Medizintechnik

Berliner Start-up will MRT-Einsatz revolutionieren

Im Minutentakt in die Röhre: Radiologen sollen nicht mehr die teuren Maschinen kaufen, sondern nur noch bei der Firma Medneo die Bilder.

Für viele Ärzte und Patienten ist die Röhre eine echte Hilfe. Keine schädliche Strahlung, keine Schmerzen, keine Nebenwirkungen, dafür aussagekräftige Bilder fast aller Körperteile: Untersuchungen im Magnetresonanz-Tomographen (MRT) sind gefragt. Doch die Geräte sind teuer, die Wartezeiten gerade für Kassenpatienten lang.

Drei Berliner Jungunternehmer wollen jetzt mit ihrer Firma Medneo das System der MRT-Nutzung revolutionieren. „Oft sind die Geräte in den radiologischen Zentren schlecht ausgelastet“, sagt Mitgründer André Glardon. In keiner Industrie könne man es sich erlauben, ein Investitionsgut im Wert von mehr als einer Million Euro wie einen MRT so schlecht auszulasten. Darauf basiert die Geschäftsidee: Medneo organisiert „eine professionelle Apparate-Gemeinschaft“, sagt Glardons Kollege Matthias Issing. Radiologen kaufen nicht mehr die teuren Maschinen, sondern nur noch die Bilder. Im ersten Medneo-Zentrum an der Reinhardtstraße in Mitte sollen Patienten zwischen sechs und 24 Uhr in die Röhre geschoben werden. Weil sie zwei Liegen nutzen, dauert der Patientenwechsel nur eine Minute anstatt fünf oder zehn in anderen Zentren.

Indem sie die Prozesse im Gesundheitswesen verbessern, wollen die drei Gründer für Patienten, Ärzte und auch die Krankenkassen Vorteile bringen. Sie haben eine eigene Software entwickelt. MRT-Bilder kann der Arzt den Patienten auch auf dem iPad zeigen.

Die drei Unternehmer sind mit ihrer Strategie typisch für Gründer im Bereich der so genannten Life Sciences, den Lebenswissenschaften. Sie kommen aus der Industrie, wo sie als Berater und Vertriebsleute bei Siemens Healthcare ausreichend Gelegenheit hatten, die schwerfälligen Abläufe im Gesundheitswesen zu studieren. Vergleichsweise selten kommen Jungunternehmer in der Biotech oder der Medizintechnik aus der Wissenschaft. Der Sprung aus dem Forschungslabor in eine richtige Firma gelingt nur wenigen.

Kritik an Förderung

Andreas Eckert, Chef des Strahlenmedizin-Unternehmens Eckert & Ziegler und mit seiner Wagniskapitalgesellschaft Eckert Wagniskapital wohl der wichtigste Finanzier von Life-Science-Firmen in der Region, sieht das Verhältnis von Wissenschaftlern zu Gründern in diesem Sektor kritisch. Die These, in den Universitäten und Instituten würde die Basis für künftige unternehmerische Erfolge gelegt und deshalb müsse man mehr Geld in die Forschung pumpen, kann er nach seinen Erfahrungen als „Gründungshelfer“ nicht uneingeschränkt bestätigen.

In Berlin und dem Umland seien in den Universitäten, der Charité, den Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft sowie den Instituten der Fraunhofer-, Leibniz- und Max-Planck-Gesellschaften rund 6000 voll bezahlte Forscher in den Lebenswissenschaften tätig, hat Eckert recherchiert. Das koste den Steuerzahler aus Bund und Land inklusive der stellengebundenen Gemeinkosten rund eine Milliarde Euro im Jahr. Trotz der Masse an Fachkenntnissen seien aber in der Region in den 22 Jahren seit der Wiedervereinigung nur 28 Unternehmen im Bereich der produzierenden Gesundheitswirtschaft entstanden, die heute mehr als 30 Mitarbeiter beschäftigen. „Rein rechnerisch entfällt auf die mindestens 6000 wissenschaftlichen Stellen im Bereich der Berliner Lebenswissenschaften pro Jahr nur eine international anschlussfähige Gründung“, so Eckert.

Seine Diagnose wird noch schärfer, wenn er die Ausgründungen aus der Wissenschaft mit Ausgründungen aus Konzernen wie Bayer-Schering oder Gründungen von Industriepraktikern vergleicht, etwa Brahms in Henningsdorf. Der engere Einfluss der Hochschulen und der wissenschaftlichen Institute wird für technologieorientierte Gründungen dann „erstaunlich niedrig“.

Mangelnde Gründerkultur

Praktiker Eckert führt das unter anderem auf eine mangelnde Unternehmer-Kultur im akademischen Milieu zurück, aber auch auf die Schwierigkeiten, an Kapital für eine meist kostenintensive und lang dauernde Neuentwicklung etwa eines Medikaments zu gelangen.

Einen engeren Bezug zu den Berliner Lebenswissenschaften ordnet Eckert nur zehn Produktionsbetrieben zu. Zu den von Professoren oder Absolventen betriebenen Firmen gehören Berlin Heart mit Wurzeln im Herzzentrum, Mologen aus der Freien Universität und Jerini Peptides aus der Charité. Deutlich mehr neue Unternehmen, nämlich 18, entstanden aus dem Umfeld der Industrie heraus, wurden von Menschen mit einer Sozialisierung außerhalb Berlins aufgemacht oder zwangsweise nach der Wende von abwicklungsbedrohten DDR-Wissenschaftlern gegründet. Trägerschicht für erfolgreiche wissenschaftsinduzierte Gründungen sind laut Eckert zudem nicht unternehmerische Professoren, sondern Studenten oder Nachwuchswissenschaftler ohne feste Stelle.

Unter dem Aspekt der Wirtschaftsförderung, so Eckert, sei es deshalb dringend geboten, mehr in die Ausbildung zu investieren: „Wer Struktureffekte will, sollte die Lehre fördern“, sagt Eckert. Habe der Lebenswissenschaftler erst einmal eine feste Stelle erklommen, sei er für Gründungsaktivitäten oft verloren. Er lebe in einer „Kunstwelt“ der Wissenschaft, wo es darum gehe, wer wen am häufigsten zitiere. Für die früheren Siemens-Manager von Medneo spielt all das keine Rolle. Sie setzen auf Wachstum, wollen in den nächsten fünf Jahren 20 MRT-Zentren weltweit aufbauen und managen. Und sie wissen, dass auch andere teure medizinische Geräte nicht optimal genutzt werden.