagt Schilling. Halle stand auf Platz drei.
Doch wer einmal da ist, macht schnell ähnliche Erfahrungen wie Schilling: „Als ich das erste Mal nach Halle kam, schien die Sonne, ich sah den Campus im schicken Paulus-Viertel und fühlte mich sofort wohl.“ Halle hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten erholen können, vieles wurde vor dem Niedergang bewahrt, manche Bausünde behoben. Die Stadt hat noch immer Problemviertel: „Bekannte rieten mir von Stadtteilen wie Silberhöhe oder Neustadt ab“, sagt Schilling. Doch daneben gebe es eben auch Viertel mit herausgeputzten Altbauten und hoher Studentendichte. Schilling wohnt am Hauptbahnhof in einem Altbau, für die Zwei-Zimmer-Wohnung mit Balkon zahlt sie 320 Euro warm: „Das ist in Berlin inzwischen nicht mehr zu finden.“
Viel Lob für die Universität
Die größte Stadt Sachsen-Anhalts mit ihren 230.000 Einwohnern nennt sie ein „niedliches Städtchen, das man nicht mit Berlin vergleichen sollte“. Sie schätzt die kurzen Wege, die Atmosphäre an der Uni und deren gute Ausstattung. „Ich habe das Gefühl, dass an der Uni viel für uns getan wird.“ Stolz ist man an der Uni auf die Antworten, die Studenten in Umfragen geben, wenn sie nach dem Für und Wider eines Studiums in Halle gefragt werden.
Es gibt darunter etliche, die Unzufriedenheit mit der Uni und der Stadt widerspiegeln, mit den Straßenbahnen, manchmal mit den Hallensern selbst. Einer schreibt: „Ich komme aus einer Großstadt im Westen und vermisse es, in einer modernen und reichen Stadt zu leben.“ Doch fallen diese Töne kaum ins Gewicht. Die Uni hat auf Anfrage die Antworten der Befragung übermittelt: Auf zwei Seiten verteilt sich Kritik und Enttäuschung – doch das Lob nimmt ganze 20 Seiten ein. Eine der vielen Antworten, die von revidierten Vorurteilen und guten Studienbedingungen erzählen, könnte auch Franziska Schilling gegeben haben. Am Anfang hatte sie den Plan, nach ein oder zwei Semestern an eine andere Universität zu wechseln. Doch heute freut sie sich auf den Sommer in Halle und die Peißnitzinsel in der Saale, ihren Lieblingsort: „Weggehen von hier? Nein, ich bleibe erst mal hier.“





