Solche Worte hört jeder Politiker gerne: „Ich bin gekommen, um Ihnen zu gratulieren“. Mit diesen Worten präsentierte Angel Gurría, der Generalsekretär der OECD den „Wirtschaftsbericht Deutschland 2012“.

Am Dienstag übergab Gurría den Bericht Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und sparte nicht mit Lob: „Deutschland ist sicher durch die Finanz- und Wirtschaftskrise manövriert“, sagte der Generalsekretär der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), eines Zusammenschlusses vorwiegend wohlhabender Staaten.

Doch trotz allen Lobes: Gurría war eigentlich gekommen, um eine Warnung zu überbringen. Denn die Experten der OECD erwarten, dass Deutschlands langfristiges Wachstum bereits im kommenden Jahrzehnt stark zurückgehen wird, wenn die Politik nicht gegensteuert.

Im Moment wächst die deutsche Wirtschaft jedes Jahr im Schnitt um 1,5 Prozent, das ist im internationalen Vergleich ohnehin niedrig. Nach 2020 drohe das jährliche Langfristwachstum allerdings auf ein Prozent zu sinken, schreiben die Ökonomen der OECD.

"Nicht auf Lorbeeren ausruhen"

Verantwortlich dafür sei die schrumpfende und schnell alternde Bevölkerung, denn mit beiden Entwicklungen sinke auch die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte hierzulande. „Deutschland darf sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen“, sagte Gurría. „Das Land muss über das reine Krisen-Management hinausgehen und die langfristigen Wachstumskräfte stärken.“

Die Volkswirtschaft brauche Strukturreformen auf dem Arbeitsmarkt, müsse die strenge Regulierung bei den freien Berufen wie Anwälten oder Architekten lockern, die führende Stellung bei den Umwelttechnologien verteidigen und Forschung und Entwicklung stärker über Steuernachlässe fördern.

Die Forscher der Organisation erwarten, dass sich die Zahl der Erwerbsfähigen in Deutschland dramatisch verringern wird: Während heute noch 51 Prozent aller Bürger jünger als 15 Jahre und älter als 64 Jahre sind und damit in der Regel dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen, wird dieser Anteil bis 2030 auf gewaltige 74 Prozent steigen – und damit weit schneller als im Durchschnitt aller OECD-Länder.

Mehr Frauen im Arbeitsleben

Die Ökonomen fordern von der deutschen Politik daher Reformen, um die Zahl der Erwerbstätigen zu steigern. Das gelte vor allem für die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt. Sie arbeiten im Schnitt zehn Stunden pro Woche weniger als Männer und im internationalen Vergleich ist die Teilzeitquote besonders hoch: Während hierzulande mehr als ein Drittel aller Frauen Teilzeit arbeitet, ist es im OECD-Durchschnitt nur ein Viertel.

Zudem ist die Kluft zwischen den Löhnen für Frauen und Männern nur in zwei Industrieländern größer als in Deutschland. Die Ökonomen fordern deshalb tiefgreifende Reformen, um Arbeit und Vollzeitstellen für Frauen attraktiver zu machen. So müsse die kostenlose Mitversicherung von Ehepartnern in der gesetzlichen Krankenversicherung abgeschafft werden, das schaffe Anreize für die Ehepartner, ebenfalls zu arbeiten.

Außerdem mache es das Ehegattensplitting in seiner bisherigen Form unattraktiv für den geringer verdienenden Partner, mehr zu arbeiten. Die Organisation will deshalb gerne das Ehegatten-Splittings auf den Prüfstand stellen; allerdings räumen die Forscher ein, dass eine Abschaffung möglicherweise am Grundgesetz scheitern könnte; Reformen an der gemeinsamen Besteuerung seien dann eine Alternative.

Einwanderung besser steuern

Des Weiteren müsse die Einwanderung stärker an den Bedürfnissen der Wirtschaft ausgerichtet werden und die Hürden für besonders qualifizierte Migranten gesenkt werden. Auch für ältere Arbeitnehmer sollte es attraktiver werden, länger im Beruf zu bleiben, fordern die Experten der OECD.

Die Ökonomen empfehlen, dass bei der Berechnung der Rente die letzten Berufsjahre besonders stark zählen sollten; dann hätten Arbeitnehmer einen Anreiz, länger im Beruf zu bleiben, weil sie sonst erhebliche Einschnitte bei den Rentenzahlungen befürchten müssten. Gewerkschaften und Sozialverbände dürften diese Forderung stark kritisieren.

Freie Berufe liberalisieren

Neben Maßnahmen für den Arbeitsmarkt fordert die Pariser Organisation grundlegende Reformen in anderen Bereichen der Volkswirtschaft: Eine Liberalisierung der so genannten freien Berufe, zu denen etwa Architekten und Notare gehören, könnte das langfristige durchschnittliche Wachstum hierzulande von einem Prozent auf zwei Prozent anheben.

Zudem müsse Deutschland seine starke Stellung bei Umwelttechnologien stärken. Dazu solle die Politik aber auf den Markt setzen und den Ausstoß von Kohlendioxid noch stärker besteuern als bisher; dann könne Berlin darauf verzichten, Windkraft und Solarenergie über die Stromrechnung der Kunden zu subventionieren.