Bei Karstadt liegen offenbar wieder einmal die Nerven blank. Bereits am Wochenende widersprach der Essener Warenhauskonzern Meldungen, er werde zerschlagen. Das einfache Dementi reichte aber offenbar nicht aus, um die Aufregung zu beruhigen. Deshalb äußerte sich jetzt Karstadt-Aufsichtsratschef Jared Bluestein persönlich. Er sagte, Meldungen über einen geplanten Verkauf der Sport-Filialen und der Premium-Häuser – darunter das KaDeWe in Berlin – seien „unwahr und entbehren jeglicher Grundlage“. Handelsexperten sehen das anders.
Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte am Wochenende berichtet, Bluestein verhandele im Auftrag von Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen persönlich mit der Qatar Holding und dem kanadischen Familienunternehmen George Weston Limited über die Premium-Häuser Alsterhaus (Hamburg), KaDeWe (Berlin) und Oberpollinger (München). Beide Investoren sind bereits im Warenhaus-Geschäft engagiert.
Berggruen-Intimus Bluestein wischte diese Darstellung in seiner knappen Erklärung vom Tisch: „Nicolas Berggruen ist ein langfristig orientierter Investor und dementiert entschieden, dass Teile des Karstadt-Geschäfts verkauft werden sollen.“ Der Unternehmer stehe voll hinter Karstadt-Chef Andrew Jennings und dessen Strategie. Umsatz- oder Ergebniszahlen allerdings hat Karstadt seit der Berggruen-Übernahme nicht publiziert – was Beobachter nicht gerade als Beweis für die Behauptung werten, die Traditionsmarke befinde sich auf dem richtigen Weg.
Auch nach zwei Jahren eine Baustelle
Schließlich ist nicht zu übersehen, dass Karstadt auch zwei Jahre nach Übernahme durch Berggruen noch eine Baustelle ist. Erst im Juli kündigte der Konzern an, bis Ende 2014 insgesamt 2000 Vollzeitstellen zu streichen. Weil im Unternehmen viele Teilzeitkräfte beschäftigt werden, könnte das bedeuten, dass 3000 oder sogar 4000 Mitarbeiter ihre Jobs verlieren. Konzernchef Jennings betonte, angesichts der Euro-Krise müsse Karstadt seinen Verwaltungsaufwand verringern und die Organisationsstrukturen im gesamten Unternehmen neu ausrichten.
Die Erfolgsaussichten sind allerdings umstritten, nicht zuletzt weil sich Berggruen bislang mit eigenen Investitionen in das Unternehmen zurückhielt. Zu diesem Thema soll es bereits zu Unstimmigkeiten zwischen Jennings und Berggruen gekommen sein. Zwar plant Karstadt, insgesamt rund 400 Millionen Euro in die Modernisierung von rund 60 Warenhäusern zu investieren, doch muss der Konzern das Geld selbst erwirtschaften. Bislang flossen deshalb erst rund 160 Millionen Euro in die Aufwertung der Filialen – zu wenig nach Auffassung vieler Fachleute.
Ob Berggruen bisher überhaupt nennenswerte Summen in das Unternehmen gesteckt hat, ist vollkommen unklar. Im Oktober 2010 hatte er die Kette mit 120 Häusern für einen einzigen Euro vom Insolvenzverwalter gekauft. Danach soll er seinem Unternehmen einen Kredit in zweistelliger Millionenhöhe angeboten haben. Im Umfeld ist allerdings zu hören, dass Berggruen den größten Teil der Summe bereits wieder aus der Firma heraus gezogen habe. Nach anderen Quellen wurde der Kredit überhaupt nie gezogen.
Handelsexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg rechnet trotz des Dementis früher oder später mit einer Zerschlagung der Warenhauskette: „Der Verkauf der Premium-Häuser und der Sporthäuser wird so sicher kommen wie das Amen in der Kirche.“ Denn der Verkauf sei „die naheliegendste Möglichkeit“, an Geld zu kommen. Dies gelte nicht nur, wenn Berggruen Kasse machen wolle, sondern auch dann, wenn er den Konzern retten wolle.
„Für die Modernisierung der Häuser bräuchte er bestimmt mindestens eine halbe Milliarde, vielleicht auch eine Milliarde Euro“, sagte Roeb. „Das lässt sich aus dem laufenden Geschäft nicht stemmen, und selbst investieren will er offenbar nicht.“ Auf Dauer rechnet der Experte mit einem Zusammenschluss von Karstadt und dem Rivalen Kaufhof zu einer Warenhaus AG – mit entsprechendem Stellenabbau.
dapd/sl/mim




