Bauboom in Berlin

Gute Perspektiven in der Baubranche

Berlin wächst, der Immobilensektor boomt: Die Stadt vergibt momentan viele Großaufträge. Vor allem Bauingenieure sind gefragt, Architekturbüros mangelt es hingegen nicht an Personal

Foto: Christian Kielmann

Vom Konferenzraum aus kann Nicola Bürk das Ostkreuz sehen. Sie hat täglich Blickkontakt mit den Früchten ihrer Arbeit, denn der neue Bahnhof trägt den gestalterischen Federstrich des internationalen Büros JSK Architekten, für das die Berlinerin tätig ist. Neben Teilen des Flughafens Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER), dem Südkreuz sowie dem Europarc Dreilinden hat das dreißigköpfige Berliner Team aus Architekten und Bauingenieuren beispielsweise auch der O2-Arena ihre markante Optik verliehen.

Nach ihrem Diplomabschluss an der Technischen Universität Berlin (TU) stieg die Architektin bei JSK ein. Seit einem einjährigen Auslandseinsatz in New York, bei dem sie sich eingehend mit dem amerikanischen Wohnungsbau beschäftigte, widmet sie sich hauptsächlich den Entwürfen von Wohngebäuden. 37 Wohneinheiten am Kreuzberger Planufer, 220 im Dienstleistungszentrum Ostkreuz-Nord, 484 im Anschutz-Areal der O2 World: Seit zwei Jahren nähmen in Berlin die Aufträge im Großwohnungsbau deutlich zu. „Und Wohnungen zu entwerfen ist eine spannende Herausforderung“, sagt die 33-Jährige begeistert. Es gelte jedes Mal, aus gegebenen Mitteln die maximale Wohnqualität für die sich laufend wandelnden Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen herauszuholen.

Boom der Wohnimmobilien

„Das hiesige Baugewerbe ist in guter Verfassung“, weiß Olaf Möller, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit Regionaldirektion Berlin-Brandenburg. Zu den Impulsgebern gehörten die geplante Verlängerung der Autobahn A 100, der Ausbau des Flughafens BER, die Umgestaltung des bisherigen Flughafens Tegel zu einem Gewerbepark sowie der Bau einer neuen Zentralbibliothek. „Die Branche profitiert derzeit aber vor allem von einem schwungvollen Boom der Wohnimmobilien“, beobachtet Möller.

„In einer lebendigen Hauptstadt wird es immer Großbaustellen geben“, konstatiert Axel Wunschel, Geschäftsführer des Landesverbandes „Die Bauindustrie Berlin-Brandenburg“. Doch hinter dem verstärkten Großwohnungsbau stünden aktuelle Bevölkerungsprognosen.

„Man geht derzeit davon aus, dass Berlin rasant wachsen wird. Das belebt den Markt.“ Nach heutigem Wohnstandards entspreche der erwartete Einwohnerzuwachs etwa 100.000 bis 150.000 Wohneinheiten rechnet Wunschel vor. Dazu kämen Infrastrukturmaßnahmen rund um Verkehr, Energie- und Wasserversorgung, außerdem Einkaufsmöglichkeiten, Kitas, Schulen sowie Freizeitangebote und Krankenhäuser. „Wie sich das langfristig auf das hiesige Baugewerbe auswirken wird, kann man noch nicht sagen“, räumt Wunschel ein. Momentan werde der Umfang der Baumaßnahmen auf politischer Ebene diskutiert. Sicher scheint nur, dass die Unternehmen des Baugewerbes verstärkt zu tun bekommen. Absehbar werde das den Kampf um Fachkräfte weiter anheizen. Gesucht würden schon jetzt Mitarbeiter aller Bauberufe, dazu qualifizierte Bauingenieure. „Die Unternehmen der Bauwirtschaft werden in Zukunft verstärkt Personal abwerben“, so Wunschel.

Während die Baubranche schon jetzt mit personellen Problemen kämpft, haben die Architekturbüros auch bei weiter zunehmendem Planungsvolumen eher keine Personalengpässe zu befürchten. „Architektur ist kein Mangelfach“, sagt Klaus Meier-Hartmann, Präsident der Architektenkammer Berlin. Auch oder gerade in der Hauptstadt gäbe es eher zu viele Architekten, zwei Drittel davon in ein bis zwei Mann starken Kleinstbüros organisiert. Da die Planungsqualität gleichzeitig erfreulich hoch sei, sei zu vermuten, dass viele Aufträge aus dem Großwohnungsbau auch zukünftig in Berlin blieben. „Um Großaufträge leisten zu können, empfehle ich den kleinen Büros, sich in Netzwerken zusammenzuschließen“, sagt der Inhaber des Büros KMH Architekten. Zudem gebe es die Möglichkeit, als freier Mitarbeiter für größere Büros tätig zu werden.

Verhaltener Optimismus

Beim Immobilienkonzern Kondor Wessels ist man hinsichtlich des Auftragsbooms im Großwohnungsbau verhalten optimistisch. „Meiner Einschätzung nach befinden wir uns schon auf dem Höhepunkt der Welle“, sagt Marcus Becker, Geschäftsführer des Bauunternehmens Kondor Wessels Bouw Berlin. Vielleicht noch zwei, drei Jahre, dann sei der Großteil des aktuellen Auftragsvolumens abgearbeitet, ist der 47-jährige Bauingenieur überzeugt. Den aktuell hohen Personalbedarf im Wohnungsbau decke man aus dem zurzeit schwachen Gewerbebereich ab.

Doch auch wenn man im stark auftragsabhängigen Baugeschäft schlecht für die Zukunft vorsorgen könne, habe man bei Kondor Wessels stets Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs. „Gute Bauingenieure, die Investitionsrechnung beherrschen oder modernes Know-how aus Bereichen wie Energieeinsparungen oder Wohnen im Alter mitbringen, sind bei uns immer willkommen“, verrät Marcus Becker. Seine Branche werde attraktiver, biete zukunftssichere Arbeitsplätze, öffne sich zunehmend Themen wie Work-Life-Balance – und Aufstiegschancen gebe es ebenfalls. Der gebürtige Berliner selbst stieg gleich nach dem Studienabschluss bei Kondor Wessels ein, 2000 übernahm er die Geschäftsführung bei Kondor Wessels Bouw Berlin. Seit 2011 ist er zudem Präsident des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg.

Der Boom im Baugewerbe bringt auch anderen Branchen Beschäftigungszuwächse. Gebäude, welcher Art auch immer, müssen verwaltet, gereinigt und technisch betreut, teilweise auch bewacht werden. Besonders bei hochtechnisierten Immobilien mit wechselnden Mietern spielen Werterhalt und bestenfalls sogar Steigerung eine große Rolle. Diese Versorgung organisieren Unternehmen des Facility Managements. Da die Branche in Berlin seit der Wende explosionsartig gewachsen ist, hat sie durchgängig Personalbedarf. Der gewinnt durch den Bauboom noch einmal an Schwung.

Gefragte Experten: Facility Manager

„Bisher hatten wir vor allem Gewerbe und Büros zu betreuen, jetzt werden Wohngebäude immer wichtiger“, erläutert Martin Soboll, Sprecher des Arbeitskreises Wohnungswirtschaft des deutschen Facility Management Verbandes (GEFMA). Die Unternehmen seien gut beschäftigt und suchten sowohl Mitarbeiter im Dienstleistungsbereich als auch auf der Ebene des Objektmanagements, letztere vor allem mit Know-how in Gebäudetechnik und Energieeinsparung.

Einer der gefragten Experten ist Michael Hedermann. Als Facility Manager arbeitet er bei der Berliner Niederlassung des international operierenden Immobilienausrüsters und -dienstleisters Cofely. Der 28-Jährige hat einen Diplom-Abschluss in Service-Engineering mit Spezialisierung auf Gebäudetechnik. Als Leiter technisches Gebäudemanagement ist er für Liegenschaften und Projekte wie größere Instandsetzungs- oder Instandhaltungsmaßnahmen im Einsatz. „Als Objektmanager berate ich meine Kunden, veranlasse gegebenenfalls Installationen von Klimatechnik oder Heizungsanlagen und stelle Mitarbeiter ein sowie Teams für neue Objekte zusammen. Zudem handele ich Verträge mit Servicepartnern und Auftraggebern aus. Ein Stück weit muss ein Facility Manager Spezialist für alles sein“, verrät Michael Hedermann über seinen anspruchsvollen Beruf.