Gerüchte über eine drohende Pleite der spanischen Fluglinie Spanair machten schon seit Längerem die Runde – niemand aber hätte geglaubt, dass die gesamte Flotte ohne jegliche Vorwarnung plötzlich am Boden bleiben würde.
Doch am Freitagabend um 20 Uhr gab die viertgrößte Airline Spaniens bekannt, dass sie den Flugbetrieb einstellen werde . Finanzielle und sicherheitstechnische Probleme seien der Grund. Kurz darauf wurden die Passagiere aus startbereiten Maschinen von den Stewardessen zum Aussteigen aufgefordert.
„Man sagte uns, alle Flüge seien storniert und gab uns ein Formular für eine Reklamation“, sagte ein empörter Fluggast. Allein am ersten Wochenende strandeten 23.000 Passagiere auf Spaniens Flughäfen, darunter auch ein Wasserpolo-Team aus dem katalanischen L’Hospitalet, das nicht rechtzeitig zu einem Turnier nach Gran Canaria kam.
Dass die knapp 30 Spanair-Maschinen einfach nicht mehr abheben würden, darauf war niemand eingestellt, auch nicht der langjährige Spanair-Partner Lufthansa. Die Deutschen, die seit über zehn Jahren gemeinsam mit Spanair Routen bedienen, sprachen auf ihrer Internetseite von einer „überraschenden Einstellung des Flugbetriebs“ und boten den betroffen Passagieren kostenfreie Umbuchungen oder Stornierungen an.
Doch bei weitem nicht alle Passagiere schafften es, einen Sitz bei anderen Airlines zu ergattern, zumal einige Spanair-Ziele wie etwa die westafrikanischen Länder Gambia und Mali von der Konkurrenz auf der Iberischen Halbinsel überhaupt nicht angeflogen werden.
Spanair macht seit Jahren Verluste
Damit nahm ein Fiasko seinen Lauf, das sich lange angekündigt hatte. Spanair machte seit Jahren nur Verluste. Der Absturz einer Maschine der Fluggesellschaft im August 2008 auf dem Madrider Flughafen Barajas, bei dem 154 Menschen starben, war zugleich auch der Anfang vom Ende der Fluggesellschaft.
Im Jahr darauf verkaufte der Hauptaktionär, die schwedische Airline SAS, rund 85 Prozent des Kapitals der spanischen Tochter für den symbolischen Preis von einem Euro an die katalanische Landesregierung und eine Gruppe von Privatinvestoren, hauptsächlich aus dem Bereich Touristik.
Ziel war es, den Flughafen von Barcelona, der im ewigen Wettbewerb zu Madrid steht, aufzuwerten und noch mehr Touristen in die katalanische Metropole einzufliegen. Doch für die Neuaufstellung war es zu spät, denn Billigflieger wie Ryanair, Easyjet und Air Berlin hatten längst in Spanien Fuß gefasst und unterboten die katalanische Airline, die ein Low-Cost-Image ablehnte, mit deutlich günstigeren Tarifen.
In einem letzten verzweifelten Versuch, einen Industriepartner finden, schickten die Katalanen zu Jahresbeginn eine hochkarätige Delegation nach Doha, um Qatar Airways zum Einstieg zu bewegen. Zuvor hatte schon die Lufthansa, die kolumbianische Avianca, Turkish Airlines und Singapore Airlines dankend abgewinkt.
Und auch die Araber waren nicht bereit, die benötigten 130 Millionen Euro in das marode Unternehmen zu pumpen. Ein Blick auf die Bilanzen machte den Scheichs klar, dass Spanair ein Fass ohne Boden ist: Zwischen 2007 und 2010 verlor die Fluglinie über 670 Millionen Euro, während sich der Umsatz auf 600 Millionen Euro halbierte. Für 2011 liegen noch keine Zahlen vor, doch Experten gehen von einem astronomischen Fehlbetrag aus.
Die gestrandeten Passagiere ärgern sich zu Recht: Antonio Vazquez, Chef des spanischen Platzhirsches Iberia, hatte bereits am Montag letzter Woche gewarnt, dass die katalanische Airline bald pleite gehen könnte.
Wenige Stunden zuvor wurden noch Tickets verkauft
Dennoch wurden bei Spanair bis wenige Stunden vor der Bauchlandung munter Tickets verkauft. Der Todesstoß kam von der katalanischen Landesregierung. „Die hartnäckige Haushaltskrise und die fehlenden Aussicht auf einen neuen industriellen Partner gestattet es uns nicht, Spanair weiterhin finanziell zu unterstützen“ hieß es in einem Kommuniqué, kurz darauf stellte Spanair den Flugbetrieb ein.
In den letzten beiden Jahren hatten die Katalanen ihrer Airline 150 Millionen Euro Staatshilfen überwiesen. Die auf Autonomie bedachten Katalanen hielten aus Prestigegründen an einer eigenen Airline fest. Das war kein Problem, solange genügend Geld in den Kassen war. Doch mit dem Ausbruch der Schuldenkrise 2010 und dem Zwang zur Haushaltskonsolidierung war der finanzielle Spielraum für die katalanische Landesregierung erschöpft.
Auslöffeln müssen die Suppe nun die 2000 Spanair-Beschäftigten und weitere 1700 Beschäftigte in Subunternehmen. Sie werden das immense Heer der Arbeitslosen in Spanien, mittlerweile fast 5,3 Millionen Menschen, weiter vergrößern. In Madrid geht man davon aus, dass Spanair in wenigen Tagen Konkurs anmelden wird. Die spanische Regierung hat bereits Strafanzeige erstattet und droht mit Bußgeldern von neun Mio. Euro, weil Spanair seiner Transportpflicht nicht nachgekommen ist.




