Schuldenkrise

Griechenland - nach der Rettung ist vor der Rettung

Die Finanzminister der Euro-Zone haben sich auf ein neues Hilfspaket geeinigt. Doch vieles ist noch immer offen. Morgenpost Online beantwortet die wichtigsten Fragen.

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Griechenland hat bereits ein Hilfspaket bekommen, warum wird ein zweites nötig?

Im Mai 2010 einigten sich Euro-Länder, Internationaler Währungsfonds und die EU darauf, Griechenland mit Krediten von 110 Milliarden Euro zu stützen, um das Land vor der Pleite zu bewahren. Im Gegenzug musste die Regierung harte Reformen versprechen. Das Geld wird in einzelnen Tranchen ausgezahlt – je nach Reformfortschritt. Doch es hat sich gezeigt, dass das erste Hilfspaket nicht ausreicht, die Wirtschaft hat sich nicht so erholt, wie gewünscht, auch weil die Reformen nur lasch umgesetzt wurden.

Woraus besteht das zweite Hilfspaket?

Die Hilfen für Griechenland bestehen im Wesentlichen aus zwei Teilen: Einerseits erklären sich die Europäer bereit, weiterhin erhebliche Milliardenbeträge nach Athen zu pumpen. Andererseits verzichten private Gläubiger auf Geld.

Um welche Summen geht es?

Allein an direkten Hilfskrediten braucht das marode Land im Süden Europas etwa 130 Milliarden Euro. Der Großteil kommt aus der EU. Eine deutlich geringere Summe wird der Internationale Währungsfonds (IWF) nach Athen überweisen. Wie viel genau, ist bislang unklar. Zu den direkten Hilfen der Europäer kommen noch die Zinsnachlässe bei den Hilfskrediten aus dem ersten Hilfspaket für Griechenland. Neben den EU-Staaten sollen Banken, Versicherungen und Fonds einen erheblichen Teil der griechischen Probleme tragen.

Insgesamt hat das Land Schulden von 350 Milliarden Euro. Rund 200 Milliarden Euro davon schuldet Griechenland Banken, Versicherungen, Hedgefonds und Privatanlegern. Sie sollen nun auf 53,5 Prozent des Nennwertes der entsprechenden Anleihen freiwillig verzichten – das entspricht 107 Milliarden Euro. Dies wurde mit dem Internationalen Bankenverband IIF vereinbart.

Wie werden die Anleihen getauscht?

Das Umtauschangebot soll von diesem Mittwoch an und bis 11. März gelten. Es richtet sich an alle Gläubiger Athens, also auch Kleinanleger. Das Angebot sieht vor, dass die Gläubiger für je 1000 Euro an alten Anleihen neue griechische Anleihen im Nennwert von 315 Euro (31,5 Prozent des alten Nennwerts) sowie Anleihen im Wert von 150 Euro (15 Prozent) des europäischen Rettungsschirms EFSF erhalten, hinter dem die übrigen Euro-Partner stehen. Für beide Anleihen muss am Ende die griechische Regierung Zinsen zahlen und sie auch tilgen, im Falle des EFSF-Anteils bürgen jedoch die anderen Euro-Partner, so dass dieser als recht sicher gilt. Die EFSF-Anleihen haben eine Laufzeit von zwei Jahren, während die neuen griechischen Papiere 30 Jahre laufen sollen.

Wie hoch werden die neuen Papiere verzinst?

Der Zins wird gestaffelt: Bis Februar 2015 beträgt er zwei Prozent, in den folgenden fünf Jahren drei Prozent und von Februar 2020 bis zum Ende der Laufzeit 4,3 Prozent. Der Durchschnittszinssatz liegt damit bei 3,65 Prozent. Zusätzlich erhalten die Anleger außerdem einen Besserungsschein. Entwickelt sich Griechenlands Wirtschaft besser als erwartet, so sollen die Gläubiger von 2015 an einen Zuschlag von einem Prozent erhalten.

Was passiert, wenn nicht genügend Gläubiger freiwillig mitmachen?

Angestrebt ist ein freiwilliger Umtausch von 90 Prozent der ausstehenden Anleihen. Dies ist Voraussetzung dafür, dass Griechenland seine Schulden bis 2020 auf 120,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts senkt. Deshalb sollen die Gläubiger letztlich zum Mitmachen gezwungen werden, wenn es freiwillig nicht klappt. Dazu will die Regierung noch in dieser Woche ein Gesetz auf den Weg bringen, mit dem die Anleihebedingungen nachträglich geändert werden können. Nach griechischem Recht ist das möglich. Damit könnte das freiwillige Angebot als zwingende neue Bedingung für die bereits ausgegebenen Anleihen festgeschrieben werden. Dann kann sich niemand mehr verweigern.

Sollte man als Kleinanleger seine Anleihen nun tauschen?

Wer Anleihen besitzt, die in nächster Zeit fällig werden, sollte erst einmal versuchen, so davonzukommen. Denn gibt es keinen Zwangstausch der Anleihen, müsste der Anleger sein Geld komplett zurückerhalten. Am größten wären die Chancen beispielsweise bei der Anleihe, die am 20. März fällig wird. Das sind nur noch vier Wochen, und so lange könnten die derzeitigen Vereinbarungen halten. Das Schlimmste, was einem solchen Anleger passieren könnte, wäre ja, dass er am Ende doch noch zum Anleihentausch gezwungen wird.

Je ferner der Fälligkeitszeitpunkt liegt, desto größer werden aber die Gefahren. Denn eine neue Regierung könnte den Austritt aus der Euro-Zone beschließen, oder die Euro-Partner könnten zwischenzeitlich die Geduld verlieren und den Geldhahn zudrehen, sprich: Griechenland geht pleite. Dann würden jene, die das Umtauschangebot angenommen haben, immerhin über einen Anteil verfügen, der vom Rettungsschirm EFSF besichert ist.

Worauf verzichtet die Europäische Zentralbank?

Nicht nur die privaten Gläubiger, auch die Europäische Zentralbank (EZB) soll zur Rettung Griechenlands beitragen. Die Rechnung ist kompliziert: Die britische Bank Barclays rechnet, dass die EZB griechische Anleihen im Wert von rund 41 Milliarden Euro gekauft hat, um die Märkte zu stabilisieren. Der Kaufpreis betrug nur rund 35 Milliarden Euro, weil der Marktwert der Anleihen gesunken war.

Weil die EZB beim Anleihetausch jetzt nicht mitmachen muss, bekommt sie am Ende der Laufzeit ihrer Anleihen aber die volle Summe von 41 Milliarden Euro ausgezahlt, dieses Geld soll über die EU-Regierungen zurück an Athen fließen. Außerdem bekommt die EZB die Zinsen aus diesen Anleihen. Barclays kalkuliert hier zwölf Milliarden Euro. Auch dieses Geld könnte an Athen gehen. Das zusammen entspricht schon fast sechs Prozent der Wirtschaftsleistung Griechenlands.

Worauf verzichten die Euro-Staaten?

Die Mitglieder der Euro-Zone überweisen nicht nur Milliarden nach Athen, sie verzichten auch auf Geld, das ihnen zusteht. Denn sie senken den Zinssatz für die Kredite, die sie im ersten Hilfspaket gewährt haben. Einige Geberländer kann das teuer zu stehen kommen, weil sie sich das Geld, das sie an Griechenland als Kredit vergeben haben, ja selbst nur liehen. Müssen sie selbst mehr Zinsen zahlen, als sie vonGriechenland bekommen, gibt es keinen Ausgleich.

Was kostet die Rettung Deutschland?

Bisher betrug das Risiko für die Bundesrepublik knapp 30 Milliarden Euro. Mit dem neuen Hilfspaket geht Deutschland nach Berechnungen der Berliner Morgenpost neue Risiken im Wert von 31 Milliarden Euro ein.

Was musste Athen versprechen?

Die Liste, die die Griechen an Bedingungen zu erfüllen hatten, ist lang: Einerseits müssen sie sich nun auf das Treuhandkonto einlassen, mit dem ihnen die anderen Europäer jederzeit den Zugang zu den Krediten sperren können. Andererseits musste Griechenlands Regierung weitere Zusagen für das Spar- und Reformprogramm machen.

So werden die Griechen unter anderem Stellen in ihrem aufgeblasenen Beamtenapparat streichen müssen. Renten sollen gekürzt, Mindestlöhne gesenkt und Lohnerhöhungen im privaten Sektor ausgesetzt werden.

Ist Griechenland gerettet?

Weit mehr als 240 Milliarden Euro schwer ist der gesamte Teil II der Griechenland-Rettung. Und trotzdem ist die Lage schlecht. Auf den angepeilten Schuldenstand von 120,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 2020 kommt Griechenland nur, wenn die Wirtschaft von 2014 an konstant um mindestens zwei Prozent pro Jahr wächst. Das ist aber – zumindest aus heutiger Sicht – wenig realistisch.

Fällt das Wachstum in den kommenden Jahren auch nur um einen halben Prozentpunkt schlechter aus, als es die EU derzeit vorhersagt, ist ein Schuldenstandes von 120,5 Prozent bereits Makulatur. Dann – und nicht nur dann – könnte Griechenland vielleicht gezwungen sein, doch noch aus dem Euro auszutreten, wodurch auch die Bedienung der neuen Anleihen nicht mehr möglich wäre. Dann wäre Griechenland doch noch pleite.

Hinzu kommt die Unsicherheit über das Verhalkten der griechischen Regierung. „Bislang hat die griechische Regierung nie gehalten, was sie versprochen hat“, hieß im deutschen Regierungsumfeld. „Warum sollte es dieses Mal anders sein?“ Und dann ist da noch der griechische Wähler. Voraussichtlich im April wählt Griechenland ein neues Parlament, und derzeit hätten Umfragen zufolge beide großen Parteien nicht einmal zusammen eine Mehrheit. Zulegen können dagegen die radikalen Gegner der Sparpakete. Sollte es also zu einem politischen Umschwung in Griechenland kommen, so könnten all diese Versprechen schnell wieder passé sein.

Jörg Krämer von der Commerzbank hat daher eine ganze simple Erwartung: „In der zweiten Jahreshälfte ist die Wahrscheinlichkeit beträchtlich, dass eine frustrierte Staatengemeinschaft Griechenland den Geldhahn zudreht.“