Schuldenkrise in Griechenland

13 Stunden und 130 Milliarden Euro

Wie die Euro-Finanzminister das Rettungspaket für Greichenland schnürten. Und warum ein weißes Hemd am Morgen hilft.

Foto: AFP

Viel Schlaf hat Wolfgang Schäuble (CDU) nicht bekommen. Morgens um viertel nach fünf hatte der Finanzminister in Brüssel zum Gespräch geladen, um die Ergebnisse einer langen Verhandlungsnacht zu verkünden. Anschließend stand ein Radiointerview an und schon um neun Uhr eine Telefonkonferenz mit den Haushalts- und Europapolitikern der Bundestagsfraktionen. Er habe die Kollegen unterrichtet und auch ihre Fragen beantwortet, „soweit es heute früh beim derzeitigen Kenntnisstand Fragen gab“, sagt der Finanzminister.

Mittlerweile ist es Dienstagmittag, es war Zeit, das Hemd zu wechseln. Ein weißes Oberhemd lässt jeden müden Mann wach aussehen. Schäuble sitzt wieder vor Journalisten. Die Rettung Griechenlands ist für ihn nicht nur ein Ringen mit den europäischen Kollegen, sondern immer auch ein Werben beim heimischen Publikum. Die Euro-Finanzminister haben den Weg frei gemacht für ein zweites Hilfspaket für das hoch verschuldete Land. Die Pleite der hoch verschuldeten Griechen scheint zunächst abgewendet. Wieder einmal.

Jeder ein bisschen mehr

Nach 13 Stunden war in der Nacht der letzte Knoten aufgeknüpft, die Einigung mit dem Internationalen Bankenverband(IIF) über den Schuldenverzicht geschafft. Jede Partei musste ein bisschen mehr geben: Der IIF stimmte einem größeren Schuldenerlass für das vor der Pleite stehende Land zu. Die Euro-Länder helfen, im Verein mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), mit 130 Milliarden Euro. Außerdem senken sie Zinsen für Kredite an Athen aus dem ersten, noch laufenden Hilfspaket.

Dies alles soll reichen, um die griechischen Schulden bis 2020 wieder auf ein halbwegs tragfähiges Niveau von 120,5Prozent der Wirtschaftsleistung zu bringen. Das Ergebnis sei „gut zu verantworten“, so Schäuble, zu dieser Einschätzung müsse man „nach sorgfältiger Prüfung“ kommen. „Es ist keine einfache Entscheidung.“ Es bestehe aber eine „überwiegende Chance“, dass Griechenland mit dem Programm über einen längeren Zeitraum seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern und „auf den nachhaltigen Pfad der Gesundung“ kommen könne. Freilich müsse Athen auch seinen Verpflichtungen nachkommen. Chancen, Gelegenheiten, Bedingungen: Die Finanzminister der Euro-Zone zeigen sich überzeugt, das Beste aus der Lage gemacht zu haben. Weniger wäre zu wenig, mehr ging nicht.

Damit stehen die Hilfsmaßnahmen – als politische Grundsatzeinigung. Zweifel gibt es dennoch, auch wenn keiner der Teilnehmer von der Gefahr des Scheiterns sprechen wollte nach den Stunden, in denen die Luft im Sitzungssaal der Finanzminister immer schlechter wurde. Ihr Vorsitzender Jean-Claude Juncker hatte seine Zigaretten ausgepackt und im Raum begonnen zu rauchen. Nach den Stunden der Pendelei. Dreimal hatte Juncker die Sitzung unterbrochen, damit Griechenlands Emissäre hinüberwechseln konnten an den Tisch mit ihren privaten Gläubigern, vertreten durch den IIF. Wann war es so weit? Nach der dritten Pause, morgens gegen vier Uhr, hatten sich die Partner gegenseitig so mürbe gemacht, dass die Einigung stand.

Yannis Manuelides, der für die Banken am Tisch saß, sagt es profan. „Wenn Sie Rührei machen, wann ist es perfekt?“, fragt er, die erste Tasse Filterkaffee in einem der besseren Brüsseler Hotels in der Hand, auch er ein frisches weißes Hemd am Körper. So wenig habe man das heute Nacht sagen können. Und das Ergebnis? „Ist perfekt geworden.“

Diese Überzeugung müssen die Teilnehmer der Verhandlungsnacht nun transportieren. In Deutschland muss der Bundestag dem Rettungspaket am kommenden Montag zustimmen. Doch in Berlin tat man sich zunächst schwer, den Brüsseler Beschluss zu bewerten – trotz Schäubles Werbeoffensive. Zu unübersichtlich die Lage, zu kompliziert die Details. Noch würden keine belastbaren Papiere vorliegen, also könne man nichts sagen, hieß es an entscheidender Stelle der Unionsfraktion.

Am einfachsten war es noch für die Kritiker, FDP-Rebell Frank Schäffler etwa. Er hält die ganze Griechenland-Rechnung für Makulatur. „Der Finanzbedarf ist mindestens doppelt so hoch“, sagt er. „Griechenland steuert auf Weimarer Verhältnisse zu.“ Man solle das Geld lieber nutzen, um den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone zu unterstützen.