Wissenschaftsstandort

Warum der Stadtteil Buch Berlins große Hoffnung ist

„Ein bisschen wie in Harvard“ - Im Norden Berlins hat sich ein hochkarätiger Standort für Firmen aus Medizin und Wissenschaft etabliert.

Foto: dpa / dpa/DPA

Ursula Dahmen-Levison sieht ihr Unternehmen wie eine Mutter. „Das Kind muss man groß machen, es muss laufen können, es muss wachsen“, sagt sie. Dahmen-Levisons Baby ist die Aokin AG.

Sie hat ein Verfahren entwickelt, um in nur sechs Minuten giftige Schimmelpilze in der Ladung eines Lastwagens aufzuspüren, egal, ob er Kaffeebohnen oder Korn geladen hat. Bisher dauerte so etwas meist Stunden.

Noch beschäftigt die Chemikerin und Physikerin im Biotechnologiepark in Berlin-Buch um die zehn Mitarbeiter. Sie hat einige Dutzend ihrer Spürapparaturen samt Zubehör weltweit verkauft.

Der Markt für ihre Spektrometer sei riesig, sagt Dahmen-Levison, weil Großbäckereien oder Cornflakes-Produzenten immer stärker auf Qualitätskontrollen setzen müssten. Jeder Lebensmittelskandal und jede Rückrufaktion schaffe „Wellen der Aufmerksamkeit“ für ihr System.

Großer Hoffnungsträger

Ursula Dahmen-Levison und ihre junge Firma gehören zu den sogenannten Lebenswissenschaften, zu denen Biotechnologie und Gesundheitswirtschaft zählen. Dieser Sektor gilt als der große Hoffnungsträger der Berliner Wirtschaft.

Eine Studie der Darmstädter Wirtschaftsforscher von Wifor geht von einer Wertschöpfung von rund elf Milliarden Euro aus, 13 Prozent der Berliner Wirtschaftsleistung. Die Wachstumsaussichten sind mit mehr als 50 Prozent bis 2030 deutlich besser als die in anderen Branchen.

Ein Kraftzentrum der Berliner Lebenswissenschaften liegt weit im Nordosten der Hauptstadt, in Buch, dem einzigen Berliner Stadtteil außerhalb der Autobahn Berliner Ring. Um das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC), eine der weltweit führenden Forschungseinrichtungen in der Biomedizin, gruppieren sich weitere Forschungsinstitute, 51 Biotechfirmen, Pflegeheime und Krankenhäuser, vor allem das Helios-Klinikum mit seinen 1000 Betten.

Ein enormes Potenzial, historisch gewachsen aus dem größten Krankenhausstandort der Region, aus dem viel Dynamik entsteht. Und das, obwohl sich viele in Buch von der Berliner Politik unzureichend unterstützt fühlen.

Autobahnanschluss fehlt

„Wir haben eine suboptimale Infrastruktur vor Ort“, formuliert vorsichtig Ulrich Scheller, der den Biotechnologiepark Berlin-Buch (BBB) leitet. Seit Jahren kämpfen die Unternehmen dort um einen eigenen Autobahnanschluss, um eine Sanierung des maroden S-Bahnhofes, um eine bessere Verkehrsanbindung des baumreichen Campus, um Geld für dringende Sanierungen und um Erweiterungsflächen für Unternehmen. Eigentlich sei dies kaum zu verstehen, denn dort sei schließlich „nur ein i-Tüpfelchen zu setzen, damit die Saat aufgehen kann“, sagt Scheller.

Deutlicher wird da schon Professor Josef Zacher, ärztlicher Direktor des Helios-Klinikums, der 1993 aus Tübingen an die damals noch kommunale Klinik in Buch wechselte. „Die Politik in Berlin will wegen der Geschichte nicht viel mit Buch zu tun haben“, ist der Orthopäde überzeugt. Denn nach dem Fall der Mauer war der größte Klinikstandort der DDR Abwicklungskandidat.

Allein die kommunale Klinik strich 1500 Betten. Bauzusagen wurden nicht eingehalten, Investitionen verweigert, das Klinikum stand vor der Pleite. „Man fühlte sich als städtischer Klinikangestellter vom Senat verraten“, beschreibt Josef Zacher die Gefühle in den 90er-Jahren. 2001 stieg dann dort der private Helios-Konzern ein, schaffte neue medizinische Geräte an und errichtete neben den historischen Klinikbauten für 200 Millionen Euro ein neues Großkrankenhaus.

„Und jetzt sagen die Politiker, Buch sei eine Erfolgsgeschichte“, grantelt der sonst so verbindliche Bayer. Er ist überzeugt, dass sich in Buch mehr bewegen würde, wenn der Ort eine eigene Kleinstadt wäre und kein Teil von Pankow und Berlin. „Ich würde von der Politik mehr erwarten“, sagt der Professor.

Weltweit in der Spitzengruppe

Dabei schreibt Buch durchaus Erfolgsgeschichten für die Berliner Gesundheitswirtschaft. Das MDC, vor 20 Jahren aus zu DDR-Zeiten in Buch tätigen Akademie-Instituten für Molekularbiologie sowie Krebs- und Herz-Kreislauf-Forschung neu gegründet, rangiert in Ranglisten der besten Forscher in Molekularbiologie und Genetik weltweit in der Spitzengruppe.

„Wir können auch in den Arbeitsbedingungen mit Harvard und anderen mithalten“, sagt der wissenschaftliche Stiftungsvorstand des MDC, Professor Walter Rosenthal. 1500 Mitarbeiter, davon 800 Forscher und mehr als 300 Doktoranden aus mehr als 50 Staaten – das MDC wächst. Die Ausstattung ist erstklassig.

Der hochmoderne DNA-Sequenzierer, den Kanzlerin Angela Merkel (CDU) 2011 dort in Betrieb setzte, analysiert das menschliche Erbgut in Echtzeit und generiert an einem Tag Daten, die leistungsstarke Rechner verarbeiten und den Forschern Einblicke darüber erlauben, wie Gene miteinander interagieren. „Das eröffnet uns einen neuen Zugang zur personalisierten Medizin“, sagt Max-Delbrück-Professor Nikolaus Rajewsky. Ziel sind Therapien, die auf den einzelnen Patienten abgestimmt sind.

Um die Spitzenforscher herum gruppiert sich ein Cluster aus Unternehmen und Instituten wie das Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie mit 260 Mitarbeitern und die klinische Forschung des Universitätsklinikums Charité mit 300 Beschäftigten. „Hier wirkt die Exzellenz der Wissenschaft“, sagt Campus-Manager Scheller, „der Ruf des MDC lockt Unternehmen an.“

Wie schon in den 20er-Jahren, als hier der berühmte Hirnforscher Oskar Vogt sein Institut aufbaute, ist es die Nähe zu den Patienten, die Forschung ermöglicht und vorantreibt. Denn es gehe eben nicht nur um die reine Grundlagenforschung, sondern eben auch darum, die neuen Erkenntnisse aus den Forschungslaboren in Therapien und Diagnosen und damit in die Praxis umzusetzen, sagt MDC-Direktor Rosenthal.

Warten auf den Durchbruch

„Wir haben etwas, was für das MDC interessant ist“, sagt der ärztliche Direktor der Helios-Klinik, Josef Zacher, „nämlich die rund 5000 stationären Herz-Kreislauf-Patienten“.

Mit zwei wichtigen Investitionsprojekten rücken die MDC-Wissenschaftler näher an die Praxis heran. Seit 2009 scannt ein Wundermagnet, der weltweit stärkste Magnetresonanztomograf (MRT), Patienten und erzeugt Bilder von Organen in bis dahin ungekannter Qualität.

Mit den MRT-Schnittbilder des menschlichen (oder tierischen) Körpers, wird es möglich die Organe genau zu beurteilen und viele krankhafte Organveränderungen zu erkennen. Die belastende Röntgenstrahlung oder andere ionisierende Strahlung fällt für den Patienten weg.

Gemeinsam mit der Charité baut das MDC auf dem Campus das Experimental and Clinical Research Center, in dem Krankheiten wie multiple Sklerose erforscht und therapeutische Ansätze erprobt werden. Um solche gemeinsamen Vorhaben weiter voranzubringen, wollen MDC und Charité möglichst bald auch institutionell zusammengehen.

Während Wissenschaft und angewandte Forschung in Buch florieren, warten die Unternehmen bis auf wenige Ausnahmen auf den großen Durchbruch. Nur Andreas Eckert hat es mit seinem Strahlen- und Medizintechnikunternehmen Eckert & Ziegler AG (EZAG) geschafft, seine nach der Wende gemeinsam mit dem MDC-Wissenschaftler Jürgen Ziegler gegründete Firma in einen echten Mittelständler mit 600 Mitarbeitern und fast 120 Millionen Euro Jahresumsatz zu verwandeln.

„Keine Ahnung von der Technologie”

Andreas Eckert ist nach eigenen Worten mit seiner eigenen Wagniskapital-Firma ein „Seriengründer“ im Bereich der Lebenswissenschaften. 28 Unternehmen hat er in Berlin seit 1992 an den Start gebracht. Er schließt eine Lücke, denn an Kapital zu kommen ist für Biotechunternehmen deutlich schwieriger als etwa für Internet-Start-ups.

Auch die Aokin-Gründerin Ursula Dahmen-Levison konnte ihr Projekt zur schnellen Suche nach Giften in Lebensmitteln nur deshalb umsetzen, weil sie über ihren amerikanischen Schwiegervater Geld von dessen Bekannten akquirierte. Sonst hätte sie nicht genug Kapital zusammenbekommen.

Anders als die Wissenschaftlerin, die auch selbst noch daran forscht, ihr Verfahren etwa auf die Analyse von Fleisch auszuweiten, hat Seriengründer Eckert „keine Ahnung von der Technologie“, wie er lächelnd einräumt. Aber er sucht sich Fachleute und übernimmt selbst das Kaufmännische.

„Goldstein der Branche“

Eines seiner Babys steht kurz vor dem großen Sprung. Glycotope, 1999 von Eckert gemeinsam mit dem MDC-Forscher Steffen Goletz gegründet, sei der „Goldstein der Branche“, sagt der Unternehmensfinanzierer. Vier klinische Produkte seien in der Pipeline, zum Teil bereits in der klinischen Erprobung. Vereinfacht gesagt, umgibt Glycotope neue oder vorhandene Wirkstoffe mit einem Zuckermantel, senkt so Nebenwirkungen und sorgt für einen neuen Patentschutz für das verbesserte Präparat.

Bis vor Kurzem gab es Verhandlungen mit dem Darmstädter Pharmariesen Merck, der mit der Hilfe der Berliner sein Krebsmedikament Erbitux verbessern wollte. Wäre man sich handelseinig geworden, hätte das Unternehmen sehr schnell Platz für eine größere Produktion gebraucht. Hektisch wurden die Räume im BBB hergerichtet, mit Nachdruck versuchte Campus-Manager Scheller, die lange ins Auge gefasste Campus-Erweiterungsfläche jenseits der Karower Allee zur Baureife zu bringen.

Dann platzte der Deal mit Merck. „Wir sind hier abhängig von Entscheidungen, die anderswo fallen“, sagt Scheller. Einige Firmen hätten einen „Reifegrad“ erreicht, wo sie für das große Business interessant seien.

Gute Kontakte, exzellentes Netzwerk

Der Biotechnologiepark in Buch ist zu 90 Prozent belegt. Was für Scheller angesichts der „Dauerkrise der Biotechnologie“ ein Erfolg ist, sieht der Erfolgsunternehmer eher kritisch: „Ein guter Campus ist nie voll“, sagt Eckert, man müsse schon jetzt Reserveflächen haben, „um Unternehmen wie Glycotope hier zu halten.“

Mit seiner eigenen Firma war er schon kurz davor, Buch zu verlassen. Aber dann besann er sich, wegen der guten Kontakte zu Wissenschaft und Kliniken und weil es doch noch klappte mit dem Neubau am Campus. MDC-Direktor Rosenthal bringt auf den Punkt, was den Standort Buch trotz aller Schwierigkeiten besonders macht – das exzellente Netzwerk nämlich: „Die Nähe hier hilft ungemein.“