Wirtschaftssenatorin

„Die Industriestadt Berlin ist im Kommen“

Auf Wachstumskurs: Berliner Firmen wie Siemens haben die Krise gut überstanden, die Exportquote hat inzwischen den Bundesschnitt erreicht.

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Die Berliner Industrie hat sich vom Krisenjahr 2009 erholt und mit einem Außenhandelsanteil von 45 Prozent inzwischen Anschluss an die bundesdeutsche Exportquote erreicht. „Die Industriestadt Berlin ist im Kommen“, sagte Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz (parteilos für CDU), als sie am Freitag die Zwischenbilanz zum „Masterplan Industriestandort Berlin 2010 – 2020“ vorstellte.

Mit rund 30 Projekten soll der Masterplan – in Zusammenarbeit mit Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften und Fördereinrichtungen – die gewerbliche Wirtschaft der Stadt stützen und weitere Industriebetriebe in die Stadt ziehen. So sollen Existenzgründer unterstützt und Hochschulen und Betriebe vernetzt werden. Zudem stellt der Senat in diesem Jahr 2,4 Millionen Euro bereit, um mittelständische Unternehmen mit dem Programm „Innovationsassistent/in“ zu helfen, Hochschulabsolventen einzustellen. Die „Lange Nacht der Industrie“, die am 9. Mai ihre Premiere in Berlin hatte, solle zur ständigen Einrichtung werden, kündigte von Obernitz an.

Zukunftsprojekt Tegel

Größtes industrielles Zukunftsprojekt ist der Flughafen Tegel. Dort sollen rund 210 Hektar gewerbliche Baufläche mit dem Schwerpunkt „Forschungs- und Technologiepark“ entstehen, wenn der Flughafen geschlossen und der neue Hauptstadtairport BER eröffnet ist.

Noch dieses Jahr will die Wirtschaftssenatorin ein Strukturkonzept für Tegel vorlegen. Der Umzug von Teilen der Beuth-Hochschule von Wedding nach Tegel gehöre dazu, sagte von Obernitz. Zudem würden saubere Technologien, besonders Elektromobilität, in Tegel angesiedelt. Im August will die Senatverwaltung für Stadtentwicklung die bauplanerischen Grundlagen für das Areal vorstellen.

Mit einem Umsatz von 25 Milliarden Euro und einer Bruttowertschöpfung von 9,3 Milliarden Euro haben die Berliner Industrieunternehmen 2011 nach Angaben der Senatswirtschaftsverwaltung den Einbruch im Krisenjahr 2009 mehr als ausgeglichen. Im vergangenen Jahr waren mit 105.577 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigen wieder leicht mehr Menschen in Berlins Industrieunternehmen tätig als 2009. Besonders die Zahl der hochqualifizierten Arbeitsplätze in der Stadt habe zugenommen, sagte die Wirtschaftssenatorin. „Leider geht damit noch immer insgesamt eine hohe Arbeitslosenzahl in der Stadt einher. Hier müssen wir nachsteuern.“

Trotz konjunktureller Rückschläge – im Mai meldete das statistische Landesamt für die Berliner Industrie Umsatzeinbrüche von 9,1 Prozent – sehen auch Wirtschaftsvertreter die Berliner Industrie strukturell im Aufwind. Allerdings mahnen sie Nachholbedarf bei der Berliner Infrastruktur an. So begrüßt Christian Wiesenhütter, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, das Bekenntnis der Wirtschaftssenatorin zum Industriestandort Berlin. „In der gemeinsamen Initiative wurden viele Fortschritte gemacht, die uns in nachhaltig wachsenden Industriebranchen gut positioniert haben“, sagte Wiesenhütter.

Die gewerbliche Wirtschaft benötige jedoch vor allem bei Infrastruktur und Genehmigungsverfahren mehr Hilfe seitens des Senats. So fordert die IHK den beschleunigten Bau der Tangentialverbindung Ost, einer Schnellstraße von Pankow im Norden zur Autobahn A113 im Süden. Auch den Umzug der Beuth-Hochschule von Wedding zum Flughafen Tegel hält die IHK mit bereitgestellten fünf Millionen Euro für „eher unterfinanziert“.

Kräftige Wachstumsimpulse durch die Berliner Industrie haben auch die Unternehmerverbände Berlin-Brandenburg (UVB) registriert. „Man darf allerdings nicht außer Acht lassen, dass es sich um einen Aufholprozess handelt“, sagte Jens Werthwein, UVB-Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik. Berlin habe über Jahrzehnte hinter dem Bundesgebiet zurückgelegen. Die Ergebnisse des Masterplans Industriestandort wertet auch der UVB-Vertreter positiv. Industriepolitik in Berlin sei aber „eher ein Langstreckenlauf“. Es komme nun darauf an, die Kooperation der Beteiligten zu verbessern.

Wirtschaftssenatorin von Obernitz kündigte an, sowohl für die Abstimmung zwischen den Ämtern als für den Dialog mit den Unternehmen etwas zu tun. Damit ihre Verwaltung ein besseres Gespür für die Belange der Betriebe bekommt, lässt die Senatorin ihre Mitarbeiter in Berliner Unternehmen hospitieren. Beamte und Angestellte der Behörde arbeiten in diesem Jahr eine Woche lang in einem von 20 Firmen.