Ihren 31. Geburtstag hat sich Ingela Schulz anders vorgestellt. Das neue Lebensjahr beginnt für sie mit einigen abgesagten Starts am Flughafen Tegel. „Meine Verbindung nach Frankfurt um 9.30 wurde gestrichen. Deshalb werde ich auch meinen Anschlussflug nach Split um 11.35 verpassen“, sagt die Event-Managerin und blickt konsterniert auf ihr Mobiltelefon. Zwar ist sie guter Dinge, dass sie ihre Veranstaltung in Kroatien rechtzeitig erreicht, aber von Lufthansa hat sie erst mal die Nase voll: „Heute Morgen um halb sieben hab ich bei denen angerufen. Da hieß es noch: Alles wird gut.“ Es kommt anders an diesem ersten Streiktag der Flugbegleiter bei der Lufthansa – dabei haben sie die Arbeit erst einmal nur in Frankfurt/Main niedergelegt.

In Tegel hat sich inzwischen eine Schlange vor Terminal A09 gebildet. Viele Reisende, die von Frankfurt aus weiterfliegen bangen um ihre Anschlussverbindung. Ingela Schulz versucht sich bei alldem nicht zu sehr zu ärgern: „Ich fliege so oft mit Lufthansa, und es bringt doch nichts“, sagt die Berlinerin und schiebt ihr Gepäck ein kleines Stück vorwärts in Richtung Schalter.

Seit fünf Uhr morgens haben die Flugbegleiter der Lufthansa gestreikt – in Frankfurt/Main, dem größten deutschen Flughafen. Doch die Folgen sind bis Berlin zu spüren, vor allem wegen der Flugausfälle. Insgesamt 190 Flüge fielen aus, wie der Konzern später meldet – mehr als jeder zweite der 360 Lufthansa-Flüge, die im Streikzeitraum von fünf bis 13 Uhr auf dem Flugplan in Frankfurt/Main standen. Auf diese Maschinen waren 26.000 Passagiere gebucht.

Zu wenig Flugzeug-Parkplätze

„Ein Großteil der Kurz- und Mittelstreckenflüge fielen aus, vereinzelt auch Langstreckenflüge“, meldet das Unternehmen. Bei den Interkontinentalflügen habe man vor allem Strecken in die USA storniert, weil Lufthansa dort täglich mehrere Verbindungen habe und die Kunden deshalb leichter umbuchen könnten.

Hart getroffen hat die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo mit dem Ausstand auch den Flugverkehr in Europa insgesamt. Der größte Flughafen Deutschlands muss 90 Minuten lang schließen – wegen des Streiks. Die Parkpositionen für Jets seien knapp geworden, hieß es. Vorübergehend darf in ganz Europa kein Flugzeug mehr Richtung Frankfurt/Main starten. Auch aus Berlin.

Für die Mexikanerin Lucia Damian ist die Heimreise von der Hauptstadt aus zu einer Nervenprobe geworden. Frühmorgens las sie noch im Internet, es gebe keine Probleme mit ihrem Flug. Später am Flughafen in Tegel sieht sie, wie nach und nach Frankfurt-Flüge gestrichen werden. Aber sie hat Glück und schafft es, auf einen anderen Flug umgebucht zu werden, der Frankfurt/Main noch erreicht, bevor ihr Anschlussflug nach Mexiko-Stadt abhebt. „Ich hoffe nur, dass der Flieger nach Mexiko nicht bestreikt wird“, sagt die 34-Jährige, bevor sie in Berlin in den Flieger steigt.

Keine Gelassenheit in Frankfurt/Main

Ganz so gelassen bleiben die Fluggäste in Frankfurt/Main nicht. „Es trifft die, die überhaupt nichts dafür können“, sagte der sichtlich genervte Volker Hanf aus dem Taunus, der nach Norwegen fliegen wollte. „Schließlich zahlen wir mit den Ticketpreisen die Gehälter der Lufthansa-Stewardessen.“ Vor den Check-in-Schaltern bilden sich lange Schlangen, die mehrere Hundert Meter bis in andere Abfertigungshallen reichen.

Ein Ufo-Sprecher sagte: „Das war ein Riesenerfolg, auch wenn es uns für die Passagiere und die Kollegen am Boden leidtut. Aber das muss jetzt sein.“ Die Lage an den deutschen Flughäfen dürfte sich nur vorübergehend entspannen. „Es werden sehr bald weitere Streikmaßnahmen stattfinden.“ Wann das nächste Mal gestreikt wird und wo, blieb zunächst unklar.

Ein Ende des Streiks ist jedenfalls nicht in Sicht. Beide Seiten sprechen derzeit nicht einmal miteinander. „Wir sind auf einen sehr langen Arbeitskampf eingerichtet“, sagt Ufo-Chef Nicoley Baublies. Die Streiks sollten in den nächsten Wochen noch verschärft werden. Wenn die Lufthansa nicht einlenke, könne der Ausstand auch bis zum Herbst oder Winter dauern. „Ich habe warme Schuhe dabei“, sagt er. Auch am Wochenende seien Streiks möglich. „Das kommt sehr darauf an, wie die Lufthansa jetzt reagiert und wie massiv sie versucht, die Leute zum Streikbrechen aufzurufen und unter Druck zu setzen.“ Ufo kämpft für höhere Löhne und gegen die Auslagerung von Stellen. Nach Ansicht des Lufthansa-Managements sind wegen der harten Konkurrenz von Billig-Fliegern wie Ryanair dagegen Einschnitte nötig. Am Streiktag profitiert die Konkurrenz wie Air Berlin jedenfalls. Auch die Deutsche Bahn meldet mehr Passagiere.

Golfen und Nebenjob

Vor allem die Sparpläne verärgern die Lufthansa-Stewardessen und -Stewards. Etwa 300 von ihnen haben sich vor einem Tor des weitläufigen Flughafengeländes in Frankfurt/Main, beinahe alle tragen gelbe Streik-Leibchen. „Wir haben einen unheimlichen Zusammenhalt, wir lieben diesen Job“, sagt eine Flugbegleiterin, die ihren Namen nicht nennen will. Das Management zerstöre aber mit seinem Spardiktat die gewachsene Kultur. Der Job sei mit einem Einstiegsgehalt von etwa 22.000 Euro im Jahr alles andere als gut bezahlt – erst nach vielen Dienstjahren erreiche der Lohn ein vernünftiges Niveau. Gerade diese Steigerungsmöglichkeiten wolle die Lufthansa nun kippen.

„Während der Vorstand golfen geht, gehen wir zu unserem Nebenjob“, steht auf einem Plakat der Gewerkschafter. Nach Lufthansa-Angaben können Bordservicekräfte ihr Jahresgehalt auf maximal 54.000 Euro steigern, Kabinenchefs auf bis zu 65.000 Euro. Schnell aufgeben wollen die Stewardessen nicht, sie richten sich auf noch viele Demo-Tage vor dem Werkstor ein: „In unserem Job sind wir es gewöhnt, zwölf Stunden am Stück zu stehen.“

Wie sich mit dem Streik pragmatisch umgehen lässt, zeigen Lea Ziller und Dalila Ovakbi in Berlin. Die Studentinnen haben ihren Lufthansa-Flug nach Toulouse bereits am Donnerstagnachmittag annulliert, als sie hörten, dass es Streik geben könnte. Die Maschine, auf die sie umgebucht haben, fliegt in jedem Fall. „Ich bin nicht sauer, solang ich heute Abend ankomme“, sagt die 22-jährige Ziller. „In Frankreich wird häufiger gestreikt. Wir wussten daher, was zu tun ist.“

lur/art/rtr/dpa