Elternzeit

Wie der berufliche Neustart zum Erfolg wird

Mit der Babypause kommt für viele Frauen der Karriereknick. Berufsorientierungskurse helfen bei der Wiedereingliederung.

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / picture-alliance/ dpa

„Schau mal, Laurin, da hast du ein Stück Gurke. Ganz schön kalt, was?“ Der kleine Laurin guckt verdutzt und schiebt sich das Gemüse in den Mund. Emmely Pritschow nickt zufrieden. Sie ist heute nach Prenzlauer Berg gekommen, um in einer Hebammenpraxis einen ihrer Miasi-Babykurse zu geben.

Das pädagogische Konzept dazu hat sie selbst entwickelt: Mit allen Sinnen sollen Babys ihre Umwelt erleben und erforschen. „In jeder Kurseinheit sprechen wir alle fünf Sinne des Kindes an.“ Sie singt mit den Kindern und liest ihnen Gedichte vor, setzt sie nackt in Boxen mit Watte, Sand oder Heu. Die Mütter der Kinder finden es super; zuhause können sie ihren Babys nicht jeden Tag ein solches Programm bieten.

Emmely Pritschow hat selbst eine neun Monate alte Tochter. Als Lotte abends schlief, feilte sie an dem Kurskonzept, bastelte eine Webseite, entwarf Flyer und Plakate. „Ich kann ja nicht nur Mutter sein.“ Ende 2012 hat sich die Berlinerin mit ihren Kursen selbstständig gemacht und schult seit kurzen auch andere Frauen als Miasi-Kursleiterinnen. Nebenbei macht sie noch eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. „Es ist schon schwierig, alles gleichzeitig hinzukriegen. Eigentlich sind das drei Vollzeitjobs.“

Frauen wollen den Anschluss nicht verlieren

In ihren früheren Job als Event-Managerin kann sie nicht zurück. Als klar war, dass sie schwanger war, wurde ihr Vertrag nicht verlängert. Emmely Pritschow moderiert zwar inzwischen wieder Veranstaltungen für ihren früheren Arbeitgeber und würde gern ein paar Stunden fest arbeiten – aber nicht in Vollzeit und mit vielen Wochenendeinsätzen.

So wie Emmely Pritschow geht es vielen Müttern: Sie versuchen, Kinder und Beruf unter einen Hut zu kriegen, sind sich bewusst, dass sie schnell wieder zurück in den Job müssten, um den Anschluss nicht zu verlieren. Doch mit diesem Wissen allein ist es nicht getan, die Realität sieht vielfach anders aus. Nach einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) vom vergangenen Herbst, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie von Hochschulabsolventen untersucht, wird die Babypause für viele Akademikerinnen nach wie vor zum Karrierekiller.

Zwar arbeiten die meisten Frauen der Studie zufolge nach ihrem Studienabschluss in Vollzeit. Doch nach der Geburt des ersten Kindes pausieren viele Akademikerinnen sehr lang oder steigen nur in Teilzeit wieder in den Beruf ein. Etwa ein Viertel der Mütter unterbricht die Erwerbstätigkeit nur kurz und ist danach wieder in Vollzeit berufstätig.

50-Stunden-Woche nicht mit Familie zu vereinbaren

Die Wiedereinstiegsberaterin Uta Nommensen hat beobachtet, dass es gerade die beruflich erfolgreichen Frauen sind, die sich eine lange Auszeit nehmen – und vielfach auch nicht auf ihre alte Stelle zurückkehren. „Mehr als 50 Stunden die Woche zu arbeiten, ist mit Familie einfach schlecht zu vereinbaren“, sagt die Hamburgerin. Viele Jobs unterlägen nun mal ökonomischen Zwängen. „Da geht es um maximale Effizienz. Kinder sind ein Unsicherheitsfaktor – sie können jederzeit krank werden.“ Leider seien viele Eltern in ihrem Berufsleben mit familienfeindlichen Bedingungen konfrontiert.

Angela Illig weiß das nur allzu gut. Sie war eine solche Karrierefrau. Ihren richtigen Namen möchte die 42-Jährige lieber nicht in der Zeitung lesen, weil sie hofft, dass das mit dem Wiedereinstieg doch noch mal klappen wird, irgendwann bald. Trotz ihrer drei Kinder.

Bevor Angela Illig Mutter wurde, hat sie mehrere Jahre lang als Chefdesignerin bei einem großen deutschen Modelabel gearbeitet. 70-Stunden-Wochen waren normal, von Dienstreisen nach Hongkong oder Indien einmal abgesehen. Als Illig schwanger wurde stellte sie ihr damaliger Chef vor die Wahl: Entweder du kommst sechs Wochen nach der Geburt wieder auf eine Vollzeitstelle zurück oder wir einigen uns so. „Die haben mich als Mutter aussortiert.“

Plan B in petto haben

Zwanzig Monate nach der Geburt ihrer ersten Tochter bekam Angela Illig noch Zwillinge. Zwei Jungs, die häufig krank waren und besonders viel Aufmerksamkeit brauchten. An eine Rückkehr in ihr früheres Berufsfeld mit den stressigen Arbeitsbedingungen war erst einmal nicht zu denken. Es gebe in der Modebranche in Leitungspositionen nun mal keine Teilzeitstellen, sagt Illig. „Leute, die in dem Bereich alt werden, bekommen einfach keine Kinder.“

Deshalb hat Angela Illig ziemlich bald nach der Geburt ihres ersten Kindes vor sechs Jahren einen Lehrauftrag für Modedesign an einer Berliner Hochschule angenommen, wo sie bis heute wenige Stunden im Monat als Honorardozentin arbeitet. Nebenbei hat sie eigene kleine Projekte, nimmt Aufträge von Freunden an. Nicht fürs Geld, sondern um etwas Sinnvolles zu tun. Auch nimmt sie als Freelancerin kleinere Jobs an. „Eigentlich ist das aber eine Sackgasse. Ich verdiene ein bisschen Geld.“

Auf der Suche nach einem Plan B für ihren Wiedereinstieg ist Angela Illig in Berlin-Kreuzberg gelandet. In einem Berufsorientierungskurs von Anne Lücking-Mewald, Ingrid Kaisers und Rose Littmann. Die drei Dozentinnen begleiten für den Verein „Berufliche Perspektiven für Frauen Berlin“ seit vielen Jahren Akademikerinnen bei der Rückkehr in den Beruf.

„Bei vielen Frauen verändert sich nach der Familienphase der Bezug zur vorherigen Tätigkeit“, sagt Anne Lücking-Mewald. „Manchmal stellt sich heraus: Der Job, den ich viele Jahre gemacht habe, war nicht gut für mich.“

Geförderte Kurse zur Berufsorientierung

Die Kurse dauern drei Monate und werden vom Senat für Arbeit, Integration und Frauen sowie dem Europäischen Sozialfonds gefördert. Jeweils an zwei Vormittagen in der Woche treffen sich 20 Teilnehmerinnen. Es gehe darum, Kompetenzen zu klären und anhand von Biografiearbeit Ressourcen aufzuspüren und zu benennen, sagt Anne Lücking-Mewald: „Ich muss wissen, was ich kann und wie ich mich beruflich ausrichte. Dann kann ich auch die Kraft entwickeln, einen solchen Weg zu gehen.“ Wichtige Impulse erhalten die Kursteilnehmerinnen durch den Austausch mit Frauen in einer ähnlichen Lebenslage. Ingrid Kaisers: „Die Frauen, die heute hier den Kurs begonnen haben, waren wirklich glücklich. Weil sie spüren: Hier sind Frauen, mit denen ich reden kann.“

Jobcoach Uta Nommensen sieht das ähnlich. Sie rät Frauen, die längere Zeit beruflich ausgesetzt haben, nicht nur selbst zu hinterfragen, was sie möchten: Sie sollten auch ihr Netzwerk nutzen. „Man kann auch Freundinnen fragen, wie und wo sie einen sehen.“ Auch seien Praktika oder Hospitanzen bei der Neuorientierung hilfreich, so Nommensen. Das gelte insbesondere für Quereinsteigerinnen.

Wer sich auf ein ganz anderes Terrain wagt, sollte zudem überlegen, welche Kompetenzen aus einem früheren Job für die neue Aufgabe hilfreich seien. „Bei einer völligen Neuorientierung ist es auf jeden Fall günstig, auf vorhandenem Wissen aufzubauen“, sagt Uta Nommensen. Quereinsteiger müssten nämlich sehr überzeugend sein.

Wissen aus unterschiedlichen Erfahrungswelten verbinden

Die Berliner Dozentinnen Lücking-Mewald und Kaisers raten ihren Kundinnen sogar dazu, bei Bewerbungen auch die Kompetenzen aus der Familienphase anzuführen: „Es ist ja nicht so, dass die Frauen in der Zeit nichts gemacht haben. Von daher: „Das Wort Babypause würden wir gar nicht erst benutzen“, sagt Anne Lücking-Mewald. Ingrid Kaisers plädiert für den Begriff Familienarbeit: „Viele Frauen arbeiten zusätzlich ehrenamtlich – zum Beispiel in Vorständen von Kitas und erledigen dort die Buchhaltung oder kümmern sich um die Öffentlichkeitsarbeit. Das sind Kompetenzen, die die Frauen mitbringen und die sie auf dem Arbeitsmarkt nutzen können.“

Emmely Pritschow hat bei ihren Babykursen auf Wissen aus beiden Bereichen aufbauen können: Mit ihrer Tochter hat sie selbst Spielkurse für Babys besucht und war eher enttäuscht. Sie zog die Konsequenz, denn: „Ich dachte, da fallen mir viel spannendere Sachen ein.“ Aus ihrem früheren Beruf als Event-Managerin hat sie vor allem Marketing-Kenntnisse mitgebracht.

Die Berlinerin weiß, dass sie nur mit einem professionellen Internet-Auftritt und jeder Menge Werbung Teilnehmer für ihre Kurse und Kursleiterschulungen gewinnen kann. So hängen ihre Plakate inzwischen in etlichen Berliner Kindercafés.